Big in China

Krimi Adam Brookes setzt auf Hochspannung und einen dicken asiatischen James Bond
Big in China
Red brother is watching you

Foto: Getty Images

Stellen wir uns James Bond mit einem Schmerbauch vor. Oder Viggo Mortensen, der in Green Book als Italoamerikaner noch im Schlafanzug eine Pizza zu sich nimmt, um sein Gewicht zu halten. Dann ungefähr entsteht eine Vorstellung von der Hauptfigur in Der chinesische Verräter, Li Huasheng. In Beijing, das ist Peking, bewegt er sich ebenso selbstverständlich wie als Häftling eines Gulags in West-China, wie im Kanaltunnel auf der Flucht, wie unter Prostituierten und als verkleideter Anstreicher. Zwar ist Huasheng ein „zhishifenzi“, ein „Intelligenzler“. Da er 1989 im chinesischen Frühling jedoch zu einem Mord fähig war, setzt er sich in Hackordnungen unter reinen Verbrechern ebenfalls durch.

Der chinesische Verräter ist der erste Thriller von Adam Brookes, bereits 2014 erschien er auf Englisch mit dem Titel Night Heron, was sich als Erkennungscode herausstellt: „Nachtreiher“ ist der Deckname des ehemaligen M-I6-Agenten. Der Plot, den Li Huasheng auf fast behäbige Weise in Gang setzt, baut auf keinem brandneuen Skandal auf, keinem allseits bekannten weltpolitischen Konflikt und spielt vage in einer „jüngsten Vergangenheit“. Trotzdem könnte der Thriller spannender nicht sein, denn es geht um die feinen Fäden der Spionagenetze und die zeitlose Nachhaltigkeit von Gegenspionage.

Die Figuren von Adam Brookes könnten kaum unwahrscheinlicher sein, was ausgerechnet daran liegt, dass der Autor und ehemalige BBC-Reporter das Genre der „crime fiction“ versteht, also weder „fact“ noch „fiction“ vertauscht, und sich hier offensichtlich für die James-Bond-Version entscheidet. Denn kaum jemand könnte 20 Jahre Lager ohne psychischen noch physischen Schaden durchleben, es hellwach verlassen, so wie der unwahrscheinliche Li Huasheng (und sogar auf dem Weg durch die Wüste noch genüsslich eine Zigarette rauchen). Huasheng kann auch Actionszene: mit angehaltenem Atem und reiner Armkraft minutenlang übergewichtig an einer Mauer hängen, bis der Wachposten unter ihm seinen Rundgang wieder aufnimmt. Außerdem: sich an genaue Details eines Jahrzehnte zurückliegenden Verrats und eines Ballistik-Studiums erinnern. Traumata, Beschädigungen oder ein gebrochener Lebenswille belästigen Li Huasheng nicht, sie gehören der Zeit der abgelösten Kulturrevolution unter Mao Zedong und der Generation der Väter an.

Dem britischen Journalisten Philip Mangan gelingt zur gleichen Zeit, als Li Huasheng dem Straflager entkommt, ein Bilder-Coup von der gewaltsamen Räumung einer chinesischen Protestbewegung, die vielleicht auch eine Sekte ist, die jungen Wortführer werden in unbekannte Lager verschleppt. Für seinen Sender erreicht Mangan weltweite Aufmerksamkeit, für einen kurzen Moment. Nun soll er den ehemaligen MI 6 reaktivieren.

Adam Brookes, der als Reporter in Indochina und China gelebt, in Peking studiert hat, erzählt nun das, was in Zeitungen keine Story wert wäre. Er fantasiert dort weiter, wo der Reporter Brookes die Kontakte abgebrochen hätte, wo die Verstrickungen dagegen ihren fiktiven Lauf nehmen, wo die Neugier überwiegt, auch wenn die Recherche lebensgefährlich zu werden droht. Der Journalist Philip Mangan, chinesisch Mister Mang An, widersteht dem Angebot von Li Huasheng nicht, sich Kopien geheimer Dokumente der chinesischen Rüstungsforschung anzusehen.

Bleibt mal locker

Nichts ist wahr in diesem Thriller, bis auf das Massaker am Platz Tian’anmen und die klassische Oper Kunqu, für die sich Ting, die rechte Hand von Mangan, zufällig interessiert. Frei erfunden ist die plötzliche Hellhörigkeit, die im Londoner Geheimdienst die Apparaturen in Gang setzt, als der Nachtreiher neue Codes sendet, unwahrscheinlich ist es aber nicht.

In Interviews rät der Autor Brookes zu Entspannung und kann Verschwörungstheorien nichts abgewinnen. Statt „true crime“schlägt Der chinesische Verräter den Weg der internationalen Kriminalliteratur ein und setzt auf Hochspannung. Dabei wird der Journalist Mangan zum Spielball chinesischer Rachsucht und britischer Top-Strategen. Im Hin und Her zwischen London und Beijing kommt sich der Leser öfter vor wie in einem Film, während er über den „Vorfall am 16. April“ und über das Programm DF41 rätselt. Dass der Thriller auf explizite Bilder verzichtet, eine Identität von Li Huasheng nur in der Gewissheit von Borstenhaaren und einer untersetzten Gestalt besteht, dass Hautfarben in Großbritannien keiner Erwähnung bedürfen, das ist eine Stärke des Erzählers. Im Straflager war Li Huasheng die Nummer 5995, der Geheimdienst vermerkt ihn unter einer Chiffre. Huasheng ist der perfekte Spion, der seine Wandelbarkeit ständig neu unter Beweis stellt.

In Adam Brookes’ nachfolgenden Thrillern Spy Games und Spys Daughter taucht Li Huasheng nicht mehr auf, Mr Mang An alias Philip Mangan wird weiter herumspionieren. Es bleibt spannend.

Info

Der chinesische Verräter Adam Brookes Andreas Heckmann (Übers.), Suhrkamp 2019, 402 S., 15,95 €

06:00 07.11.2019
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