Kirchlich ist oft besser

Bildung Konfessionelle Schulen sind beliebt – wer das nicht gern sieht, muss in staatliche investieren
Kirchlich ist oft besser

Illustration: Max Guther für der Freitag

Es ist ein gutes Jahrzehnt her, dass der Skandal um das katholische Canisius-Kolleg in Berlin losbrach. Jahrzehntelang waren dort Schüler der sexualisierten Gewalt von Padres ausliefert. Zwar waren schon vorher solche Fälle aufgekommen, dieser aber brach ein Siegel: Immer mehr Opfer solcher Taten im Kontext kirchlicher Institutionen wagten sich an die Öffentlichkeit. Die Kirche aber versagte oft. Nun steht gar der emeritierte Papst Benedikt XVI. im Fokus, der wenig Einsicht zeigt.

Infolge dieser Skandalkette gerieten konfessionelle, speziell katholische Schulen ins Zwielicht. Wäre es nicht Zeit, unter den vielen Privilegien der Kirchen besonders das der Schulträgerschaft zu überdenken? Höchste Zeit für die Trennung von Staat und Kirche im Bildungsbereich?

Die Forderung wirkt folgerichtig, aber nur auf den ersten Blick. Man kann sein Urteil dabei getrost auf die Empirie der Anmeldeformulare bauen. Allgemein sinkt das Vertrauen in die christlichen Religionsgemeinschaften zwar rapide: Laut einer Forsa-Umfrage vertrauten 2019 nur noch 14 Prozent der katholischen Kirche – sicher auch wegen der Missbrauchsproblematik. Doch obwohl Eltern hierfür hoch sensibel sind, unterrichten Schulen in christlicher Trägerschaft weiterhin Hunderttausende Kinder und Jugendliche.

Abzüglich der berufsbildenden und der sogenannten Bekenntnisschulen – konfessionelle Bindung bei staatlicher Trägerschaft – unterhalten die Evangelischen Kirchen etwa 630 allgemeinbildende Schulen, die laut EKD die Nachfrage nicht bedienen können. Und auch die 690 allgemeinbildenden katholischen Schulen haben keinen Nachwuchsmangel. Ihre Anzahl ist seit Jahren konstant, während die Zahl der staatlichen Schulen sinkt.

Warum wählen Eltern Konfessionsschulen?

Dass Eltern Konfessionsschulen wählen, hat verschiedene Gründe. Eine religiöse Bindung ist oft nachrangig. Sicher spielt auch ein Wunsch nach sozialer Abgrenzung eine Rolle. Doch jenseits dessen sind diese Schulen oft einfach gut. Manchmal haben sie ein besonderes pädagogisches Profil. In einschlägigen Foren finden sich viele Berichte über ein engagiertes, humanistisches Schulklima, während Klagen über konfessionelle Hartleibigkeit alter Sorte selten geworden sind.

Die anhaltende Beliebtheit dieser Schulen zeigt auch die Defizite des unterfinanzierten öffentlichen Schulsystems. Allen Sonntagsreden zum Hohn sind staatliche deutsche Schulen im europäischen Vergleich schlecht ausgestattet. Zumal in Ostdeutschland ziehen sich die staatlichen Schulen geradezu aus der Fläche zurück. So beträgt der Anteil der Schulen in freier Trägerschaft in Sachsen mittlerweile rund ein Viertel, bundesweit sind es elf Prozent. Und beim Schulgeld sind die oft stiftungsfinanzierten konfessionellen unter den privaten Schulen nicht selten die zugänglichsten.

Kirche und Staat sind im Grundgesetz nicht völlig getrennt. So bezieht sich das „Sonderungsverbot“ für freie Schulen nicht etwa auf die Religion. Es soll nur sicherstellen, dass die Schulwahl nicht von Besitzverhältnissen abhängt. Ist das untolerierbar anachronistisch? Viele konfessionelle Schulen nehmen inzwischen Nichtgetaufte auf, längst nicht alle veranstalten verpflichtende Andachten. Zudem stimmt es zwar, dass auch andere Glaubensgemeinschaften das in Artikel 7, Absatz 4 des Grundgesetzes verankerte „Recht zur Errichtung von privaten Schulen“ nutzen können. Das wäre ein Argument gegen Konfessionsschulen, wenn ein Zerfall der Bildungslandschaft nach Religionszugehörigkeit drohte. Doch bundesweit gibt es neben den christlichen nur 16 jüdische und einzelne islamische Schulen.

Die Kirchen gehören zu dieser Gesellschaft. Man mag der Meinung sein, sie müssten vom Staat sauberer unterschieden werden. Es ist aber keine gute Idee, so große Fragen zuerst im Schulsystem lösen zu wollen. Wer Konfessionsschulen fürchtet, soll die staatlichen attraktiver machen. Und Kindesmissbrauch droht überall, wo Strukturen es Pädokriminellen leicht machen.

Kirchlich ist oft besser

Jürgen Amendt ist Redakteur der Zeitschrift Erziehung und Wissenschaft

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