Bis zur letzten Schlacht

Hans Litten zum 100. Geburtstag Vom öffentlichen Gebrauch einer Biographie

Hans Litten gehörte zu den bekanntesten Strafverteidigern der Weimarer Republik, der es verstand, die soziale und politische Realität in die Gerichtssäle zu holen. Der sogenannte "Edenpalast"-Prozess ging in die Rechtsgeschichte ein. Bis zu seiner Verhaftung 1933 bemühte sich der Anwalt, den nationalsozialistischen Terror vor Gericht zu entlarven und die Rechte seiner Mandanten zu verteidigen. Nach fünf Jahren Leiden im KZ Dachau nahm sich Hans Litten am 5. Februar 1938 das Leben.

Littens konsequente politische Haltung war in der Nachkriegszeit durchaus geeignet, ihn für die demokratische Tradition zu beanspruchen: zunächst in der DDR und viel später im Westen. Stefanie Schüler-Springorum ist der Rezeptionsgeschichte Hans Littens nachgegangen. Wir dokumentieren die gekürzte Fassung eines Vortrags, den sie anlässlich einer Hans Litten gewidmeten Tagung im Haus der Wannsee-Konferenz gehalten hat.

Hans Litten wurde nur 34 Jahre alt. Die vielen Facetten seiner Persönlichkeit jedoch - der jugendbewegte Aktivist, der engagierte Rechtsanwalt, der aufrechte KZ-Häftling - haben seit seinem Tod immer wieder aufs neue Menschen fasziniert, wenngleich aus sehr unterschiedlichen Motiven. Insofern lässt sich der öffentliche Umgang mit seiner Biographie auch als Beispiel lesen für die Interessengebundenheit unserer Erinnerung, für politische Instrumentalisierungen und für die Identifikationsbedürfnisse der Nachgeborenen.

Dass zum Beispiel der Neubau der Bundes-Rechtsanwaltskammer heute den Namen Hans-Litten-Haus trägt und seine Adresse Littenstraße 9 lautet, ist nicht selbstverständlich. Beide Ehrungen, Haus und Straße, waren in den Jahren zuvor keineswegs unumstritten gewesen. So verhinderte Anfang der neunziger Jahre erst eine größere Protestaktion engagierter Rechtsanwälte, dass die 1951 nach Hans Litten benannte Ostberliner Straße dem Umbenennungsaktivismus zum Opfer fiel.

Persönlicher Feind Hitlers

In den späten achtziger Jahren hatten historisch interessierte und engagierte Juristen in Westdeutschland die Geschichte Hans Littens für sich entdeckt. Im Jahre 1988 erschienen gleich zwei Aufsätze über ihn, und im gleichen Jahr verlieh die Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen zusammen mit dem Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein in einer eindrucksvollen Feierstunde zu seinem 50. Todestag in Dachau zum ersten Mal den Hans-Litten-Preis. Dass man auf der Suche nach einer "eigenen", nicht vom Nationalsozialismus kontaminierten juristischen Tradition so schnell auf Hans Litten stieß, hat vermutlich banale Ursachen: Über sein Leben, seine Tätigkeit als Rechtsanwalt und seinen Leidensweg durch die faschistischen Lager lagen bereits mehrere Veröffentlichungen vor, von denen zwei in der DDR, zwei in der Bundesrepublik erschienen waren. Aus ihnen ließ sich die Geschichte eines freiheitlich linken Anwalts rekonstruieren, der sich in den letzten Jahren der Weimarer Republik mehrere spektakuläre Gerichtsduelle mit den Nationalsozialisten geliefert hatte und der dafür, sofort nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 verhaftet, mit fünfjähriger Lagerhaft und schließlich mit dem Leben bezahlte.

Litten hatte sich immer bewusst als "proletarischer Anwalt" gefühlt und häufig im Auftrag der "Roten Hilfe" Kommunisten verteidigt, er war jedoch vermutlich nie Mitglied der KPD und hatte auch Anarchisten und oppositionelle Kommunisten vertreten - er repräsentierte also durchaus den nicht-stalinistischen Flügel der deutschen Arbeiterbewegung. Und schließlich, auch dies mag eine Rolle spielen, war Litten Protagonist einer der eindrücklichsten Gerichtsszenen vor der "Machtergreifung", die in allen Bearbeitungen seiner Lebensgeschichte immer und immer wieder geschildert wird: Hitlers Vernehmung als Zeuge im sogenannten "Edenpalast-Prozess". Dort gelang es ihm, den Führer des NSDAP mit einer Fülle von Zitaten derart in die Enge zu treiben, dass der sich von den eigenen Parteipublikationen und von seinem Propagandastrategen Goebbels öffentlich distanzieren musste, um den Anschein der Legalität und Verfassungstreue seiner Partei vor Gericht zu wahren. Zwar fielen die Urteile gegen die SA-Täter trotz dieses spektakulären Auftritts recht milde aus, sie trugen Litten jedoch, so wurde immer wieder kolportiert, die persönliche Feindschaft Hitlers ein, was sich bei allen späteren Gnadengesuchen fatal auswirken sollte.

Retuschierte Bilder

Allerdings wird bei den Nacherzählungen dieser dramatischen Geschichten oft vergessen, dass das große Engagement Littens und der bis an die Grenzen der Belastbarkeit gehende persönliche Einsatz für seine Mandanten auch einen Preis hatte und gerade seine engsten Freundschaften oftmals auf eine harte Probe stellte. Sein bester Freund Max Fürst, der zusammen mit seiner Frau Margot in diesen Jahren mit ihm zusammenlebte, erinnert sich aus einer anderen Perspektive: "Er war fanatisch wie einer, der die letzte Schlacht schlägt. Er hatte den Atem, diesen Kampf drei Jahre durchzuhalten. Ich war wohl in der letzten Zeit ein schlechter Freund, zog mich mehr und mehr von ihm zurück. ... Natürlich wusste ich, um was es ging, aber es ist zweierlei, das Richtige zu erkennen und es gegen seine eigensten Interessen zu dulden. Ich sah nicht nur eine politische, sondern auch eine menschliche Katastrophe voraus."

Max Fürsts Erinnerungen an seine Jugend in Ostpreußen und seine Zeit in der Jugendbewegung, die ein einfühlsames Portrait seiner Freundschaft mit Hans Litten enthalten, waren schon in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik erschienen. Um so erstaunlicher ist es, dass Marion Gräfin Dönhoff die Litten-Geschichte erst 1986 für die Zeit "entdeckt" haben will. Sie nahm die Fürstsche Darstellung nicht zur Kenntnis, und bezog sich stattdessen auf jenes Buch, das zwei Jahre zuvor erstmals in Westdeutschland erschienen war, aber bereits seit 1947 in einer DDR-Ausgabe vorlag: Irmgard Littens im englischen Exil verfasster Bericht über ihren Kampf um den inhaftierten Sohn, der 1940 erstmals unter dem Titel Die Hölle sieht Dich an in England, Frankreich, den USA, Mexiko und China erschienen war.

Niedergeschrieben kurz nach dem Tod ihres ältesten Sohnes, hat Irmgard Littens Darstellung das Bild von Hans Litten bis heute nachhaltig, ja fast ausschließlich geprägt. Dies gilt schon für das "Bild" im eigentlichen Sinne des Wortes: Die Zeichnung eines Mithäftlings aus dem KZ Lichtenburg, die seit der 1940er Ausgabe für alle Veröffentlichungen und Veranstaltungen bis hin zu den diversen websites genutzt wird. Sie zeigte einen abgemagerten und kahlköpfigen, einen durchgeistigten Hans Litten, einen "franziskanischen Menschen", der nur noch entfernte Ähnlichkeit hat mit dem eher rundlichen und schüchternen jungen Mann auf den Fotos vor seiner Verhaftung. Betont werden darüber hinaus sein zutiefst bürgerliches Kunstinteresse und die christlichen, ja katholischen Neigungen des KZ-Häftlings Litten. Das publikumswirksame Bild der Mutter Courage versprach die nötige Aufmerksamkeit - ein Effekt, der noch Jahrzehnte später funktioniert.

In ihrem Buch schildert Irmgard Litten ihre sofort nach der Verhaftung des Sohnes in der Nacht des Reichstagsbrandes einsetzenden Bemühungen um seine Freilassung. Daneben rekonstruiert sie so minutiös, wie ihr der damals möglich war, seinen Leidensweg durch die Gefängnisse und Konzentrationslager: Spandau, Sonnenburg, Moabit, Brandenburg, Esterwegen, Lichtenburg, Buchenwald und schließlich Dachau. Als Litten dort ankam, war er ein zum Invaliden geprügelter halbblinder und halbtauber Mann, der nur noch auf Krücken gehen konnte und unter Ohnmachtsanfällen und Herzkrämpfen litt. Nach dem Foltertod eines Freundes und entsprechenden Drohungen der Wachmannschaften scheint er sich entschlossen zu haben, seinen Mördern zuvorzukommen. In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar wurde Hans Litten in der Latrine des KZ Dachau erhängt aufgefunden.

Noch im gleichen Monat emigrierten seine Eltern und sein Bruder Heinz nach England. Der Vater Fritz Litten starb 1940 im Exil, Irmgard und Heinz Litten kehrten nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Dort wurde Irmgard Litten als "Vaterlandsverräterin" diffamiert und die Witwenrente verweigert, so dass sie sich zur Übersiedlung nach Berlin-Pankow entschloss. Mit Irmgard und Heinz Litten wanderte auch das Erbe ihres Sohnes beziehungsweise Bruders Hans in die DDR: Hier wurde das Buch über seine KZ-Haft neu verlegt, an seinem Geburtshaus eine Gedenktafel angebracht und im März 1950 die erste Volksrichterschule im Beisein von Mutter und Bruder nach Hans Litten benannt; ein Jahr später folgte die schon erwähnte Umbenennung der Neuen Friedrichstraße in Littenstraße. Das Gedenken allerdings ging mit einer gewissen Begradigung von Littens Biographie einher, durch die nun seine Tätigkeit als Anwalt der Roten Hilfe und sein Verhalten als aufrechter Widerstandskämpfer gegen den Faschismus noch stärker in den Vordergrund, sein jüdisch-jugendbewegtes Engagement dagegen endgültig in den Hintergrund rückte.

Das jüdische Erbe

Hans Litten war im Jahre 1921 zur Königsberger Ortsgruppe der deutsch-jüdischen Jugendbewegung "Kameraden" gestoßen. Schon die Tatsache, dass er sich als Sohn eines getauften Vaters und einer protestantischen Mutter ausgerechnet der jüdischen Jugendbewegung anschloss, war eine Aussage für sich - und ist sicher auch als Protest gegen den eigenen Vater, den zeitweiligen Dekan der juristischen Fakultät und Rektor der Königsberger Universität, zu deuten. Wenn später allerdings gerade von ehemaligen Freunden aus der Jugendbewegung betont wurde, dass Litten eigentlich kein Jude, und daher auch seine Gruppe, der "Schwarze Haufen", nicht wirklich jüdisch gewesen sei, so scheint dies eher mit der Diskussion um die "Rote Assimilation" (also mit dem Vorwurf, jüdische Kommunisten hätten ihr Judesein vollkommen verleugnet) und mit jüdischer Identitätsfindung nach der Shoah zu tun zu haben als mit zeitgenössischem Empfinden. In den zwanziger Jahren wäre unter den Königsberger "Kameraden" niemand auf die Idee gekommen, Littens jüdisches Engagement in Frage zu stellen.

Nicht seine "falsche" Geburt war das Problem, das der Gesamtbund der "Kameraden" mit Hans Litten hatte, und auch nicht sein außergewöhnliches und manchmal extravagantes Kunstverständnis, sondern in erster Linie sein Umgangston mit allen, die er als "Gegner" seiner Ideen ausgemacht hatte. In den Briefen, die er mit anderen "Kameraden" austauschte, deutete sich schon jener präzise juristisch argumentierende, aber auch kompromisslose Ton an, für den er später als Anwalt so berühmt werden sollte. Hinzu kam seine intellektuelle Überlegenheit, die er, wenn nötig, rücksichtslos ausspielen konnte. Dabei war er gleichzeitig ein Mystiker und Romantiker, der in den Auseinandersetzungen mit den Jungkommunisten im "Schwarzen Haufen" die metaphysische Dimension des "Führertums" aufrechterhalten wissen wollte. Litten verlegte sein politisches Wirken ins Berufsleben, und weder seine engagierte Anwaltstätigkeit noch sein späteres solidarisches Verhalten in der Lagerhaft und sein Rückhalt in einer geistigen Gegenwelt sind ohne die prägenden Jahre in der Jugendbewegung zu verstehen.

Am 19. Juni 2003 wäre Hans Litten 100 Jahre alt geworden. Je weiter entfernt der Betrachter seiner Lebensgeschichte steht, desto einfacher scheint es zu sein, sich aus deren vielen Facetten gerade jene Elemente herauszusuchen (oder hineinzuinterpretieren), die man zur kollektiven Traditionsbildung oder individuellen Selbstvergewisserung gebrauchen kann. Littens innere Welt, seine Gefühle, Hoffnungen und Beweggründe dagegen bleiben bei all diesen Anstrengungen seltsam unbestimmt. Am knappsten hat das, was heute übrig bleibt, wohl Margot Fürst zusammengefasst. Auf die Frage, was ihr 65 Jahre nach ihrem letzten Zusammentreffen am stärksten von Hans Litten im Gedächtnis geblieben ist, antwortete sie nach längerem Nachdenken: "Seine große Angst - und seine große Tapferkeit".

Die Ausstellung Wir sind jung, die Welt ist offen ... Eine jüdische Jugendgruppe im 20. Jahrhundert zur Jugendgruppe "Schwarzer Haufen" ist noch bis zum 31. August 2003 in der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, Berlin zu sehen.

Literatur zu Hans Litten (Auswahl):
Irmgard Litten, Eine Mutter kämpft gegen Hitler, Rudolstadt 1947 (Neuauflagen 1985 und 2000).
Carlheinz von Brück, Ein Mann, der Hitler in die Enge trieb. Hans Littens Kampf gegen den Faschismus, Berlin 1974.
Max Fürst, Gefilte Fisch. Eine Jugend in Königsberg, München 1973.
Ders., Talisman Scheherezade, München 1976.

00:00 27.06.2003

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