Bis hierhin und nicht weiter

Umwelt Eine ­Studie von internationalen Wissenschaftlern zeigt der Menschheit die planetaren Grenzen auf: Die Kapazitäten der Erde sind nicht nur beim Klimawandel erschöpft

Als Wissenschaftler hat man es nicht immer leicht, sich bei den Mächtigen und in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Das musste der Klimaforscher James Hansen gleich mehrfach feststellen. So verpasste die Regierung Bush ihm einen Maulkorb, weil er immer wieder lautstark vor dem Klimawandel warnte. Seine Gutachten wurden mitunter umformuliert, damit die drohende Gefahr nicht ganz so drastisch wirkte, wie sie sich aus Hansens – und nicht nur seiner – Sicht darstellte. Ende 2007 wandte Hansen sich in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel und den britischen Premierminister Gordon Brown. Merkel, so Hansens Aufforderung, solle existierende Pläne zum Bau neuer Kohlekraftwerke überdenken. Den einfachen Zusammenhänge von Kohleverbrennung und Klimawandel werde sie verstehen. Schließlich sei Merkel Physikerin. Indes: Eine Antwort der von Bild bis FAZ als „Klimakanzlerin“ Gelobten ist nicht überliefert.

Das ist vielleicht einer der Gründe, warum James Hansen sich nunmehr als Teamplayer an die Öffentlichkeit wendet: Er ist einer von 28 Autoren der Studie Planetary Boundaries, die unlängst in Kurzfassung im Wissenschaftsmagazin Nature erschien. Die renommierten Wissenschaftler nehmen kein Blatt vor den Mund: Seit der industriellen Revolution hätten die menschlichen Aktivitäten dermaßen zugenommen, dass sie nun eine globale geophysikalische Kraft erzeugten. Diese Kraft käme einer Naturgewalt gleich. Will Steffen, Direktor des Climate Change Institute der Australian National University, spricht gar vom Übergang in ein neues Erdzeitalter: „Wir treten in das Anthropozän ein, in dem unsere Aktivitäten die Kapazitäten des Erdsystems untergraben, sich selbst zu regulieren.“

Interdisziplinär angelegt, definiert Planetary Boundaries globale Grenzen in neun ökologischen Problemfeldern – vom Klimawandel bis zur chemischen Verschmutzung. Nach dem Motto „Bis hierhin und nicht weiter“ sagen die Forscher: Diese Grenzen dürfen nicht überschritten werden, wenn unaktzeptable Umweltveränderungen verhindert werden sollen. Durch diese Grenzen definieren die Wissenschaftler aus ihrer Sicht einen „Sicheren Handlungsraum für die Menschheit“.

Aber warum gerade jetzt? „Die Studie lag in der Luft, denn es besteht die Notwendigkeit, fachübergreifend ein Konzept zu erarbeiten“ , erläutert Hans Joachim Schellnhuber, der einzige Deutsche im Forscherteam, gegenüber dem Freitag. Planetary Boundaries sei zunächst eine Einladung an die ­scientific community. „Unser Team sagt: Da ist ein Konzept in seinen Anfängen, lasst uns diskutieren, lasst uns Dynamik in die Debatte bringen!“ Die Debatte über die Grenzen des Planeten sei aber „nicht irrelevant für die politische Szenerie“, so Schellnhuber, der Mitglied des „Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ ist. Man betrachte sich als „intellektuelle Vorhut“, die „Unterstützung für politische Entscheidungsprozesse“ leisten wolle. Und Schellnhuber ergänzt: „Hoffentlich dringt jetzt durch, dass der Raum, in dem wir uns bewegen, begrenzt ist.“

Der Raum wird laut Planetary Boundaries langsam eng: Beim Klimawandel (über 110 Prozent des Schwellwerts), beim Verlust der biologischen Vielfalt (über 1000 Prozent) und beim Stickstoffkreislauf (rund 345 Prozent) sind die Grenzen bereits überschritten, in anderen Bereichen stehen wir kurz davor.

Das konnte man bereits vorher wissen. Was also ist neu am Planetary Boundaries-Ansatz? Er zeichnet sich laut Schellnhuber durch drei Innovationen aus: „Systemische Ideen, die das große Bild begreifen, werden wissenschaftlicher Mainstream, wir denken über sektorale Grenzen hinweg und benennen klare, gerade noch akzeptable Schwellwerte für die wichtigsten ökologischen Probleme.“ Gerade Letzteres sei ein „mutiger Schritt“, so Schellnhuber, der das Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung leitet und als einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Klimafolgenforschung gilt.

Eine Antwort ist nicht genug

Überraschend ist, dass die Studie den Klimawandel als eines von vielen Problemen behandelt. „Der Klimawandel ist gewiss der primus inter pares“, sagt Schellnhuber. Doch habe er durch die Zusammenarbeit mit seinen Kollegen gelernt, wie sehr der menschliche Einfluss die Stoffkreisläufe dominiert. „Es ist überraschend und bestürzend, wie weit wir die natürliche Balance verlassen haben. Beispielsweise vernichten wir Arten so schnell, dass wir mit der Dokumentation der Verluste nicht mehr nachkommen.“

Die Erfolge der Umweltpolitik seien derweil begrenzt: „Klar, auf unseren Flüssen schwimmen keine Phosphor-Schaumkronen mehr, doch wir belasten die Natur auch weiterhin mit Myriaden von Chemikalien.“ Beim Schutz der Ozonschicht habe die Menschheit „knapp vor der Wand eingebremst“, doch führe sie immer noch an der Wand entlang: „Wenn die internationale Kooperation nachlassen sollte, sind wir schnell wieder im Roten Bereich.“ Derzeit liegt die Dichte der Ozonschicht um rund 2,5 Prozent über dem gerade noch akzeptablem Grenzwert.

Politologen gilt der Schutz der stratosphärischen Ozonschicht trotzdem als das Paradebeispiel für einen gelungenes Internationales Umweltschutz-Regime, also für den dynamischen Prozess aus zwischenstaatlichen Verhandlungen, Verträgen, Kontrollen, neuen Verhandlungen, Ergänzungsprotokollen und so weiter. Es ist bis ins Detail hinein das Vorbild für entsprechende Bemühungen im Bereich Klimaschutz.

Die Studie Planetary Boundaries verdeutlicht: Zwischen den ökologischen Problemfeldern bestehen wechselseitige Abhängigkeiten und Wirkungen. Die einzelnen Probleme mögen für sich genommen schon dramatisch sein. Doch könnten sie, so die Studie, nicht allein als „separate Prozesse“ betrachtet werden. Denn sie seien eng miteinander verknüpft: „Wir haben nicht den Luxus, unsere Bemühungen auf eine der planetarischen Grenzen entkoppelt von den anderen zu konzentrieren.“ Wenn eine Grenze überschritten werde, dann seien auch andere „ernsthaft gefährdet“. So haben fast alle anderen Probleme einen Einfluss auf den Klimawandel. Beispielsweise gefährde der Phosphoreintrag in die Weltmeere deren Fähigkeit, das Haupttreib­hausgas Kohlendioxid zu absorbieren. Was diese Wechselwirkungen betrifft, stünde die Forschung „vollkommen am Anfang“, sagt Hans Joachim Schellnhuber. „Wir fangen an, die komplexen Interdependenzen zu begreifen, doch bisher findet niemand wirklichen Zugang.“

Im Gegensatz zu vergleichbaren Veröffentlichungen, beispielsweise solchen des Club of Rome und des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, verzichtet Planetary Boundaries gänzlich darauf, Szenarien für eine nachhaltigen Gesellschaft, für ein anderes Wohlstandsmodell aufzuzeigen. Denn das Forscher-Team ist zwar besetzt mit renommierten Fachleuten, darunter dem Nobelpreisträger Paul J. Crutzen, der grundlegende Arbeiten zur Erforschung des stratosphärischen Ozonlochs veröffentlicht hat. Doch waren überwiegend Naturwissenschaftler am Werk – und keine Sozialvisionäre.

Schellnhuber kritisiert jedoch explizit das westliche Wohlstandsmodell, wie es sich nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hat. „Immer mehr Güter produzieren und konsumieren, das ist auf Dauer nicht möglich auf einem begrenzten Planeten.“ Allein die Beachtung der Klimagrenzen erfordere eine „völlige Neuerfindung des wirtschaftlichen Kreislaufs“. Er plädiert für ein anderes Maß des wirtschaftlichen Erfolges, beispielsweise die Zufriedenheit von Individuen und Gruppen. Doch der Faktor Zeit bereite ihm Sorgen: „Werden wir schnell genug begreifen, wo unsere Grenzen liegen?“

14:00 22.10.2009

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gerhardhm | Community
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