Bin ich ein Monster oder bin ich Gott?

Alltag Gilt als exotisch, ist aber Alltag - Jugendtheater in Marzahn

Ach tot ist er, oh Not! Nun Dolch, mach fort, zerreiß des Busens Schnee!" die kleine Blonde sinkt ächzend in den Tod. Probe auf den schwarzen Dielen beim Jugendtheater KOMMUNE CAKE, das seit vier Jahren als eine von fünf Gruppen beim "Klubtheater 2000" besteht - mit wechselnden Darstellern und großer Affinität zum Improvisationstheater, das lange Zeit im Mittelpunkt der Arbeit stand. Erstaunlich, wie schmalzig Shakespeare sein kann. Ein Boulevardstück altmodischer Art, dabei ist es der Sommernachtstraum. Pyramos und Thisbe sind hin. Ernst kann das nicht gemeint sein. Schon kommt eine dritte Gestalt und heult: "Das war kein schönes Spiel!" Shakespeare ist Stück im Stück. Die drei Darstellerinnen, zwei davon Gymnasiastinnen kurz vor dem Abschluss, sind Trolle. Trolle in Utopia, dem Land der Phantasie, das am Aussterben ist. Um nicht gemeinsam mit dem sagenhaften Reich der Träume, Ideale und Sehnsüchte unterzugehen, suchen die Trolle neue Bewohner. Werbung per Website, aber noch besser, so entscheiden sie, ist ein Casting. Wer will die mit Maschinen überfüllte, monotone Erde verlassen und bei den drei frechen, liebenswürdigen Geistern Zuflucht finden? Wer belebt Utopia wieder? Es folgt der Auftritt der Bewerber. Eine unorthodoxe Mischung von Figuren, real und legendär, manche beides zugleich; die kleine Rahmenhandlung bietet Platz für alle. So bewerben sich Marylin Monroe und Kurt Tucholsky mit Liedern um den Platz bei den Trollen, zwei Jungen aus Wedekinds Frühlingserwachen präsentieren sich und ihre Nöte mit Liebe und Sexualität, ein softer Hippie singt, ein Revolutionär (aus Camus´ Die Gerechten) bringt die Härte und das Verbrechen der kommunistischen Utopie in die weiche Zauberwelt. Natürlich fehlen, wenn von utopischen Lebensentwürfen die Rede ist, der Kleine Prinz und sein Fuchs nicht. Alles ist möglich. Auch das Böse erscheint; einen Konflikt braucht jedes Stück. Schwarz ist es gekleidet, pechschwarz das Haar, es trägt Silberschmuck und hat die Augen sorgsam schwarz umrandet. Aber das ist kein Kostüm, sondern Nicole Schulz´ private Aufmachung, ein schönes Symbol, bewusst gewählt, nur das Wort "Gruftie" will sie nicht hören. Die Figur - der Utopiator genannt - sieht sie als überspitzte Form von sich. Die Texte schrieb sie sich selbst. Bedrohlich schreitet sie als Utopiator über die Bühne. "Bin ich ein Monster oder bin ich Gott?" Ein paar Szenen später triumphiert sie: "Scheue nicht die Depression, denn die Welt ist schlecht und ich zeige es dir!" Dass am Ende das Gute in Gestalt eines Trolls dem Bösen den Mond über - Utopia statt Soho zeigt, dass alle zusammen singen, ist reine Ironie. Denn die Welt ist nicht gut, das Böse liebt das Gute nicht und auch das Gute ist nicht einfach gut. Die großen Fragen sind nicht leicht zu beantworten, so bleiben sie offen - auch am Ende des Stücks, das sie immerhin stellt, diese Fragen nach dem Sinn und der Hoffnung und der Liebe. Keinen Kleinkram auf die Bühne bringen, sondern die Dinge aussprechen, die wichtig sind. So muss es sein für das junge Ensemble aus Berlin-Marzahn. Spiellust, das Knistern vor der Premiere und der Genuss, auch mal die Rampensau zu sein, die den Applaus kassiert - das gehört für die 14 Spielerinnen und Spieler dazu, aber ganz vorn steht die Frage nach dem Inhalt. Die Botschaft an die Freunde im Publikum, an die Fremden, wenn sie sie denn aufnehmen wollen, und an sich selbst, auch wenn am Ende nur der Appell bleibt, selbst nachzudenken und "Utopia" in den Köpfen der Menschen zu erhalten, es nicht untergehen zu lassen. Alexander Liedtke, Abiturient, Darsteller der Wedekind-Szene und Freund der anspruchsvollen Sprache des Dichters, hätte lieber eine klare Aussage für das Publikum; einen Text über die Liebe aus dem 2. Korintherbrief hatte er vorgeschlagen. Aber - pragmatische Entscheidung - das Stück war ohnehin schon zu lang. Katrin Umlauft, auch im letzten Jahr am Gymnasium, die Marylin Monroe der Inszenierung, ist im Gegensatz zu ihm "hundertprozentig" mit dem Stückschluss einverstanden. Nur keine Lösungen anbieten! Das Stichwort Utopien verband sie anfangs ohnehin immer mit dem Wort "gescheitert". Angefangen bei Tomas Morus´ Sonnenstaat bis hin zu den Träumen der Menschen aus ihrem Umkreis sieht sie nur gescheiterte Utopien. So empfand sie den Begriff als negativ. Inzwischen begreift sie ihn anders, versteht, dass den Figuren im Stück Hoffnung bleiben soll. Welches ihre eigenen Träume sind, darüber denkt sie nach. Sie sagt: "Wenn wir hier in der Gruppe über die Welt diskutieren, sind wir alle deprimiert. Aber man kann nicht immer die großen Konflikte auf der Welt im Kopf haben. Das Leben soll weitergehen! Ich frage mich im Moment: Was will ich? Ein Schauspielstudium wäre schön. Aber erst mal gehe ich vielleicht für ein Jahr ins Ausland."

Alexander wird nach dem Abitur seinen Zivildienst in Minsk leisten, dort in einem Krankenhaus für krebskranke Kinder und einem Integrationskindergarten arbeiten. Es ist ihm wichtig, dass der Verein, der seinen Einsatz in Weißrussland ermöglicht, für Interessierte auf dieser Seite genannt wird. Nach seiner Rückkehr aus Minsk, will Alexander studieren, Soziologie, Erziehungswissenschaften, Friedens- und Konfliktforschung. Wenn er sich in dem Jahr nicht noch ganz anders entscheidet.

Die komödiantische Trollfrau Manuela Beier wird Tischlerin. In einer Fabrik bleiben will sie aber nicht. Alte Möbel restaurieren, Bühnenbilder bauen - das wäre es schon eher. Mal sehen. Es ist nicht einfach, herauszufinden, was man wirklich will. Eine Binsenweisheit, das macht es nicht leichter. Vielleicht kann so ein Stück, nach eigenen Ideen, aus eigenen Ängsten und Utopien entwickelt, dabei helfen. Was nicht heißen soll, das dies eine Selbsterfahrungsgruppe ist. Sie machen Theater, die 14 Leute, mit Anspruch und für Zuschauer, die so offen sind wie sie. Marzahner "Laufpublikum" erscheint nur spärlich zu den Vorstellungen und wenn, gab es bisher meist obszöne Kommentare ab. Im Punkthochhaus, das sich über dem kleinen Theaterraum türmt, wohnen offenbar keine potentiellen Zuschauer. Die Jugendkunstschule nehmen viele nicht wahr.

370 solcher Schulen gibt es in Deutschland, ein Angebot von freien oder kommunalen Trägern. In Berlin sind es 20, eine davon in Marzahn. Sie heißt "Art for Fun", besteht seit 1995 und bietet Kurse und Projekte in Musik, Theater und Tanz an. Finanziert wird sie vom Senat und über ABM-Stellen von der Bundesanstalt für Arbeit. Knapp, zu knapp sind die Mittel immer, Honorare und Geld für Bühnen- und Bürotechnik fehlen wie in allen ähnlichen Projekten, die die alltägliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen machen. Über die Notwendigkeit solcher Angebote zu reden, ist nicht nötig. Rund 130 Kinder und Jugendliche besuchen die Jugendkunstschule in Marzahn, die jüngsten sind fünf, die ältesten Anfang 20. Viel ist das nicht, gemessen an der Größe des Bezirks, der darum kämpft, sein Image zu verbessern und Mieter zu halten. Dass die Theatergruppe, die die Schauspielerin und Theaterpädagogin Maria Pfeffer leitet, schon seit vier Jahren besteht, ist selten in der Jugendarbeit. Die Kreuzbergerin hatte keine Scheu vor Marzahn und seinem schlechten Ruf. Sie erinnert sich, dass es damals keine Angebote für Jugendliche in der Gegend gab. Die 14-, 15-jährigen, die zu ihr kamen, um Theater zu spielen, erschienen oft schon eine Stunde vor Beginn der Probe und blieben hinterher noch. Es war für sie der wichtigste Termin der Woche. Inzwischen haben viele Darsteller gewechselt, ist die Zusammensetzung der Gruppe homogener geworden (viele machen Abitur, eine junge Frau wird Einzelhandelskauffrau, einige studieren), das Klima ist anders, vielleicht zuversichtlicher als noch vor ein paar Monaten. Das hat das Stück und das Thema "Utopia" überhaupt erst möglich gemacht, meint die Theaterpädagogin, nach dem vorigen, "Abseits", das von Mord und Prostitution erzählte, von Menschen, die am Rande stehen und von ihrer Verzweiflung. Maria Pfeffer sagt: "Der ganze Weltschmerz der Spieler war in dem Stück." Und sie meint das nicht abwertend. Sie weiß, dass die Gruppe durch Tiefpunkte gegangen ist, dass irgendwann auch die Drogenerfahrungen gemacht werden mussten. Das Theater erwies sich für viele Jugendliche als Halt. Für die Regisseurin ist neben dem Erfolg der Inszenierung der theaterpädagogische Ansatz ihrer Arbeit wichtig, der Prozess, in dem ein Stück entsteht, das die jungen Leute wollen. Sie will alle fördern, unabhängig von den unterschiedlichen Begabungen. Jede und jeder soll ein Solo haben und die Chance bekommen, sich zu äußern. Keine Nebenrollen und keine Stars, das ist das Prinzip dieser Art Ensemblespiel. Wichtig war auch, an Festivals teilzunehmen, zum Beispiel in Kreuzberg. Raus aus dem eigenen "Kiez", von dem in Berlin immer gesagt wird, viele - und gerade Jugendliche - verließen ihn möglichst nie. Wer bei "Art for Fun" Theater spielte, konnte sich nicht in Marzahn verkriechen, wollte das auch nicht. Aber als die Truppe vor einem Jahr zum ersten Mal in Kreuzberg auftrat, wurde sie dort als etwas ganz Besonderes präsentiert. Als wäre es ein Wunder, dass Theater auch in Marzahn entstehen kann. Nicole und die anderen können darüber lachen, dass sie als Exoten gesehen wurden. Julia Stechert verteidigt Marzahn: "Es ist nicht so schlimm, wie viele meinen, die nie hier waren. Nicht so viele Rechte, nicht so viel Gewalt." Zwar ist Nicole schon bedroht worden, am helllichten Tag im Bus und keiner half ihr. "Aber ich lief damals noch als Punk rum", fügt sie hinzu. "Und es ist ewig her." Allerdings will keiner von ihnen noch lange hier leben, Umzüge sind fällig. Die bisher zu Hause ausgezogen sind, wohnen schon in anderen Bezirken.

Die Probe geht zu Ende. Marylin Monroe legt die Federboa zur Seite, von Terminen und dem Abiball ist die Rede, man trennt sich schnell. Es ist halb zehn, die Straßen zum S-Bahnhof sind fast leer. An der Imbissbaracke läuft eine Gruppe Jungen vorbei. Theater?? Keine Ahnung! Eine Frau im Rollstuhl kommt aus dem dunklen Tunnel des Bahnhofs. Laut erzählt sie ihrem Begleiter: "Die im Westen denken immer: Marzahn, das ist das Letzte. Stimmt aber nicht."

Jugendkunstschule "Art for Fun", Allee der Kosmonauten 67, 12681 Berlin, Telefon 030/5435773.

"Utopia": nächste Vorstellungen in Marzahn am 15. 6. und zu den Jugendtheatertagen DA CAPO in 10405 Berlin, Theater unterm Dach, Danziger Straße 101 am 26. 6.

Zivildienst in Osteuropa: Förderverein Sozialer Friedensdienst in Osteuropa e.V.:www.friedensdienste-osteuropa.de

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00:00 01.06.2001

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