Bipolares Brüllen

Rap In „Das Schwarze Album” verhandelt Haftbefehl postmigrantische Perspektiven, Aggressionen und Exzess. Am besten funktioniert das ohne Unterstützung
Aykut Anhan alias Haftbefehl
Aykut Anhan alias Haftbefehl

Foto: Ondro

Haftbefehl ist nicht bei TikTok, geht kaum live bei Instagram, er hat ja nicht mal ein Handy. Das behauptet er jedenfalls. Stattdessen ist der wichtigste deutsche Straßenrapper ein Konservativer, wenn es um Musikveröffentlichung geht. Er hat etwas getan, das zumindest im Deutschrap im Jahr 2021 aus der Zeit gefallen wirkt. Er hat sein neues Das schwarze Album veröffentlicht, das zweite innerhalb von einem Jahr, und die Betonung liegt dabei auf Album. Das ist besonders, weil Alben als Format aus der Vinyl-Hochphase keine große Rolle mehr spielen, seit Musik hauptsächlich online über Streamingdienste gehört wird. Viele Rapper haben längst erkannt, dass es ihnen mehr bringt, den Fokus auf einzelne Singles zu legen. Alben entstehen dann eher als Anhängsel der Singles, damit der Stream auf Spotify und Co. nicht so schnell endet. So klingen sie oft auch.

Und was macht Haftbefehl? Er beschäftigt sich laut eigener Aussage allein schon mit der Anordnung der Songs auf seinen Alben mehrere Wochen. Bei ihm geht es noch um den sogenannten roten Faden, um ein Konzept, ein schönes Artwork, sogar um eine Vinyl-Auflage. Haftbefehl ist, das kann man so sagen, der letzte Album-Künstler unter den deutschen Straßenrappern. Und nicht nur das. Womöglich ist er auch eine der letzten Star-Figuren, wie sie eigentlich nur vor Social Media möglich waren. Jemand, der sich rar macht, mysteriös bleibt, dadurch zur Projektionsfläche für Wünsche und Träume der Zuhörenden wird. Das funktioniert so gut, weil das Rar-Machen bei ihm nicht wie eine Strategie wirkt, es keine künstliche Verknappung ist wie bei vielen seiner Kollegen. Man kann dadurch viel in ihn und seine Musik reindeuten, wenn man das denn möchte. Bei Capital Bra, der online extrem viel von sich Preis gibt, wird das eher schwierig.

Alle wollen ein Stück Hafti

Über die Musik von Haftbefehl wurde schon viel gesprochen. Die Geschichte dieses knapp zwei Meter großen Offenbachers, der mal Drogen verkaufte, eine Spielothek gegen die Wand fuhr, vor einem Haftbefehl nach Istanbul floh und schließlich einen Neustart als Rapper wagte, ist für viele einfach zu gut, um sie nicht wieder und wieder zu erzählen. Sogar Moritz von Uslar setzte sich im vergangenen Jahr zu ihm in den Maybach, um eine Reportage zu schreiben. Alle wollen ein Stück abhaben von der Haftbefehl-Aura.

Haftbefehl steht außerdem, und das ist die viel größere Erfolgsgeschichte, für den Impact von postmigrantischen Perspektiven und Slangs auf eine postmigrantische Gesellschaft, die Deutschland nun mal ist. Es ist schon interessant zu betrachten, dass er in gewisser Weise mit postmigrantischer Lyrik schon seit Jahren sein Geld verdienen kann und wahrgenommen wird, während große deutsche Publikumsverlage es erst jetzt so langsam schaffen, ihre Programme diverser zu gestalten. All diese Faktoren muss man bei Haftbefehls Alben mitdenken, und das sorgt wiederum dafür, dass seine Musik zumindest in nächster Zeit nicht irrelevant werden kann, selbst wenn sie musikalisch nicht ganz überzeugt. Auch dafür steht Das schwarze Album.

Denn wahrscheinlich hätten die ersten fünf Songs sogar völlig ausgereicht für ein gutes Release. Kaputte Aufzüge, Wieder am Block, Kokaretten, Crackküche, Offen/Geschlossen – schon die Titel fassen gut zusammen, was Haftbefehl umtreibt. Es geht um den Wechsel zwischen den Realitäten, eine Art bipolaren Lebensstil zwischen dem Exzess durch Drogen und Drogengeld und den Absturz mit darauffolgender Depression „am Block“, wie Haftbefehl es nennt. Zwischen dem Rasen mit irgendeinem Sportwagen auf der Autobahn und dem Suizid als letzter Lösung liegt nur ein schmaler Grat. Diese Realität erzeugt ein konstantes Stresslevel, und Haftbefehl ist extrem gut darin, dieses Stresslevel zusammen mit seinen Produzenten zu vertonen und verknappt auf den Punkt zu bringen.

Das schwarze Album soll eigentlich im Kontrast zum im vergangen Jahr veröffentlichten Weißen Album stehen, ist aber eher die logische Fortsetzung. Der Hell-Dunkel-Kontrast zwischen den Releases ist eigentlich gar keiner, denn fröhlich klingt keines der beiden Alben. Jetzt bewegt sich Haftbefehl lallend und singend und schreiend durch seine Songs, erzählt Geschichten aus einer Realität, die in seinem Haus bei seiner Familie keine Rolle mehr spielen muss, die in ihm aber noch immer zu gären scheint. Die besten Momente sind die der Reflexion und des aggressiven Herausbrüllens.

Die schwächeren Momente sind all diejenigen, in denen er sich dafür Unterstützung von befreundeten Rappern wie Farid Bang oder Luciano holt. Der Song Leuchreklame mit Bausa und Schmyt klingt nur noch wie ein halbgares Stück Deutschpop im urbanen Gewand und mit pathetischen Haus-Maus-Reimen. Auch das hat mit Haftbefehls Künstler-Aura zu tun. Er nimmt auf Songs so viel Raum ein, dass für niemand anderen mehr Platz ist. Das Schwarze Album ist also vor allem deswegen immer noch ein gutes Album, weil man bei Haftbefehl so viel abseits der reinen Musik mitdenken kann und sollte. Dass die Hälfte der Songs eher durchschnittlich ist, spielt für diese Erfahrung letztlich keine Rolle.

Info

Das Schwarze Album Haftbefehl Azzlack 2021

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