Bierkrise

A–Z In Deutschland wird immer weniger Bier getrunken. Der Export geht zurück, Brauereien setzen auf alkoholfrei. Sind Hopfen und Malz schon verloren? Unser Lexikon der Woche
Bierkrise
Bild: Bettmann/Gettyimages

A

Alkohol Es gibt zwei Arten von Menschen: die eine, die Bier trinkt, weil es eine günstige Art ist, betrunken zu werden, und die andere, die steif und fest behauptet, dass Bier wirklich schmeckt. Unterstützt werden Letztere, die sich natürlich nur etwas vormachen, von den Brauereien, die inzwischen jede ihrer etablierten Biermarken nicht nur durch eine Mixery-Version (Mischung), sondern auch eine alkoholfreie Variante ergänzt haben. Bier, das temporäre Heilmittel für soziale Schüchternheit, das vermutlich schon so manche Ehe gestiftet und/oder ruiniert hat, ohne Alkohol? Das Bier wird zu einem hippen Erfrischungsgetränk degradiert. Das des Rausches beraubte Bier ist deswegen nun folgerichtig der Stimmungskiller in Kneipen, in denen vielerorts nicht einmal mehr geraucht werden darf. Kein Wunder also, dass mit dem Bier auch die Kneipe den Bach runtergeht. Marlen Hobrack

B

Bike Waren die quer durch die Gesellschaft verachteten Bierbikes vor einigen Jahren noch der Höhepunkt des Junggesellentourismus, wurden sie nach und nach in vielen Städten verboten. In Berlin dürfen die Bierbikes in der Innenstadt zwar weiter fahren, müssen aber besondere Straßen und Plätze wie den Pariser Platz, Unter den Linden oder den Gendarmenmarkt meiden. Geschäftsinhaber Hoffmann-Elsässer hält dagegen: Seine Gefährte seien auch kein größeres Verkehrshindernis als Trabbi-Safaris oder Pferdekutschen. Seine Geburt feierte das Bierbike in den Niederlanden. Vor 14 Jahren schraubte der Landmaschinenmechaniker Henk van Laar mit seinem jüngeren Bruder Zwier für die Feiern zum Königstag ein Gefährt zusammen, das halb Fahrrad und halb Kneipe war (Alkohol), das „Fietscafé“. In den USA werden die „PedalPubs“ zu 80 Prozent von Frauen und nur zu 20 Prozent von Männern gemietet. Da geht es eher um die Fitness, man spricht von regelrechten Workout-Touren mit Iso-Drinks und 0,0 Promille. Elke Allenstein

C

Craft Es ist in aller Munde, nur trinken wollen es wenige. Es hat mehrere Gründe, warum der Trend, handwerklich mit hochwertigen Zutaten zu arbeiten und alte Rezepte auszugraben, nicht aus der Nische herausfindet. Während man in Ländern wie Irland selbst in ländlichen Pubs selbstverständlich auch Craft Beer vom Fass zapft, fehlt es in vielen deutschen Kneipen selbst als Flaschenfüllung.

Hier wirkt sich einerseits die Marktmacht der großen Brauereien aus – die auch mit geschmacklich mickrigen Produkten an der Mode mitverdienen wollen. Zweitens aber liegt es an der hiesigen Craft-Beer-Szene selbst. Vielen Kleinst- und Selbstbrauern fällt wenig mehr ein, als das relativ leicht herzustellende IPA (India Pale Ale) anzurühren. Hauptsache, der dreifache Hopfen sticht ordentlich hervor, Nuancierungen stören nur. Drittens nervt das Distinktionsgehabe mancher Craft-Beer-Hipster, die sich mit blumigem Bullshit-Bingo als Connaisseure stilisieren (Documenta). Da ist etwa von Dry Hopping die irreführende Rede, als ob es beim Kalthopfen nicht feucht zuginge. À la Weinkenner wird eine Zitrus- oder Waldbeernote herbeifantasiert. Kein Wunder, dass da die Verbraucher das vermeintlich ehrlichere Industriebier kippen. Tobias Prüwer

D

Demo Rund um den G20-Gipfel in Hamburg waren Schilder mit der Aufschrift „G20 Bier holen“ beliebt. Die Urheber müssen bemerkenswert klarsichtig gewesen sein, erkannten sie doch die revolutionäre Kraft des Bieres (➝ Zukunft). In München weiß man um sie seit fast 100 Jahren. Dort, im Mathäser, einem Gebäudekomplex mit Bierkeller, gründete sich 1918 ein Arbeiter- und Soldatenrat, der die Münchner Räterepublik ausrief. Der große Bierkeller wurde zum Hauptquartier. Um den revolutionären Geist nicht zu trüben (denn zu viel Bier verträgt die Revolution anscheinend auch nicht), wurde das Weißbier mit Zitronenlimonade gestreckt. Weil die Kommunisten als Russen bezeichnet wurden, nannte man die Mischung der Überlieferung nach einfach „Russn“. Die „Russn-Maß“ gibt es bis heute. Die nächste große Revolution kann nicht weit sein. Benjamin Knödler

Documenta Wenn sich Braukunst im Rahmen der Documenta präsentiert, dann kommt ein Starkbier mit westafrikanischem Chili und Kasseler Honig heraus. Das etwa acht Euro teure Sufferhead-Stout, das von dem nigerianischen Künstler Emeka Ogboh entwickelt und von einer lokalen Brauerei in Kassel gebraut wurde, soll nach Migration, Assimilierung und Multikulturalismus schmecken – und in seiner tiefschwarzen Farbe Stereotype bloßstellen. Sagen die Kuratoren. Nach einem Fela-Kuti-Song wurde es benannt. Insgesamt 50.000 Flaschen sollen verkauft werden, inklusive aufwändiger Werbekampagne. Konzeptkunst oder Marketing oder eine Mischung aus beiden? In jedem Fall gilt es aufzupassen: Nach übermäßigem Konsum leidet der Kopf markant. Marc Peschke

M

Mischung Eher im jugendlichen Alter als lecker beschrieben, findet die süße Biermischung im Sommer ihr größtes Publikum. Ob im Süden als Radler oder im Norden als Alster, bei heißen Temperaturen erfrischen sie die Kehle. Was dem überzeugten Biertrinker wohl ähnlich fragwürdig erscheint wie Weinspezialisten Sangria, rangiert erfolgreich unter der Rubrik: „Hilfe, mir schmeckt kein Bier!“.

Seit 1993 dürfen die fertigen Mischungen als Abfüllprodukte vertrieben werden. Der Änderung des deutschen Biersteuergesetzes geschuldet sammeln sich im Späti-Kühlregal neben üblichen Limonaden Malziges mit Fruchtsirup gemischt, flavoured with Dragonfruit, und diverse Verfeinerungen der Sorte X und Plus (Kartell). Die Kür ist der frisch angerührte Biercocktail. Statt Soda oder Fruchtsaft wirkt hier Bier als sogenannter „Filler“. Exotische Namen wie Bavarian Fizz, Kölsch Colada oder Altbier Breezer finden sich trotzdem selten auf der Getränkekarte. Ein Boilermaker ist wohl schmackhafter: 5 cl Whiskey und ein Bier zum Nachspülen. Nina Rathke

K

Köbes Auf Kölsch heißt der Mann, der im Rheinland verdrossen das Kölsch bringt, Köbes. Köbes ist eine rheinische Variante von Jakob. Köbes nennt man auch jemanden mit Ecke und Kante. Das passt. Der Köbes ist ein ruppiger Kerl. Was man anderswo nicht anders als unverschämt bezeichnen müsste, gehört im Rheinland erfolgreich zum Lokalkolorit (Schweiz). Ursprünglich war der Köbes Brauereigehilfe, der tagsüber Kölschfässer schleppte und sich abends noch etwas dazuverdiente. Wieso freundlich sein? Was interessiert misch die Bierkrise! Da soll mal einer wagen, nach einem lächerlichen Viez zu fragen. Der Jeck kann froh sein, wenn isch das nur mit einem Augenrollen kommäntiere!

Im Brauhaus geht es nicht darum, nett zum Gast zu sein, sondern devot gegenüber der natürlichen Autorität, dem Köbes. Und dieser Stoiker, der dich ungefragt duzt, bringt dir das Bier solange, bis ein Bierdeckel auf deinem Glas liegt. Vielleicht veräppelt er dich nur beim Servieren der „Hopfenkaltschale“, wie nur sehr unwitzige Mainzer ein Kölsch in der Weltstadt Köln zu bestellen sich noch manchmal erdreisten. Dann hast du wirklich Glück gehabt. Katharina Schmitz

Kartell Wer erinnert sich noch? Die Strafzahlung war saftig. Im Jahr 2014 wurden elf Brauer, der Brauereiverband NRW und persönlich Verantwortliche wegen Preisabsprachen zu Geldbußen von insgesamt 338 Millionen Euro verurteilt. Sie hatten sich unter Leitung der Branchenführer zwischen 2006 und 2008 auf die gemeinsame Erhöhung von Fass- und Flaschenerlösen geeinigt. Als Kronzeuge ging Anheuser-Busch straffrei aus. Der Brauerei-Multi kam vorher bereits in einem Kartellverfahren in den Niederlanden als Kronzeuge geschont davon. Nun wird das nächste Kapitel des größten Bier-Kartells geschrieben: Die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt momentan gegen fünf Brauereien. Da können die Marken in ihrer Werbung noch so herumkumpeln: Beim Bier hört die Freundschaft auf. Tobias Prüwer

S

Schweiz Wer in der Schweiz ein Bier möchte, bestellt eine „Stange“. Das ist ein Glas mit 0,3 Litern Lagerbier, vergleichbar mit dem deutschen Pils. Wer mehr möchte, bestellt noch eine Stange. Und dann noch eine und so weiter. Wer weniger als eine Stange trinken möchte, der, so befürchtete die eidgenössische Bierindustrie, entfällt als Bierkonsument ganz. Dabei dachte sie wohl insbesondere an Frauen (Werbung). Ihnen traute man offenbar nicht zu, mit einer ganzen Stange fertigzuwerden. Oder sich zu trauen, eine ganze Stange zu bestellen.

Darum wurde in den 1990er Jahren die „Lady-Stange“ erfunden. An sich dasselbe wie eine normale Stange. Bloß in einem Glas serviert, das nur 0,2 Liter fasst. Bis heute ist die Lady-Stange in ländlichen Regionen der Schweiz auf mancher Getränkekarte zu finden. Manchmal dient auf diesen Karten das Wort „Lady“ selbst als Maßeinheit für 0,2 Liter. Ob mit dieser Maßnahme der Bierkonsum der Schweizerinnen tatsächlich erhöht werden konnte, wurde bisher nicht untersucht. Offenes Bier wird in der Schweiz direkt nach dem Zapfen serviert, nicht so wie ein deutsches Pils mit der typischen Schaumkrone. 55 Liter Bier wurden in der Schweiz im vergangenen Jahr pro – volljährigem – Kopf getrunken. Von Männern doppelt so viel wie von Frauen. Also 185 Stangen pro Lady. Oder 123, falls eine doch trinkt wie ein Mann. Susann Sitzler

W

Werbung Frauen servieren, Männer genießen. Beim kühlen Blonden, wie auch sonst häufig, ächzt ungehindert das Credo „Sex sells“. Dabei ist Sex vornehmlich eine halbnackte Frau ohne Gesicht – und was verkauft wird, ist ein Schluck prickelndes Hopfen. Die Frau als reine Zierde ist besonders bei der Bierwerbung augenfällig. Frauen trinken anscheinend kein Bier, sondern bewerben es.

Die Protestorganisation (Demo) Pinkstinks erklärt, für jene, die es noch nicht verstanden haben: „Geschlechtsdiskriminierende Werbung ist problematisch, weil Werbung nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft ist, der bereits existierende Verhaltensmuster reflektiert, sondern eine aktive Rolle im Rahmen der Konstruktion und Verfestigung von Geschlechtsrollenstereotypen spielt.“ Ihr Ziel: gegen Sexismus in der Werbung angehen. Eine Berliner Biermarke versucht ihren Teil dazu beizutragen. Seit Juli zieren 50 Prozent weibliche Konterfeis und ein Gendersternchen das Etikett. Der Name „Quartiermeister*in“ ist Teil der hauseigenen Kampagne gegen Sexismus und Stereotype. „Gleiches Bier für alle“, ist die längst überfällige Botschaft. Nina Rathke

Z

Zukunft Krisen gibt es immer, es liegt an uns, sie recht zu bewerten (Bike) – oder um es mit Karl Valentin zu sagen: „Früher war alles besser, sogar die Zukunft.“ Es stimmt ja, nicht gut steht es um die Politik, die Natur und die Finanzen, doch was sind solche Kleinigkeiten im Gegenlicht eines sich selbst auferlegten Bierverzichts? Wer sich eine Welt von morgen ohne Bier vorstellen kann, ist zu allem fähig. Und während die einen den Zerfall der Natur beklagen, indem sie Albert Einstein zitierend wütend ausrufen: „Erst sterben Bienen, dann stirbt der Mensch!“, sollten wir mit Rücksicht auf zukünftige Generationen die tatsächliche Krise benennen: „Erst stirbt der Biertrinker, dann stirbt der Mensch!“. Timon Karl Kaleyta

06:00 06.09.2017

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