Bildungsschizo

Bildungsreformen Die Spar- und Umverteilungsmaßnahmen, die von der Politik verordnet werden, stehen in einem eklatanten Widerspruch zu den Bedürfnissen im Bildungsbereich

Die Veröffentlichung des OECD-Bildungsberichts Bildung auf einen Blick in der vergangenen Woche bringt neuen Stoff in die Debatte um bildungspolitische Reformen. Doch die Praxis der Politik und die tatsächlichen Erfordernisse klaffen weit auseinander.

Die Bildung der heute 25-Jährigen steht in anderen OECD-Ländern deutlich höher als bei der vorigen Generation, nicht so in Deutschland. Insbesondere haben, wie bekannt, viele andere Länder Deutschland überholt, was den Anteil der Abiturienten und der Studierenden an einer Generation angeht. Das stellt ein Problem dar. Bereits in den Automationsstudien der achtziger Jahre wurde ein wachsender Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften prognostiziert. Deutschland versäumte es, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Was bisher nicht so deutlich gesagt wurde, hebt der OECD-Bericht hervor: Das Problem, dass die Erwerbsbevölkerung immer älter wird, verschärft sich durch die stagnierende Teilnahme der Jungen an der höheren Bildung in Deutschland deutlich stärker als in anderen Ländern. Die Folgen für das Arbeits- und Aufstiegsklima, für Kooperation und Erfahrungstransfer in Arbeitsteams wären genauer zu beschreiben.

Instant-Studium für Lehrer

Nun ist es, wie bekannt, mit Statistiken so eine Sache. Hochschulstudium ist nicht gleich Hochschulstudium, womöglich ist die Intelligenzia in Deutschland klein aber fein, in anderen Ländern größer aber gröber. Eilfertig verweist die ministerielle Kurzfassung des Berichts auf die neu eingerichteten Master- und Bachelor-Studiengänge, die bereits zu einem Ansteigen der Studentenzahlen geführt hätten. Schließlich würden mit kürzeren Studienzeiten die Ausbildungen besser auf die wechselnden Bedürfnisse des Arbeitsmarkts abgestimmt und "individuelle Hemmschwellen, ein Studium anzutreten, unter Umständen merklich gesenkt". Werden jedoch, so fragen sich bereits manche Hochschullehrer, die kürzeren Studien mit deutlich niedrigerem Qualifikationsniveau in allen Branchen den ja doch insgesamt steigenden Qualifikationsanforderungen genügen? Wird das Kurzstudium demgemäß eine echte oder eine Scheinlösung darstellen? Werden die Studenten "erster Klasse" den anderen die Jobs wegschnappen, wie es jetzt die Abiturienten mit den Lehrstellen machen?

Mit Zahlen lassen sich immer auch gegensätzliche Ziele begründen, die Interpretationen stehen dann in einem mehr oder weniger laut ausgesprochenen Verhältnis zu den bildungspolitischen Zielen. Bei der finanziellen Ausstattung der Oberschulen liegt Deutschland gut auf mit den anderen, bei den Grundschulen weit darunter. Könnte da ein Bildungspolitiker herauslesen, dass, angesichts leerer Kassen, im Oberschulbereich ruhig zugunsten des Primarbereichs gespart werden kann? Doch Vorsicht, wir wollten ja mehr Abiturienten und mehr Studenten haben. Wer in der Oberschule spart, bringt dieses Ziel wiederum in Gefahr. Sicher ist, dass Deutschland zum Schaden aller bei den Jüngsten geknausert hat. Doch schauen wir genauer hin, mit welchen Rezepten die Fehler korrigiert werden. Angesichts sinkender Schülerzahlen in den Grundschulen werden in der deutschen Hauptstadt LehrerInnen an die Oberschulen umverteilt. Sollten die frei werdenden Kräfte nicht besser für intensivere Betreuung kleinerer Gruppen genutzt werden, wo doch der OECD-Bericht den ungünstigen Betreuungsschlüssel in Deutschland hervorhebt?

Projekt Ganztagsschule

Bildung auf einen Blick stellt, wie zuvor schon die PISA-Studien, den sozialen Zusammenhang der Bildung klar. Soziale Benachteiligung führt in Deutschland zu Benachteiligung in der Bildung, umgekehrt ist höhere Bildung ein guter Schutz gegen Arbeitslosigkeit. Das mag trivial sein. Es ist aber nicht mehr trivial, und zwar deswegen nicht, weil die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Bildung systematisch dethematisiert werden. All die Ergebnisse und Einsichten laufen auf die altbekannte Tatsache hinaus, dass Bildungspolitik Gesellschaftspolitik ist, dass aber umgekehrt die Weichenstellungen in der Gesellschaft, zum Beispiel in Richtung Massenarbeitslosigkeit, vom Bildungssektor aus nicht rückgängig gemacht werden können. Einzig der Politiker Helmut Kohl hatte einmal in einer schwachen Stunde den Mut zu murmeln, dass die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit, anders gesagt: Vollbeschäftigung, längst kein Ziel der Politik mehr sei.

Die Politik rechnet folglich mit der Zerrüttung eines bestimmten Anteils von Familien. Das grundgesetzlich gestützte Konzept der schulischen Bildung setzt allerdings immer noch ein stabiles Dreieck von Eltern, Schülern und Lehrern als institutionelles Fundament der Schule voraus. Man lese nur die Schulgesetze nach. Die Wirtschafts-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik der vergangenen zwanzig Jahre hat die eine Säule, die Eltern, in einer großen Anzahl von "Fällen" zum Einsturz gebracht. Hier fallen die Eltern als Kooperationspartner im Erziehungs- und Bildungsprozess aus. Statt diesen Offenbarungseid zu schwören und daraus geeignete Konsequenzen zu ziehen, lassen die Politiker die Säule ideell und rechtlich stehen und legen stattdessen ein Programm für den Ausbau von Ganztagsschulen auf. Immerhin, wird mancher sagen. Schauen wir wieder auf diese Stadt Berlin. Hier wurden den Gesamtschulen, meist Ganztagsschulen, Laborantenstellen für die Vorbereitung des naturwissenschaftlichen Unterrichts gestrichen. Eine zweite Wochenstunde für die Betreuung der Klassen durch die Klassenleiter ist schon vor Jahren verschwunden. Schuldruckerei - überflüssig. "Flankierend" fasst der Berliner Senat eine Kürzung der Stellen im schulpsychologischen Dienst ins Auge. Kurzum, dieselben Politiker haben die Arbeitsbedingungen an den bestehenden Ganztagsschulen in den vergangenen Jahren derart verschlechtert, dass man ihnen ihr Bekenntnis zur Ganztagsschule nicht so recht abnehmen kann. Wie werden sie diese Schulen mit Personal, mit Räumen für sinnvolle Beschäftigungen ausstatten? Wofür werden die vorgesehenen vier Milliarden reichen?

Unscharfe Bildungssziele

Am schärfsten ist den bildungspolitischen Zielen in Deutschland anzusehen, dass sie unscharf sind. Die Schulpolitiker nutzen den bei vielen Eltern ausbrechenden Trend, das Genie ihrer Wonneproppen schon kurz nach der Stillphase zu entdecken, um den schulischen Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten immer weiter vorzuverlegen. Fremdsprachenerwerb ab der dritten, nein möglichst schon ab der ersten Klasse. Während die einen Soziologen und Bildungsforscher sich noch mit der Pidgingeneration von deutschen Türken beschäftigen und mühsam herausfinden, was LehrerInnen längst wissen, nämlich dass diese mit ihrer Doppelidentität sprachlich und mental vielfach offensichtlich überfordert sind, denken andere darüber nach, ob Heimatkunde für Fünfjährige nicht lieber zweisprachig erteilt werden soll. Tiefere Einsicht in die Natur des menschlichen Lernens oder schlichtes Nachgeben angesichts einer Wirklichkeit, die dadurch bestimmt ist, dass immer mehr Eltern ihre Kinder je früher, desto lieber irgendwo in Ballettschule oder Fußballverein abgeben wollen, damit die anderen den kleinen Einstein herausmeißeln?

Symptome einer Spaltung

Was will die deutsche Bildungspolitik? Wer die Szene in diesen Jahren beobachtet, erkennt Symptome einer Spaltung des bildungspolitischen Diskurses und der wirklichen Politik. Die SPD will angeblich mehr Abiturienten, die ein Studium aufnehmen könnten. In den OECD-Ländern nimmt fast die Hälfte eines Jahrgangs das eine oder andere Studium auf, in Deutschland nicht einmal ein Drittel. Das soll anders werden. Bessere Ausschöpfung der Bildungsreserven des Landes, ist die Devise. In Berlin betreibt die SPD gerade eine Verkürzung der gymnasialen Oberstufe um ein halbes Jahr, wie sie es in Rheinland-Pfalz bereits vor zwei Jahren durchgesetzt hat. Die Deutsch- und Fremdsprachenkenntnisse der Absolventen von Oberstufen in sozialen Brennpunkten, um nur einen wichtigen Bereich zu nennen, sind keinesfalls ausreichend. LehrerInnen wissen, dass häufig noch in der 11. Klasse an der für den Abiturerfolg zentralen Fähigkeit, Sachverhalte und Zusammenhänge logisch und sprachlich korrekt darzustellen, intensiv gearbeitet werden muss. Spracherwerb und -entwicklung brauchen Zeit, lassen sich, im Unterschied zu anderen Lernprozessen, nicht beliebig beschleunigen. Was anderes wird geschehen, als dass sich der Auslesedruck auf die Schüler erhöht und der "Ausstoß" an Abiturienten an diesen Schulen in eher benachteiligtem sozialem Umfeld deutlich verringern wird? Wird doch zugleich versichert, dass nicht daran gedacht sei, die Ansprüche an das Abitur zu senken. Bevor die Bildungsreform ihre Widersprüche nicht klärt, wird sie keine Begeisterung bei den Betroffenen auslösen.

00:00 08.11.2002

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