Birlik

Linksbündig Welches Bild soll man sich von fremden Kulturen machen?

War Jesus verheiratet? Hatte er einen Sohn mit seiner Frau Maria? Die tschechischen Katholiken erregen sich über den blasphemieverdächtigen Roman Sakrileg des Bestsellerautors Dan Brown. Nächste Woche wird seine Verfilmung in Cannes uraufgeführt. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor. Auch im christlichen Abendland scheint es einen Kern des Undarstellbaren zu geben, vor dem jede Moderne zu schweigen hat. Karikaturenstreit, die zweite? In einem Akt typisch okzidentalischer Bescheidenheit versicherten die tschechischen Bischöfe vorsorglich, "dass die Christen aufgrund ihrer kulturellen Tradition nicht zur Ermordung von Dan Brown aufrufen". Hoffen wir also, dass an der Cote d´Azur tatsächlich keine Kinos in Flammen aufgehen...

Der Sturm, der besonders auf der Ebene der Repräsentation regelmäßig losbricht, wenn sich Orient und Okzident begegnen, scheint die Vokabel "Bilderkriege" zu rechtfertigen, unter die eine Konferenz im Berliner Haus der Kulturen der Welt vergangenes Wochenende die interkulturellen Konflikte der Gegenwart subsumierte. Doch nur, um sich zu bestätigen, dass Bilder "Waffen" (Hans Belting) sind, hätte man bestimmt keine Konferenz veranstalten müssen. Jeder hat noch die Videos der brennenden Twin Towers oder vom Sturz der Saddam-Statue vor Augen. Und schon der Orientalismus, den Edward Said geißelte, funktionierte über das Bild des grausamen und sexbesessenen Orient, dass sich der Westen von Mohammed bis Mehmed dem Eroberer machte. Neu ist die Verfügbarkeit der Bilder und die Schnelligkeit, mit der sie um den Globus wandern.

Bei der interessanteren Frage, wie man das "Schlachtfeld" der Medien (Muntaha al-Ramati) abrüsten könnte, tappen aber alle weiter im Dunkeln. Die Formel von dem "Respekt vor der Andersheit", die beispielsweise die türkisch-amerikanische Philosophin Seyla Benhabib als Ausweg aus der Sackgasse der verfeindeten Kulturen gern ins Spiel bringt, klingt gut. Sie hat aber - piktorial gewendet - so ihre Tücken. Mit der Entschuldigung im Gepäck, mit der EU-Außenrepräsentant Solana nach dem Karikaturenstreit durch die arabische Welt tourte, hat er diesen Respekt eher übertrieben. Letztlich bestätigte er damit nur diejenigen, die den Koran restriktiv auslegen. Sein angebliches Bilderverbot, das es zu respektieren gelte, ist in Wahrheit ein löchriges Dogma. In der islamischen Kunstgeschichte lassen sich künstlerische Beispiele zu Hauf finden, die Mohammed zeigen. Und in Ägypten wurden nach dem 2. Weltkrieg circa 20 Filme gezeigt, in denen Mohammed auftrat, ohne dass am Nil Volksaufstände ausbrachen.

Viel eher käme es also darauf an, im Islam liberalere Religionsexegesen oder die Tabubrecher Wissenschaft und Kunst zu befördern, ohne sich den Vorwurf zuzuziehen, einen besonders perfiden Neo-Orientalismus zu kreieren. Wer aber zugleich verhindern will, dass "der Islam" oder die "Muslime" bei uns zu neuen Platzhaltern für Fremdheit an sich avancieren, wird sich auch etwas einfallen lassen müssen, wie man Bilder und Symbole des "Fremden" in das "Eigene" integriert, ohne sich selbst aufzugeben. Warum sollte heute nicht gelingen, was dem venezianischen Maler Gentile Bellini im 15. Jahrhundert gelang, als er auf einem Bild den Thron einer christlichen Gottesmutter auf einem anatolischen Gebetsteppich platzierte?

Ob der Grünen-Politikers Hans-Christian Ströbele mit seinem Vorschlag, die deutsche Nationalhymne ins Türkische zu übertragen, diesem Ziel näher kommt? Auch dem hartgesottensten Multikulturalisten Kreuzberger Prägung dürften die Vokabeln Birlik, hak ve özgürlük nur schwer über die Lippen kommen - so heißt Einigkeit und Recht und Freiheit auf türkisch. Und symbolische Strategien haben den Nachteil, zu suggerieren, dass mit einem Bild, einem Symbol über Nacht zu ändern wäre, was Jahrzehnte politischer, ökonomischer und kultureller Gleichstellung benötigt. Doch wenn man sich den Einbürgerungstest anschaut, den die Innenminister jetzt beschlossen haben, hat Ströbeles provokative Idee den Vorteil, die hybride Mischform, zu der die rettungsbedürftige "deutsche Leitkultur" im Alltag längst mutiert ist, anschaulich zu machen. Und in dem verwegenen Bild des türkisierten Hoffmann von Fallersleben steckt ein Integrationsangebot, bei dem Immigranten nicht signalisiert würde, es stünde am Ende eh schon fest, in welchen Bildern sie in Zukunft zu denken haben.


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00:00 12.05.2006

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