BILDER FINDEN

DAS GEHEIMNIS In Drohobycz fanden sich verschollenen Wandbilder von Brono Schulz - eine poetische Laudatio

    Der polnische Schriftsteller Bruno Schulz (1892-1942) war nicht nur Autor autobiographisch grundierter Erzählungen - darunter die berühmt gewordenen "Zimtläden" - sondern auch Maler. Der Schriftsteller Christian Geissler entdeckte, zusammen mit dem Dokumentarfilmer Benjamin Geissler im Februar 2001 in Drohobycz einige bislang verschollene Wandbilder, die Schulz während der Nazi-Besatzung anfertigte und von denen Christian Geissler an dieser Stelle poetische Kunde gibt. Der Film "Bilder finden" von Benjamin Geissler ist Ende des Jahres zu erwarten.

    In einer Blutspur

    Der Zwerg das Monstrum der Tänzer

    Sind wir

    Eine poetische Information

    1

    Äste erhoben

    wie Hände

    begrüßen die Salve der Stille

    (Jerzy Ficowski)

    2

    Bruno Schulz, jüdischer Tuchhändlersohn aus dem ostgalizischen Drohobycz, jetzt weltweit der polnische Dichter und Maler, ist geboren am 12. Juli 1892, ist gestorben am 19.November 1942. In Drohobycz.

    Es war eine dumme Verstimmtheit gewesen zwischen SS und SS, zwischen dem Landau, Felix und dem Günther, Karl.

    Schießt du mir meinen Juden, schieß ich dir deinen Juden.

    Auf offener Straße die deutsche Gemütlichkeit.

    Kopfschuss.

    Eines Vormittags im Randschatten alter Stadtparkbäume.

    Gegen elf Uhr dreißig.

    Gegen Bruno Schulz.

    Die Zeit.

    3

    Es ist nichts vergessen worden.

    Im Spätherbst des Jahres 1961 gab mir in München die Ärztin Hildegard Geissler das Buch ZIMTLÄDEN des Bruno Schulz. Bald war das für mich ein lebenswichtiger Text. Grenzübertretung. Der Unsinn der Liebe. Die klare Arbeit der Wörter im Schreck. Zu lesen war, aus den Jahren 1932 und 1933, dort dann auch das:

    Durch das Fenster konnte man wie durch ein Fernrohr die Tauben auf der Polizeihauptwache sehen, sie spazierten aufgeplustert über das Gesimse des Giebels. Mitunter rissen sich alle auf einmal los und drehten Halbkreise über dem Ring. Dann leuchtete das Zimmer ein Weilchen auf von ihren freien Flügen, erweiterte sich vom Widerschein ihres fernen Flatterns, um gleich wieder zu erlöschen, wenn sie herabfallend die Flügel schlossen. ›Dir, Szloma‹, sagte ich, ›kann ich das Geheimnis dieser Zeichnungen verraten. Von allem Anfang an überkamen mich Zweifel, ob ich tatsächlich ihr Autor sei. Mitunter scheinen sie ein mir selber nicht bewusstes Plagiat zu sein, etwas, das mir eingesagt, zugesteckt, untergeschoben wurde... Als ob sich etwas Fremdes für mir unbekannte Zwecke meiner Begeisterung bedient hätte. Um dir die Wahrheit zu gestehen‹, fügte ich leise hinzu, und blickte ihm in die Augen, ›ich habe das Original gefunden.‹

    Im Frühling 1992, anlässlich einer Ausstellung des grafischen Werkes von Bruno Schulz in München, fand ich im Katalog von Jerzy Ficowski einen weiteren Hinweis auf das Geheimnis:

    Es gibt Werke von Schulz, die unter ungewöhnlichen Umständen während der deutschen Nazi-Besatzung in Drohobycz entstanden. Hierbei handelt es sich um Wandfresken im Gebäude der ehemaligen polnischen Polizei, das später, unter den Deutschen, der Gestapo-Mann Felix Landau belegt hatte.

    Am 21. Mai 1999 schickte ich an einen Sohn, an den Dokumentarfilmer Benjamin Geissler, eine Notiz:

    Die Wandbilder sind bisher nicht gefunden worden. Lass uns losgehen und sie suchen. Es soll in der Ukraine ein Kinderzimmer sein. Wir werden es finden. Ich Alter will die Stadt abhinken, an Türen klopfen und Menschen fragen. Du, Sohn, hast die Kamera, sagst mir den Weg, weißt, was du willst, machst deinen Film. Uns wird ein Übersetzer begleiten. Er ist kein Antikommunist. Er ist kein Antisemit. Noch ist das möglich. Aber wer gibt uns das Geld?

    Am 3. Februar 2001 hatte der Sohn das Arbeitsgeld rangeschafft. Wir konnten auf die Piste gehen. Durch treibenden Schnee in die deutsche Spur.

    Neuengamme - Oranienburg - Groß Rosen - Sosnowiec - Pl-aszów - Józefów.

    Dann die Janowskastraße in L'viv. Dann unterm Bronicawald Drohobycz. Das arme Licht, die schwarzen Türen, der zerbrochene Boden, die niedergebückten Bettlerinnen, der strenge Mensch. In seinen Freundlichkeiten der Schmerz. In seinem Schmerz die Freundlichkeit. Der Schreck, das Rätsel. Der Rat. Dann also die ›Landau-Villa‹.

    Turmschmal das Schandhaus mit Hexenhut.

    Dann also wir in dem Haus. Wir vier. Der polnische Tonmann, der ukrainische Assistent, der Sohn und ich.

    Und also dann, am 9. Februar 2001, dort in der Rumpelspeisekammer, dort in dieser vormals polnischen Polizeizentrale, es flogen jetzt Raben, nicht Tauben, dort, gegen elf Uhr dreißig, haben wir von Bruno Schulz die Wandmalereien gefunden. Die Hungerbilder aus Tanz und Flöte und Pferd. Unter schäbiger Kalkverstreichung die Schatten. Unter Knoblauchbündeln und Tüchern und Töpfen das Märchenauge.

    Den Zwerg, die Prinzessin.

    Ein Knie.

    Hatten wir da gut lachen?

    Hatten wir vor uns da das Malen mit erhobenen Händen.

    Hatten wir da im Elend niedlich die Anstrengungen ums nackte Leben.

    Hatten wir da den polnischen Maler gegen den Meister aus Deutschland.

    Hatten wir uns da.

    Wir sind aus Deutschland.

    Wir hoben Lampen gegen die Wand.

    4

    Und dann sieht man in diesem Schein

    rot tröpfelnd

    die Hände menschenförmiger Wesen.

    Heute kenne ich diese Hände,

    obschon sie bei Tage so rein wie eine Oblate sind:

    beifallklatschend verabschiedeten sie die Züge,

    in denen uns für immer verließen

    Rosa Gold und Frycek aus dem Schrankversteck,

    ihre Toten zurücklassend.

    (Jerzy Ficowski)

    5

    Kein Viehtransport nach Bel-zec für Bruno Schulz.

    Ärgerlich nur ein Schuss.

    Da stehen wir still.

    Die Salve der Stille.

    Da rührt von uns keiner die Hand.

    Wer hatte uns an diesen Platz gebracht?

    Wann hätten wir was denn gefunden ohne

    Pola, ohne Ludmila, ohne Alfred, ohne

    Iwan, ohne Sascha ohne Marek, ohne Roman? Ohne Jurko? Ohne Jerzy Ficowski?

    Es ist jedes mal im Erfolg einer Arbeit

    die Aufmerksamkeit und die Treue von Vielen.

    Die Ernst machen.

    Die sagen: Unser Ziel sind wir selbst.

    Da sind wir froh.

    Da finden wir uns verrückt.

    Aus unserer Suche jäh gestürzt in das Ziel.

    In das Geheimnis der Zeichnung, Szloma.

    In den Schatten einer Erniedrigung.

    In die Schrift der Schande an karger Wand.

    Ins Original, Szloma.

    Das Original ist die Angst.

    Der König stieren Blicks da saß.

    Der Sohn sagt: Freude.

    Der Sohn sagt: Wir haben gefunden.

    Der Sohn sagt: Schulz am Ende ist stärker

    als Landau.

    Ich sage das nicht.

    6

    Denn es ist zu denken der Schweiß

    im Nacken.

    Denn es ist zu denken rundlich Gewalt,

    die Mündung.

    Denn es ist zu denken ein fetter Spaß deutsch.

    Denn es ist zu denken, im SS-Kinderzimmer gab es ein deutsches Märchenbuch. Mal mir das ab, Jude, fehlerfrei, das da und das!

    Denn es ist zu denken, dass es untergeschoben gemütlich eingesagt war, lass uns zusammen was kleistern, du Dreck, schaff mir den zweiten Pinsel!

    Denn es ist zu fragen, wem möchte Bruno Schulz diese Bilder zeigen?

    Denn es ist zu fragen, was Fremdes sich seiner Begeisterung bedient hatte.

    Denn es ist zu fragen, was decken wir auf.

    Ich sagte das nicht.

    Wir alle hatten jetzt viel zu tun.

    Finden hat Folgen.

    7

    Die Wohnung des Mörders Landau ist seit vierundvierzig Jahren bewohnt von einer Frau und einem Mann. Beide sind jetzt alt, sehr arm, sehr bang. Sehr frei. Der Mann ist sehr krank. Die Schulden aus Medikamentenbeschaffung wachsen. Auch drückt eine Trauer. In den vierzehn Tagen vor unserer Ankunft ist den alten Eltern der Sohn gestorben. Jetzt steht ihnen in der Abstellkammer die deutsche Kamera für Bruno Schulz. Wer ist ihnen Bruno Schulz? Sind es nicht böse Bilder? Was ist ihnen die Lust einer sensationellen Entdeckung? Was wollen ihnen die Wissenschaften im Elend? Wer sind die in Tagen und Stunden nun einfliegenden Experten aus Warschau und Lemberg und Kiew? Was für ein Männerkampf ist in der Küche am dritten Tag?

    (Benjamin Geissler vertreibt einen polnischen Fernsehmann, der versucht, uns zu linken. Der Absprachen bricht. Der lügt.)

    Was ist in einer ukrainischen Stube heute eine deutsche Gewalt, die Recht hat? Die Folgen unserer Entdeckung sind für zwei arme, erniedrigte Menschen gefährlich. Wann kommen die tüchtigen Zivilitären und schmeißen die Dollars der Freiheit und verkaufen die beiden Alten irgendwohin weg ins Fremde? Benjamin Geissler organisiert an drei und vier Tagen und Nächten den Schutz gegen solche Gefährdungen. Zuerst will ich Schutz, sagt er. Seine wichtigste Arbeit nach der Entdeckung der verlorenen Bilder ist die Arbeit gegen den Schreck, gegen die Hilflosigkeit derer, die Recht haben, gegen die Bestürzung aus einer Überstürzung.

    Also Telephonkonferenzen. Also Ermahnungen und Kampf. Also Zeiten für Trost. Also schließlich im Rathaus der Bürgermeister der Stadt Drohobycz, der ohne Wenn und Aber den Schutz für die Menschen im ›Landauhaus‹ zusagt, verbürgt, verordnet.

    8

    Nicht nur entdecken und schützen.

    Benjamin Geissler sagt, wir sind auch verantwortlich für das, was wird, aus den gefundenen Bildern, aus dem Haus der letzten Arbeit, der Todesnotarbeit des Bruno Schulz. Bruno Schulz ist auf gut deutsch ermordet worden. Wir sind gut deutsch. Dreißigtausend oder vierzigtausend Kinder und Mütter und Männer sind zwischen Juli 1941 und Juli 1944 in Drohobycz auf gut deutsch ermordet worden. Wir sind gut deutsch. Das bleibt.

    Das geht in die Zukunft.

    Ohne Geschichte sind wir ohne Gesicht. Willkürlich die Maske. Und darum sagen wir es jetzt so: Es möge das Mörderhaus Landau ein internationaler Bruno-Schulz-Gedenkplatz sein, Bücher und Bilder. Nicht nur ein Museum, sagt der polnische Tonmann Marek S´las,ki. auch eine Begegnungsstätte. Zum Nachdenken, Reden und Schweigen. Zum Essen und Trinken und Schlafen und Freuen.

    Wie aber setzen wir woher so viel Geld in Bewegung? In dieser Welt ohne Geld hat auch der liebste Plan keine Beine.

    Es eilt.

    Wohin?

    Wir denken zuerst an Reemtsma. Der weiß. Der weiß deutsche Geschichte. Wir denken an ein vernünftiges deutsches Pflichtentgelt aus dem Staatskulturministerium.

    Wir denken an Berthold Beitz. Der war nicht nur Adenauers Berater. Er war nicht nur Generalbevollmächtigter im Hause Krupp. Er hat, zusammen mit seiner Frau, als Jungmanager in Nazi-Ölgeschäften nach Drohobycz, in den Shoah-Jahren 1941 und 1942 und 1943, nicht gezählte Jüdinnen und Juden gerettet. Es war eine Selbstverständlichkeit, sagt Beitz. Es war eine Anständigkeit, sagt Beitz. Es war deutsch möglich, sagt Beitz. Berthold Beitz ist heute der Vorsitzende der Krupp-Stiftung.

    Das ist gut und nicht schlecht, sagt gerne der Vorsitzende Mao Tse Tung.

    9

    So ist es gut.

    Steinebewegung.

    So soll es sein.

    Grenzübertretung.

    Pikant, pikant.

    Krupp bezahlt die Erinnerung an den Menschen.

    So möge es sein.

    Es eilt.

    Mit Verlaub.

    10

    Der alte Mann geht

    Der Stein bäumt sich auf.

    (Jerzy Ficowski)

00:00 16.03.2001

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