Bilder in Bewegung

Zwischen Comic und Slapstick Im Internet hat sich eine eigenen Filmkultur entwickelt - Online-Kino von Computer-Nerds für alle Netzbenutzer

Das Internet mit seiner beachtlichen Breitenwirkung dient schon lange als Werbeplattform, um Kinostarts marketinggeschickt anzuschieben. Einen eigenen Einfluss auf die Filmwelt hat es allerdings lange Zeit nicht entfaltet. Doch während die klassische Filmindustrie sich weiter mit den technischen Verbesserungen des Kinoerlebnisses herumplagt, ist das Internet mittlerweile weiter: Stichwort Online-Kino.

Im Internet hat sich eine Gemeinde etabliert, die mit selbstproduzierten Online-Filmen weit über ihr Medium hinaus für Furore sorgt. Kino im Netz hat allein in den letzten zwei Jahren durch die weitere Verbreitung von Breitbandnetzen enorm an Bedeutung gewonnen. Gehörten vor Jahren noch ruckelnde Bilder und abbrechende Verbindungen zum Standard für eine große Modem-Gemeinschaft, so ist mittlerweile durch ISDN und leistungsstarke Prozessoren das Filmerlebnis auch online durchaus erträglich. Natürlich wird sich noch niemand ein zweieinhalb-Stunden-Epos im Internet herunterladen, geschweige denn anschauen. Doch anders als viele Digital-Video-Filme, die gerne großes Kino wären, vertrauen die für das Internet produzierten Filme ganz auf das neue Medium.

Gerade im Low-Budgetbereich angesiedelte Internetfilme wie Flash-Animationen weisen einen neuen Trend: Laufende Bilder funktionieren im Internet anders. Auf unzähligen Websites präsentieren Programmierer, Grafiker und Comic-Zeichner selbstproduzierte Filmchen, die mit einer neuen Software von Macromedia möglich geworden sind. Flash ist die Kombination eines Grafikprogramms, wie etwa Photoshop, mit einer Animationssoftware, die es ermöglicht, einfache Bilder in Bewegung zu setzen und mit Musik zu unterlegen. Für das Internet bedeutet Flash den Sprung vom Stummfilmzeitalter zur Tonfilmära. Flashfilme ähneln vielfach noch den bekannten Fernsehcartoons, die in kurzer Zeit auf den Punkt kommen und damit dem Internet-Nutzerverhalten entgegenkommen. Bei einer Geduldsspanne von etwa 30 Sekunden, die den Surfern unterstellt wird, sind den Flash-Geschichten Grenzen auferlegt, die sich inhaltlich und vor allem ästhetisch auswirken. Visuelle Reduktion ist deshalb eines der üblichen Charakteristika vieler Flash-Animationen. Geringe Herstellungskosten prädestinieren die Filme darüber hinaus für den multimedialen Einsatz - bald wohl auch auf Handys und Taschencomputern.

Längst ist die Flash-Technologie nicht mehr nur für Programmierer und Computerspezialisten interessant. Auch profilierte Filmemacher wie Tim Burton oder David Lynch zieht es zu dem neuen Medium hin. Burton beispielsweise hat eine Comicfigur mit dem Namen Stainboy entwickelt: Wegen seines ungewöhnlichen Aussehens von seinen Eltern ausgesetzt, hilft er der Polizei bei der Suche nach Verbrechern. In der für Burton typischen Vorliebe für groteske und makabre Handlungen, schafft es der Held am Ende immer - meist ohne eigene Anstrengungen - den Gegner zur Strecke zu bringen.

Stilistisch sind die Flash-Filme oft zwischen Comic und Slapstick angesiedelt. Beispielsweise die Parodie der Krimiserie Magnum, in dem der Detektiv lächerlich und unbeholfen herüberkommt - mit seinen bekannten und gleichzeitig völlig überzeichneten Insignien wie Hawai-Hemd und Ferrari. Unterlegt wird der ultrakurze Film von der eingängigen Titelmusik, die der Filmemacher unterbrochen von einem Lachanfall selbst singt.

Doch auch düstere Themen werden verarbeitet. So erzählt der Flash-Film Human Bomb die Geschichte eines Mannes, dem die Nazis einen Sender ins Gehirn implantiert haben, der auf elekromagnetische Wellen reagiert. Als alter Mann sitzt er nun in einem Park und hebt zur Musik von Jugendlichen seinen Arm zum Hitlergruß. In eindringlichen Schwarz-Weiß-Bildern und mit einer anspruchsvollen Dramaturgie gehört der Film sicherlich zu den Highlights bisherigen Flash-Schaffens.

Interessanterweise ist die Flash-Szene besonders in Frankreich, wo Comics und Cartoons seit jeher eine größere Rolle spielen, stärker ausgeprägt. Französische Flash-Schmieden wie Bechamel oder TeamcHmAn arbeiten längst nicht mehr nur für das Internet. Mit ihren Animationen beliefern sie mittlerweile auch Fernsehsender und Filmproduktionen.

Doch Filme lassen sich inzwischen auch mit sogenannten Game-Engines basteln. Die als brutal und blutrünstig verschrienen Ballerspiele wie Quake und Doom ermöglichen es den Spielern, ihre Spielzüge abzuspeichern. Talentierte Programmierer haben darüber hinaus einen Weg gefunden, die Handlung dieser Aufzeichnungen nach ihrem Belieben zu verändern. Durch den direkten Zugriff auf den Quellcode des Spiels ist es möglich, alle Handlungsabläufe und sogar die Figuren, Hintergründe und Raumentwürfe zu beeinflussen und neu zu kreieren. Daraus hat sich eine kleine Community geformt, die als "Machinima-Bewegung" - einer Wortschöpfung aus Machine und Cinema, für die Weiterverbreitung der Filme eintritt. Auf ihrer Seite lässt sich die Herstellungssoftware, mit der jeder Mittelbegabte Machinima-Filme produzieren kann, kostenlos herunterladen. Außerdem geben sie Tipps, wie man am besten eine Story konzipiert, sie vertreibt oder technische Komplikationen vermeidet. Herausgekommen sind Filme, die nichts mehr mit den nach den Erfurter Ereignissen indizierten Spielen zu tun haben. "Digitaler Punk", so der Machinima-Guru Hugh Hancock, "der die Produktionsmittel in die Hand einer breiten Masse legt. Schlafzimmerhacker und Garagenautoren greifen Verfahren auf, die es gestatten, eine neue Art von computergenerierten Filmen zu machen." Machinima gilt seither als revolutionäre Software, mit der sich kinderleicht und fast kostenlos eindrucksvolle Geschichten erzählen lassen.

Einer der bekanntesten ist Hardly Workin vom Ill Clan aus New York. Der insgesamt 16-minütige Film erzählt die Geschichte von zwei Holzfällern, die in einem Schnellrestaurant für Unruhe sorgen. Mit seinem an Monty Python angelehnten Humor gehört der Film sicherlich zu den schrägsten Ausprägungen des Machinima. Entstanden ist er aus dem frühen Ego-Shooter Quake2, bei dem es noch nicht möglich war, die Figuren ohne Waffen auftreten zu lassen. Deshalb laufen alle mit Äxten oder Messern herum.

Als eine Art Kollektiv arbeitet der Ill-Clan schon lange an kurzen Machinima-Filmen, die sie neben ihrer Arbeit als Programmierer und Online-Grafiker fabrizieren. "Die Filmdialoge", so Ill Robinson, der im wirklichen Leben Paul Marino heißt, "entstehen bei uns in Spontan-Comedy-Sessions. Auf Zuruf der Mitspieler werden die Sketche frei improvisiert." Diese Spontaneität sorgt für den speziellen Charme, der die Filme des Clans prägt.

Die kurzen Machinima-Stories gehorchen zwar oft noch den Regeln einer klassischen Dramaturgie und bieten vorwiegend actionreiche Verfolgungsszenen. Doch es entstehen erste aufwendiger und intelligent gemachte Filme, die die Möglichkeiten des Internet zur Interaktivität nützen. In diesem Bereich ist das Internet schließlich allen anderen Medien weit überlegen. Das Kino, bei dem die Interaktivität mit der Auswahl des Filmes endet oder das Fernsehen, das über interaktive Elemente im Tele-Shopping bisher nicht hinausgekommen ist, geraten dabei eindeutig ins Hintertreffen.

Gerade die Computer-Spiele-Industrie hat diese Karte bislang erfolgreich ausgespielt. Bei vielen aufwendigeren Spielen wechseln sich interaktive Elemente und Filmsequenzen ab. Der Spieler bewegt sich zwischen reiner Unterhaltung und aktivem Eingreifen, kann einzelne Optionen wählen und wird so lange bei der Stange gehalten.

Dass die Spielefirmen mit ihrer Unterhaltungsware mittlerweile einen größeren Umsatz haben als alle Hollywood-Studios zusammen, ist kein Geheimnis mehr. Online-Game-Klassiker wie beispielsweise Everquest finanzieren sich aus monatlichen Gebühren der Mitspieler, die aus aller Welt online gegeneinander antreten. Das virtuelle Bruttosozialprodukt von Everquest soll höher sein als das von Bulgarien.

Die digitalen Filme im Internet haben ihren Platz gefunden. Online-Festivals wie Flash-Forward, Flash-Award oder auch das in diesem Jahr erstmalig ausgetragene Machinima-Filmfestival erfreuen sich regen Zulaufs. Wahrscheinlich werden in Zukunft nicht mehr auf der Berlinale oder in Cannes, sondern hier die neuen Talente entdeckt.

Zum Weitersurfen:


www.flashforward2002.com/sf/films


www.flash-award.com, www.machinima.com


www.shorts-welcome.de, www.illclan.com


www.atomfilms.com

00:00 11.10.2002

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