Bilder mit Bildern bekämpfen

Schuss und Gegenschuss mit der Kamera Eine Tagung über den Propagandafilm im Zweiten Weltkrieg

Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer". Das stellte schon Aischylos fest, und seine Wahrheit wurde in unseren Tagen in Afghanistan, im Kosovo und im Golfkrieg erneut bestätigt. Die Tagung im Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms über Wochenschau und Propagandafilm im Zweiten Weltkrieg hatte somit ganz aktuelle Bedeutung, wurden damals doch zum ersten Mal - der Erste Weltkrieg war nur ein unbedenkendes Vorspiel - "Bilder mit Bildern bekämpft", wie es NATO-Sprecher Shea im Krieg gegen Jugoslawien formuliert hatte.

Zum ersten Mal filmten Kriegsberichter der Propagandakompanien (die schon mit dieser Bezeichnung aus ihrer Funktion kein Hehl machten) auch an vorderster Front, was Kay Hoffmann, einer der Referenten der Tagung, zu der polemischen Frage veranlasste, ob es einen "nationalsozialistischen Realismus" gegeben habe. Zu den PK-Männern gehörten Namen wie Sepp Allgeier und Guzzi Lantschner, die bei jenen "Bergfilmen" mitgewirkt hatten, durch die zum ersten Mal Realismus auf die Leinwand gekommen war (und übrigens auch Werner Bergmann, der später bei der DEFA an der Seite Konrad Wolfs arbeitete). Alle Aufnahmen gingen freilich durch einen Berliner Filter, aber in der letzten Kriegsphase straften oft die Bilder den immer noch krampfhaft optimistischen Kommentar Lügen. Rückzüge ließen sich nicht mehr als Offensiven verkaufen, ein müder, gealterter Hitler erinnerte nicht mehr an das einstige Idol der Massen, zu dem ihn nicht zuletzt der Film gemacht hatte.

In den Hochzeiten erster Siege gingen viele Menschen nur der Wochenschau wegen ins Kino - schließlich gab es noch kein Fernsehen. 2.500 Kopien erreichten 1942 1,1 Milliarden Zuschauer. In allen besetzten Ländern gab es eigene Ausgaben der Deutschen Wochenschau. Bei den gezeigten Beispielen aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden fiel der gemäßigtere Sprachduktus gegenüber dem aggressiven hämmernden Kommentar der Deutschen Wochenschau auf, der dazu noch stets von einer emotionalisierenden martialischen Musik begleitet war.

Den Kontrast hierzu lieferten zwei inzwischen klassische Dokumentationen von Humphrey Jennings (London can take it, Listen to Britain) über den Widerstandswillen seiner Landsleute angesichts der Luftwaffen-Bombardements: mit ihren zurückhaltend kommentierten Alltagsimpressionen eine eher indirekte Propaganda. Bilder von Opfern der Angriffe waren nur für den Export in die USA bestimmt. Das Zeigen der eigenen Toten war allerdings überall ein Tabu. Obwohl Zensur in Großbritannien illegal war, wurde sie trotzdem vom Ministry of Information ausgeübt. Der Film spielte hier eine geringere Rolle als in Deutschland. Bei einer Umfrage, woher die Interviewten die meisten Kenntnisse über den Krieg bezögen, kam er erst an sechster Stelle, die Spitzenposition nahm die BBC ein.

In den USA durften Bilder vom Angriff auf Pearl Harbour erst ein Jahr später gezeigt werden, zusammen mit Aufnahmen von Reparaturarbeiten an getroffenen Schiffen. Die Darstellung Hitlers, Mussolinis und des Tenno als Gangster war keine Anleihe bei Brechts Arturo Ui, sondern populärer Begrifflichkeit geschuldet, ebenso wie die Beschwörung der Verteidigung christlicher Werte. Von der Stilisierung des Gegners zur Verkörperung des absolut Bösen führt, wie Michael Renov von der University of Southern California betonte, ein gerader Weg zu Reagan und Bush. Ebenso erinnert die Ikonographie des ersten Films der Reihe Why we fight von Frank Capra mit der patriotischen Eingangssequenz von Jefferson, Capitol und Freiheitsstatue an bis heute gültige Muster. Außer Capra drehten auch andere Spielfilmregisseure wie John Ford, William Wyler und John Huston Kriegsdokumentationen. Walt Disney produzierte Instruktionsfilme für verschiedene Truppenteile wie Kill or be killed. Ein Propagandafilm mit dem Titel Justice enthielt die Aufforderung, jeden Tag einen "Japs" zu töten. Aber genau wie später änderte sich auch damals rasch das Feindbild. Nach der Besetzung Japans und der Umerziehung der einstigen Gegner durch die Amerikaner nahmen bald die bis dahin verbündeten, aber nun kommunistischen Chinesen die Stelle der Japaner ein - ohne dass die rassistischen Untertöne gegenüber der "gelben Gefahr" geändert werden mussten.

Während Marc Ferro für Frankreich das weitgehende Fehlen antinazistischer Propaganda konstatierte, vermisste man Beispiele (auch von Besatzungswochenschauen) aus Osteuropa, aus der Sowjetunion wurde lediglich Alexander Dowshenkos Schlacht um unsere Sowjetukraine gezeigt. Der vor allem durch seine Spielfilme (Arsenal, Erde) bekannte Regisseur zeigt hier nicht zuletzt einfache Menschen, auch Gefallene - Sujets, gegen deren Fehlen in der offiziellen Wochenschau er polemisiert hatte. Über solche und andere Eigenheiten sowjetischer Kriegspropaganda informierte der materialreiche Vortrag des Berliner Filmwissenschaftlers Hans-Joachim Schlegel, der auch darauf hinwies, dass in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes bis zum Überfall alle Filme mit antifaschistischer oder gegen Deutschland gerichteter Tendenz (einschließlich Eisensteins Alexander Newski) verboten waren. Hier sorgten die Aggressoren selbst für ein neues Feindbild, das Illusionen über ein noch vorhandenes Widerstandspotential deutscher Kommunisten, wie sie auch vom Wunschdenken deutscher Exil-Künstler genährt worden waren, zunichte machte. Die Grenzen zwischen Propaganda und Fakten verlaufen eben manchmal fließend.

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00:00 14.12.2001

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