Bildlandschaften erwandern

Kunst Cees Nooteboom schafft es, einen eigenen Blick auf Hieronymus Bosch zu werfen
Michael Girke | Ausgabe 20/2016
Bildlandschaften erwandern
Der Prado selbst hat Nooteboom beauftragt, über Boschs Werke zu schreiben

Foto: Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Europa ehrt den großen niederländischen Maler zu dessen 500sten Todestag. Große Ausstellungen zu Bosch im niederländischen Hertogenbosch, in Madrid und ab Juni auch im Bucerius-Kunstforum in Hamburg. Es gratuliert auch der populäre, zuletzt aber aus dem öffentlichen Fokus geratene Romancier Cees Nooteboom. Brauchen wir aber wirklich noch ein Buch über Bosch, ist nicht längst alles gesagt? Unsinnige Frage. Boschs Bilder sind so eigen, dass Experten bis heute über deren Bedeutung streiten. Dazu besteht der Reiz von Nootebooms Unterfangen darin, dass sich kein Akademiker, sondern ein eigenwilliger Schriftsteller dem Werk eines bildenden Künstlers nähert.

Der Prado, Madrids Museum für klassische Malkunst, hat Nooteboom beauftragt, durch Europa zu reisen, um Boschs Originale in Augenschein zu nehmen und darüber zu schreiben. Traumhafte Arbeitsbedingungen, dennoch Tücken. Eine ist der beträchtliche zeitliche Abstand. Wir Heutigen, meint Nooteboom, besitzen einfach keine hinreichenden Kenntnisse mehr von Bibel und Mythologie, die zu Boschs Lebzeiten selbstverständlich waren und alle seine Bilder motivisch speisen.

Wie hat Bosch gedacht? Man weiß, er war gut situiert, Sohn eines erfolgreichen Malers, verheiratet mit einer Frau aus wohlhabender Familie. Den abgelegenen Heimatort Hertogenbosch hat er zeitlebens nie verlassen, aber dennoch Europas Höfe und Kirchen mit Bildern beliefert. Auftragskunst, Illustrationen von Jesu Leben oder dem der Heiligen – die Bosch auf anderen Bildern allerdings unverhohlen in Frage stellte. Seine Kunst, sagen Experten, vermittle einen Eindruck davon, welch tiefe Risse das lange Jahrhunderte festgefügte christliche Weltbild seinerzeit schon durchzogen. Aufruhr in den Köpfen. Die Kirche hätte Bosch als Ketzer verurteilen können, doch er hatte Gönner in höchsten Kreisen.

Bosch malte Bild auf Bild, Triptychon auf Triptychon, nutzt den Erfolg, strickte an ihm weiter, scheute Wiederholungen nicht. Aber er hat keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Nootebooms Buchunternehmen, das vor allem ein Versuch ist, eine Sprache für die Ausdrucksweise dieses Malers zu finden, droht aufgrund von Faktenmangel zu scheitern. Aber er findet einen Ausweg: Im Museum von Madrid sieht Nooteboom Infrarotaufnahmen von unteren Schichten des Bosch-Werks Anbetung der Könige. Er sieht Vorstufen, sieht, was Bosch verändert hat, wie er nachdenkt. Plötzlich ist da doch eine Nähe zu dem ferngerückten Künstler. Charakteristisch für seine Werke ist ja, dass diese bis zum Bersten mit Personal angefüllt sind. Ein Gewimmel von lauter Miniaturszenerien, das Nooteboom als Vermögen deutet, Gleichzeitigkeit zu veranschaulichen. Hier steht Klugheit direkt neben Dummheit, Menschlichkeit neben triebhafter Brutalität, das eine vom anderen nicht zu trennen. Der Maler albträumte die Gesellschaft, sah überall Widerwärtigkeit und kein Prinzip Hoffnung. „Alles hier“, schreibt Nooteboom, „hat die Farbe von Angst und Gewalt.“ Eine Welt, die so fern gar nicht ist.

So weit die Deutung. Beindruckend wird das Buch aber erst dadurch, dass Boschs Bildlandschaften gleichsam erwandert werden und den Leser mit dem plastisch poetischen Schreibstil mitnehmen. Ein großes Defizit gibt es leider. Der üppige Bildteil zeigt zwar, Nootebooms Blick folgend, etliche Ausschnitte und Details von Bosch-Werken, aber kein einziges ganz. Bosch steckt im Detail, sicher, erst recht aber steckt er in seinen Gesamtkompositionen. Es gibt schon so viele Bücher über Bosch, Meilensteine des Kunstverstands darunter. Doch Nootebooms schmaler Band setzt bravourös eine Tradition von Schriftstellerwerken fort, die sich in einer Entdeckungsreise der Kunst nähern.

Info

Reisen zu Hieronymus Bosch. Eine düstere Vorahnung Cees Nooteboom Schirmer/Mosel 2016, 80 S., 29,80 €

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