Wael El Semary
10.09.2011 | 16:00

Bin Laden auf dem Tahrir-Platz

Ägypten Wenn den Betrogenen nichts anderes einfällt, als das Bild eines Terroristen hochzuhalten – die Geschichte meines Jugendfreundes Omar

Ihr kennt Omar nicht. Aber ich kenne ihn. Er war mein Nachbar in unserem Viertel in Kairo, wo die einfachen Leute wohnen. Wir sind zusammen groß geworden, haben zusammen gespielt, zusammen gelacht, zusammen Liebesschnulzen angeschaut.

Omar hatte eine hübsche Schwester, die aussah wie Julia Roberts. Ich bekam ihn irgendwann dazu, dass er sie mitbringt, damit wir gemeinsam spielen konnten. Während des Spiels ergaben sich Momente, in denen ich meinen Blick über seine Schwester streifen lassen konnte (häufig) oder meine Hand (eher selten). Wir waren Freunde, bis Omar von der Schule ging, ich hingegen weitermachte, um schließlich die Universität zu besuchen.

Ich weiß nicht mehr, wann genau sich Omar der islamistischen Bewegung anschloss. Aber ich weiß noch, wie kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Polizei unsere Straße abriegelte, um zusammen mit Dutzenden von Beamten der Staatssicherheit in sein Haus einzudringen und ihn zu verhaften.

Durch Manhattan wälzte sich eine Staubwolke, und in den Folterkellern der Staatssicherheit hallten Omars Schmerzensschreie, während sich in unseren Kehlen der Staub sammelte, der am Horizont aufstieg. Ich streite nicht ab, dass sich viele Ägypter über die Anschläge freuten, weil sie dachten, dass man es Amerika, dem ewigen Unterdrücker der Araber und der Muslime, zumindest teilweise heimgezahlt hatte. Gleichzeitig hatten aber auch viele Angst vor den Folgen im In- und Ausland.

Die Schönheit ging dahin

Im Inland nahm die Staatssicherheit die frommen Muslime noch mehr in die Mangel. Das ging so weit, dass viele sich nicht mehr trauten, zum Gebet in die Moschee zu gehen, weil sie sich fürchteten, für Radikale gehalten und verhaftet zu werden. Im Ausland ließen die Amerikaner keine Dummheit aus, um sich nur noch mehr Hass einzuhandeln. Damit sie im Irak und in Afghanistan einmarschieren konnten, setzten sie kurzerhand die Islamisten auf die Liste der potenziellen Feinde des Westens und speziell der USA.

Zu dieser Zeit ging es auch mit der bezaubernden Schönheit von Omars Schwester dahin. Sie wurde blass, verschleierte sich und wurde zum wandelnden schwarzen Zelt. Ich musste feststellen, dass das Haus von Omars Familie, das unserem Haus gegenüber lag, mehr und mehr zum Sperrgebiet wurde, das weder betreten noch betrachtet werden durfte. Ich hielt mich nicht lange bei dem Gedanken auf, dass das, was da geschah, meine Kindheitserinnerungen ganz schön in Mitleidenschaft zog.

Nach einer Weile kehrte dann Omar aus der Haft zurück und gab dem Schönen in meinem Gedächtnis endgültig den Gnadenstoß. Er sprach mit niemandem und gab keinem mehr die Hand. Sein Gesicht hinter einem dichten Vollbart verborgen zu sehen, erfüllte mich mit tiefer Traurigkeit. Mir kam es so vor, als sei ich von meinem alten Freund durch einen Stacheldraht getrennt, der es mir unmöglich machte, mich ihm zu nähern.

Der Westen empfand nach den Anschlägen vom 11. September die Ausbreitung des Islam als Bedrohung und unternahm entsprechende Schritte, um seine eigene Identität zu wahren und den Islamisten Einhalt zu gebieten. Dabei wurde völlig übersehen, dass jeder Schritt, der in diese Richtung unternommen wurde, sei es durch ein Kopftuchverbot in Frankreich oder ein Minarettverbot in der Schweiz oder durch die permanente Solidarisierung mit Israel, von den radikalen Islamisten und den Salafisten genutzt wurde, um von einem Krieg gegen den Islam zu sprechen, der dazu diene, die Muslime auszurotten. Dass der Westen sich für die religiösen Minderheiten in Ägypten einsetzte, betrachteten die Islamisten als Mittel, mit dem Druck auf das Regime von Präsident Mubarak ausgeübt werden sollte, sowie als Bedrohung der nationalen Sicherheit und als Kampfansage an den Islam. Sie ließen keine Gelegenheit aus, um zu unterstreichen, dass man den Islam aufs Korn genommen habe und dass Amerika jedem zur Seite stehe, der den Interessen und der Zukunft der Muslime schaden wolle.

Die Islamisten änderten also ihre Strategie und traten nicht mehr als Angreifer des Westens auf, wie noch am 11. September 2001, sondern als Verteidiger des Islam. Das brachte ihnen bei der ägyptischen Bevölkerung viele Sympathien ein, nachdem sie mit dem Mubarak-Regime eine Art Geschäftsvereinbarung getroffen hatten: Sie lassen ihm die Macht – er überlässt ihnen die Straße.

Omar hatte unterdessen völlig überraschend einen Elektrogerätehandel aufgemacht und verkaufte neuerdings Computer, Handys, Flash-Memory-Geräte und Satellitenschüsseln. Ich weiß nicht, wie es ihm gelang, in dieser für ihn fremden Welt Fuß zu fassen. Er hatte nicht einmal einen Schulabschluss. Sein Vater war Hausmeister in irgendeiner Firma, und seine Mutter hatte bis vor Kurzem noch auf der Straße Zigaretten und Bonbons verkauft. Ein ganz schöner Sprung: von Zigaretten und Bonbons zu Computern und Handys. Zu dieser Zeit schossen gerade die religiösen Fernsehsender wie Pilze aus dem Boden, Al-Rahma TV zum Beispiel oder Albadr TV oder Al-Hafez TV. Durch die Beschallung aus Omars Haus bekam ich immer mit, wenn in Ägypten ein neuer, von Saudi-Arabien gesponserter Kanal auf Sendung ging.

Vielleicht zwei, drei Familien

Wenn ich mir unsere Straße so anschaue, dann ist das Haus von Omar so ziemlich das einzige von 150 Häusern, bei dem man sagen könnte, dass dort ein Islamist wohnt. Vielleicht gibt es noch ein, zwei oder höchstens drei andere Haushalte, in denen man mit dem radikalen Islam sympathisiert. Denen konnte Omar weismachen, sie müssten bei der Volksabstimmung mit „Ja“ stimmen.

Als der Oberste Militärrat, der nach dem Sturz Mubaraks die Herrschaft über Ägypten übernommen hatte, einen Volksentscheid zu einer Verfassungsänderung initiierte, kursierte die Lüge, dass ein „Nein“ zur Folge hätte, dass Artikel 2 abgeschafft würde, in dem es heißt, dass der Islam in Ägypten Staatsreligion ist und das islamische Recht bei der Rechtsprechung herangezogen werden kann. Armut, Unerfahrenheit und Trägheit taten ein Übriges: Beim Volksentscheid stimmten über 77 Prozent für eine Verfassungsänderung, obwohl alle revolutionären Kräfte, mit Ausnahme der Muslimbrüder, sich gegen eine Verfassungsänderung und für eine komplett neue Verfassung ausgesprochen hatten.

Der Oberste Militärrat wollte lediglich eine Verfassungsänderung, weil das alte Herrschaftssystem mit ein paar kleinen kosmetischen Veränderungen beibehalten werden sollte, anstatt es von Grund auf völlig neu zu strukturieren. Er verfolgte dabei eine äußerst clevere Taktik: Auf der einen Seite überließ er einer gewissen Anzahl von Anhängern des alten Regimes Posten in den Medien und in der Regierung und zog damit die Revolution und die Revolutionäre ins Lächerliche. Auf der anderen Seite unterstützte er islamische Gruppierungen, um sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen. Außerdem sorgte der Oberste Militärrat für die Neutralität der Kopten und einiger „gezähmter“ Parteien. Sie sollten mit dem zufrieden sein, was sie bekamen. Auf diese Weise wollte der Oberste Militärrat, der von Amerika die gleiche Unterstützung erhält wie seinerzeit Mubarak und sein Regime, zum Alleinherrscher über Ägypten werden.

Ob der US-Präsident wohl gehört hat, wie am Freitag, dem 29. Juli 2011, beim „islamischen Marsch der Millionen“ auf dem Tahrir-Platz skandiert wurde: „Hör zu, hör zu, Obama/wir alle gehören zum Heer von Osama“? Omar war einer von ihnen. Einer von denen, die Osama bin Laden aus dem Ozean auferstehen und auf einem der berühmtesten Plätze der Welt erscheinen ließen.

Unglaublicher Wissensdurst

Und wieso, Mr. Obama? Weil jene, die ihn auferstehen ließen, zu den Allerärmsten in Ägypten gehören. Sie haben den Appetit auf das Leben verloren, nachdem sie jahrelang unter einem tyrannischen und gierigen Handlanger-Regime leben mussten. Natürlich hassen sie das Dasein auf Erden, das für sie nichts als Quälerei bedeutet, und wünschen sich, Märtyrer zu werden, damit ihr Traum vom ewigen Glück wahr wird. Sie sind die Betrogenen, die Armen, die Gutmütigen, die Mutigen, über die die Verbreiter des radikalen saudischen Wahhabismus (s. A-Z S.32) lachen und denen etwas von Entbehrungen auf Erden und Glück im Jenseits vorgegaukelt wird. Sie und Ihr Land, Mr. Obama, unterstützen die saudischen Herrscher und das radikale Gedankengut, das aus Saudi-Arabien kommt. Sie sorgen dafür, dass weiterhin Öl und Terror in Ihr Land und in unser Land strömen können. Wenn den Betrogenen nichts anderes einfällt, als auf dem Tahrir-Platz ein Bild von Osama bin Laden in die Höhe zu halten, dann sind das lediglich die Früchte Ihrer Saat.

Was jedoch noch unbedingt erwähnt werden sollte: Diese Version des „Marsches der Millionen“ behagt vielen einfachen Leuten in Ägypten überhaupt nicht, ebenso wenig wie den Anhängern der Bürgerrechtsbewegung. Und das Beste daran: Etliche Ägypter sind, nachdem sie als Folge von Mubaraks Politik lange Jahre in völliger Unwissenheit gelebt haben, von einem unglaublichen Wissensdurst erfüllt. Mit den besten Absichten saugen sie Informationen auf, lesen, interessieren sich für politische und kulturelle Veranstaltungen, fangen an, Zeitungen zu kaufen und Diskussionssendungen anzuschauen. Sie sind es, die dafür sorgen werden, dass Osama bin Ladens Erscheinen nur eine vorübergehende Erscheinung bleiben wird, eine Erscheinung, der – allen anders lautenden Meinungen zum Trotz – jeglicher Lebensgeist fehlt.

Wael El Semary ägyptischer Dichter und Journalist, Direktor der Kultur-Abteilung der Kairoer Tageszeitung El-Youm El-Sabea

Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt

Übersetzung: Andreas Bünger