Bildet Banden

#MeToo Beinahe hätte unsere Autorin ihr Statement wieder gelöscht. Am Ende hat sie es stehen lassen. Denn aus vereinzelten Outings kann etwas Größeres werden
Bildet Banden
In Frankreich haben Tausende, vor allem Frauen, den Protest auf die Straße getragen

Foto: Bertrand Guay/AFP/Getty Images

Ich auch. Ich habe auch #metoo auf meine Pinnwand geschrieben. Der Hashtag-Protest erschütterte erst die Traumfabrik Hollywood, dann auch die Theater- und Filmbranche Deutschlands und zieht immer weitere Kreise. Die ehemalige Skifahrerin Anja Pärson berichtet von traumatischen Erfahrungen, Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries kritisiert misogynes Verhalten in der deutschen Wirtschaft. Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon und der Gründer der österreichischen Grünen Peter Pilz treten zurück. Sexismus überall. Und durch die mediale Aufmerksamkeit bleibt dieser zumindest momentan nicht folgenlos.

Frauen müssen sich ständig wehren, damit Machtverhältnisse am Arbeitsplatz oder anderswo nicht zu ihren Ungunsten ausgenutzt werden. In Bereichen, in denen es viel um Körper und Emotionen geht, wie beispielsweise am Theater, der Bereich, in dem ich arbeite, können Übergriffe besonders gut kaschiert werden. Schon auf der Schauspielschule wird – direkt oder indirekt – vermittelt, dass der Körper das Kapital ist, mit dem die Frau sich um Arbeit bewirbt – Talent kommt erst an zweiter Stelle.

Männer bekennen sich unter #ihave zu begangenen Übergriffen oder geloben mit #iwill Besserung. Kein Wunder, dass sich einige von dem Hashtag pauschal angegriffen fühlen – sie konnten das Thema bisher mit Leichtigkeit übersehen. Dass Harvey Weinstein und Michael Fallon ihre Handlungen damit begründen, sie hätten ihre Manieren in einer anderen Zeit gelernt, zeigt deutlich, wie sehr die machtvollen Kreise in Politik und Wirtschaft von altgedienten Männerriegen beherrscht werden.

Es braucht ein Umdenken von unten

Was mir auf den Magen schlägt, ist etwas Anderes: Während die schwarze Frauenrechtlerin Tarana Burke den Slogan schon vor Jahren prägte, bekam der Hashtag erst mit der weißen Schauspielerin Alyssa Milano Aufmerksamkeit. Die öffentliche Solidarität und Verschwesterung richtet sich an weiße, gut ausgebildete Frauen und funktioniert deswegen so gut. Zudem gab es mit #YesAllWomen oder #BeenRapedNeverReported bereits Online-Kampagnen zu dem Thema, die keine derartige Aufmerksamkeit bekamen – offensichtlich, weil sie aus einer weniger prominenten Ecke kamen.

Ich überlege, mein Hashtag-Statement einfach wieder zu löschen, aber etwas hindert mich daran: Mir ist passiert, was mir passiert ist, und #metoo gibt meinem Schmerz ein Zuhause. Dass die, die Straftaten begangen haben und lange durch Schweigen geschützt wurden, nun zu Verantwortung gezogen werden, ist gut. Doch es braucht auch ein Umdenken von unten. Hashtag-Proteste können lediglich digitale Ankerpunkte größerer Bewegungen sein wie zum Beispiel bei #BlackLivesMatter. Das wünsche ich mir auch für #metoo – digitale Gruppentherapie und öffentliche Bandenbildung statt vereinzelter Outings. Raum für das Infragestellen verschiedener Machtverhältnisse.

Seit kurzem gibt es tatsächlich Ausbrüche aus der medialen Form der persönlichen Bekennung einzelner Prominenter und einzelner Männer, die sich verantworten müssen: Beim diesjährigen Miss-Peru-Wettbewerb gab jede Teilnehmerin anstelle ihrer Körpermaße – Brustumfang etc. – erschreckende statistische Zahlen zu frauenfeindlicher Gewalt im Land zu Protokoll. Am gleichen Tag demonstrierten Tausende, vor allem Frauen, in verschiedenen Städten Frankreichs unter dem Schlagwort „Moi aussi“ und trugen den Protest damit auf die Straße. Auf dass #metoo weiter Wogen schlägt und zu einem solidarischen Gesprächsraum beiträgt, in dem, so wie Burke den Slogan auffasst, geteilte Wunden besser heilen können.

12:11 09.11.2017

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