Billig ist zu teuer

Streik Der Arbeitskampf bei Ryanair zeigt, wer die Zeche für das Geschäft mit den günstigen Flügen zahlt
Billig ist zu teuer
Die Billigfliegerei ist am Ende

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Lange war dieser Streik überfällig, und er traf mitten ins Schwarze: Piloten von Europas wichtigster Billigfluggesellschaft Ryanair ließen am 10. August in Deutschland, Belgien, Irland und Schweden die Maschinen am Boden stehen. 400 Flüge von europaweit rund 2.400 wurden gestrichen, 55.000 Passagiere konnten nicht wie geplant befördert werden. Die Ryanair-Aktie brach um 4,2 Prozentpunkte ein. Seit Ende Juli das Flugbegleitpersonal des Billigfliegers in Belgien, Italien, Portugal und Spanien die Arbeit niederlegte, hat das Papier rund ein Fünftel seines Börsenwerts verloren.

Ryanair-Chef Michael O’Leary, sonst berühmt für seine großmäuligen Sprüche, war ganz still. Zuvor hatte die Airline die Streiks als „ungerechtfertigt“ und „überflüssig“ bezeichnet und – in den Niederlanden – versucht, ein gerichtliches Streikverbot zu erwirken. Mittlerweile ist klar, dass Ryanair nicht nur damit gescheitert ist: Die jüngsten Streiks der Piloten und Kabinenbeschäftigten haben unmissverständlich klargemacht, dass das Geschäftsmodell des Unternehmens als solches am Ende ist.

„No frills“ – „kein Schnickschnack“ war dessen Kernidee, und damit war nicht nur gemeint, dass jede Flasche Mineralwasser an Bord extra bezahlt werden muss. Keine andere Billigfluggesellschaft hat derart brutal auf Entrechtung, Demütigung und Ausbeutung der eigenen Beschäftigten gesetzt wie die Ende der 1990er durchgestartete Ryanair. Das Unternehmen hat sich dabei nicht nur zum Anführer im Marktsegment der damals in Europa erst neu entstehenden Billigfliegerei gemacht, sondern auch als Eisbrecher für die komplette Branche Standards geschleift und die Arbeitsbedingungen in der Luft neu definiert. Scheinselbstständige Piloten, die Geld an die Airline zahlen, um auf ihre Flugstunden zu kommen, Flugbegleiter, die sich für ihre Ausbildung verschulden müssen, keine Lohnfortzahlung, stattdessen Zwangsurlaub im Krankheitsfall – mittlerweile hat sich herumgesprochen, wie die unsoziale Kehrseite eines Geschäftsmodells aussieht, das einem erlaubt, für 9,99 Euro von einer europäischen Großstadt in irgendeine andere zu fliegen.

Der Grund, warum damit nun Schluss ist, sind die ausgeschöpften Arbeitsmärkte. Piloten, aber auch Flugbegleiter sind nach Jahren enormen Wachstums im Luftverkehr nicht mehr so leicht zu bekommen – jedenfalls nicht zu jedem Preis. Die Gewerkschaften, die es mittlerweile ganz gut schaffen, sich international zu koordinieren, sind in der Offensive und holen sich, was Ryanair ihnen zwanzig Jahre lang verweigert hat.

Auffällig groß war die Sympathie für den Streik in der deutschen Öffentlichkeit – selbst unter den am Boden gebliebenen Fluggästen überwog das Verständnis. Ryanair verhält sich obszön, und jeder weiß das. Nichtsdestotrotz wäre es dumm, den Konflikt lediglich als Betriebsunfall eines von einem gierigen Kapitalisten fehlgeleiteten Einzelunternehmens zu sehen. Nicht nur Ryanair hat den Bogen überspannt – das Modell einer immer weiter wachsenden Billigfliegerei ist am Ende, weil seine sozialen und ökologischen Kosten schlicht zu hoch für uns alle sind.

Ob es dafür bereits eine politische Mehrheit in der Gesellschaft gibt, ist schwer zu sagen. Vor allem für die jüngere Mittelschichtsgeneration, die mit der Billigfliegerei aufgewachsen ist, dürfte es hart werden, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass es kein Grundrecht auf das 20-Euro-Ticket nach Rom oder Ibiza gibt und auch nicht geben kann und soll.

Europa für 9,99 Euro

Tatsächlich ist die verbreitete „Recht auf Billigflug“-Mentalität mittlerweile ein problematischer Aspekt unserer westlichen Alltagskultur und ein ernstes Hindernis für den dringend gebotenen Ausstieg aus der sozialen und ökologischen Sackgasse der Billig- und Vielfliegerei. Festhalten muss man aber auch: Ursächlich für den Schlamassel ist sie nicht – genauso wenig wie die Gier und der Zynismus eines Michael O’Leary. In den vergangenen 20 Jahren hat der Ryanair-Chef nichts anderes gemacht als das, wofür ihm europäische Kommission, Regierungen von Dublin bis Berlin und Kommunalpolitiker aller Flughafenstandorte geradezu den roten Teppich ausgerollt haben – nur dreister und poltriger als die meisten Mitbewerber.

Ohne die gedankenlose Schnäppchenvielfliegerei der Rollkoffer-Party-Generation zu entschuldigen: Das Problem ist nicht einfach ein überzogenes Mobilitätsbedürfnis, sondern weit mehr seine neoliberale Pervertierung. Ein Vierteljahrhundert lang haben Politiker – von konservativ-liberal bis links und grün – die Billigfliegerei als Zukunfts- und Wachstumsbranche gehätschelt, haben Tourismuslobby und ihre Helfer in der Kulturindustrie das Leitbild einer schnell mal für ein Taschengeld quer durch Europa jettenden Spaßgesellschaft in die Köpfe einer heranwachsenden Generation gehämmert. Der Ryanair-Streik könnte Anlass sein, all das in Frage zu stellen. Es ist Zeit, darüber nachzudenken, wie wir „Mobilität für alle“ so organisieren können, dass Beschäftigte menschenwürdig bezahlt werden und Umwelt und Klima nicht den Bach runtergehen.

06:00 17.08.2018

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