Bis der Absturz kommt

Wirtschaftswelt Es sind keine guten Zeiten für Warner, Mahner und Kritiker. In der Türkei landen sie vor Gericht, in der Schweiz werden ihnen die Konten gesperrt – und andernorts werden sie schlicht ignoriert. Fünf Dinge, die anders besser wären
Bis der Absturz kommt
Die Börse folgt immer nur dem Trend. Ob das so gut ist?

Foto: Julio Cesar Aguilar/AFP/Getty Images

In einem Film aus dem Jahr 2014 deckt ein US-Journalist eine ganz üble Verschwörung auf: Die CIA erlaubt den Contras aus Nicaragua, deren Krieg gegen die Sandinisten mit dem Verkauf von Kokain in die USA zu finanzieren. Kill the messenger heißt der Film, zu Deutsch etwa: Bestrafe den Boten. Weil es für den Journalisten ziemlich ungemütlich wird, sobald er mit seiner Story an die Öffentlichkeit geht. Ich weiß nicht, ob Recep Tayyip Erdoğan, der türkische Präsident, den Film gesehen hat. Aber auch er scheint eher die Überbringer schlechter Nachrichten bestrafen zu wollen, anstatt das anzugehen, wovon sie berichten. Die Rede ist vom dramatischen Absturz der türkischen Lira: Anstatt dass Erdoğan der Geldpolitik erlaubt, etwas dagegen zu tun, stellt er Journalisten und andere vor Gericht. Insgesamt 38 Menschen müssen sich derzeit dafür verantworten, den Wertverlust der Lira vorausgesehen, beschrieben oder in den sozialen Medien kommentiert zu haben.

Andererseits kann man davon ausgehen, dass die türkischen Gerichte die Überbringer schlechter Nachrichten nicht erschießen lassen: Sie werden sich etwas anderes einfallen lassen. Genau wie die Volksrepublik China und die Schweizer Bank Credit Suisse. Die Bank will gerne in China Geschäfte machen, China will gerne weniger von dem Künstler und Kritiker der dortigen Regierung Ai Weiwei hören. Scheinbar logische Folge: Die Credit Suisse beschließt, Ai die Konten zu kündigen. Laut dem Kleingedruckten in ihren Verträgen kann sie das. Aber sollte sie es tun, nur weil die chinesische Regierung den unliebsamen Boten Ai bestrafen will?

Noch so ein Warner, der allerdings bis jetzt eher ignoriert denn bestraft wird: Harald Thomé, Kämpfer für die Rechte von Erwerbslosen und Hartz-IV-Beziehern in Wuppertal. Thomé schlug Alarm, weil die Bundesagentur für Arbeit Hartz-IV-Bezieher in Darlehen drängt, wenn diese Dinge brauchen, die nicht vom Regelsatz gedeckt sind: Waschmaschinenreparaturen, Wintermäntel oder derlei Extravaganzen. Anstatt anzuerkennen, dass dafür das Geld nicht reichen kann, will die Agentur für Arbeit – entgegen der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, wie Thomé anklagt – dafür Darlehen vergeben. Deren Rückzahlung man sich hinterher vom Mund absparen muss.

Weniger unmittelbar existenzbedrohend, aber auch nicht ungefährlich ist das, wovor EZB-Vizepräsident Luis de Guindos zu warnen sich genötigt fühlte: In den Finanzmärkten mache sich derzeit „irrationaler Überschwang“ breit. Als sei die Pandemie schon vorbei, die Kapitalschwemme aber von Dauer, als seien die in schwindelerregende Höhen gestiegenen Börsenkurse Zeichen für Wert und Substanz und nicht nur für irrlichternd umherstreifendes Kapital, das sonst keine Anlagemöglichkeit findet. Den Begriff „irrationaler Überschwang“ lieh sich de Guindos übrigens vom Chef der US-Zentralbank Alan Greenspan, der damit vor der Dotcom-Blase gewarnt hatte. Die wenig später trotzdem mit lautem Getöse platzen sollte.

Was ja auch zeigt, wie Warnungen verhallen können. Weil niemand darauf hört. Oder weil es einfach ungleich leichter ist, auf einem sich wild drehenden Karussell sitzen zu bleiben, als es anzuhalten. Zu beobachten ist das derzeit bei Bitcoins: Die Party geht so lange weiter, wie die Musik spielt. Bis auf einmal die Warner vor dem Absturz recht gehabt haben werden.

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06:00 25.11.2021

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