Bis zur Schlossallee

Vermögensbildung Nicht nur Ausbeutungslogik: Andreas Tönnesmann erforscht in "Monopoly: Das Spiel, die Stadt und das Glück" die Kulturgeschichte des Brettspiels

Wann haben Sie das letzte Mal Monopoly gespielt? Schon eine Weile her? Vielleicht wird es mal wieder Zeit. Denn das legendäre Brettspiel, das mittlerweile 275 Millionen Mal verkauft wurde und das es in 45 länderspezifischen Ausgaben von bayerisch bis chinesisch gibt, ist ein Krisenspiel. Erfunden wurde es während der Welt-wirtschaftskrise und es spiegelt diese auch wider. Investieren, abzocken und die Mit-spieler in den Ruin treiben: Das alles erinnert natürlich auch an unsere derzeitige Finanzkrise. Wer nun aber denkt, Monopoly wäre ein platter Abklatsch kapitalistischer Ausbeutungslogik, irrt sich gewaltig, wie der Schweizer Kulturwissenschaftler Andreas Tönnesmann in Monopoly: Das Spiel, die Stadt und das Glück erklärt.

Darrow hat abgekupfert

Als Patent wurde das Spiel 1935 von Charles Darrow angemeldet, einem in der Weltwirtschaftskrise arbeitslos gewordenen Heizungsmonteur aus Philadelphia. Erst hatte er seine Spiele handgefertigt in Heimarbeit hergestellt und exklusiv über ein Nobelkaufhaus vertrieben. 1936 beginnt die Firma Parker Brothers, bis heute Vertreiber Monopolys, mit einer Serienproduktion, und in den dreißiger Jahren werden in den USA wöchentlich sage und schreibe 20.000 Exemplare verkauft. Darrow leistet sich vom Gewinn dieser Erfolgsgeschichte eine Ranch, auf die er sich zurückzieht. Ein weiteres Spiel erfindet er nicht.

Aber Charles Darrow hat sein Spiel abgekupfert. Das „Landlord‘s Game“, erfunden von der Chicagoer Stenotypistin Elizabeth Maggie Phillips, sieht Monopoly nicht nur ähnlich, vom Grundprinzip her ist es fast das gleiche Spiel. Im Patent von 1904 wird auf den „erzieherischen Charakter“ verwiesen. Phillips war Anhängerin des Frühsozialisten Henry George. In dessen Hauptwerk Fortschritt und Armut, das in 14 Sprachen übersetzt wurde, entwickelte er seine Theorie der „single tax“: einer Steuer, die lediglich auf Grundstücke und nicht auf Arbeit erhoben werden sollte, um der übermäßigen Bodenspekulation in den wachsenden Großstädten zu begegnen. Dieser sozialkritische Charakter des „Landlord‘s Game“ drückt sich auch in Obdachlosenhilfe und Kleiderspende aus, die von den Spielern erhoben wird.

Eine solche Komponente findet sich in Monopoly nicht. Im Gegensatz zum „Landlord‘s Game“, in dem siegt, wer ein Vermögen von 3000 Dollar anhäuft, muss in Monopoly, wie der Name schon sagt, ein Spieler ein Monopol erzeugen. Gewinner wird, wer alle anderen aus dem Rennen schlägt und in die Pleite treibt. Insofern bildet Monopoly direkt die Realität einer Krise ab, sei es die von vor 80 Jahren oder die heutige. Die „Große Depression“ manifestiert sich aber auch noch in weiteren Details. Roosevelts „New Deal“ als Antwort auf die Wirtschaftskrise beförderte vor allem den öffentlichen Sektor, dessen Infrastruktur in Form von Wasser- und Elektrizitätswerk, aber auch im Verkehrsausbau in Form der Bahnhöfe im Spiel eine wichtige Rolle einnimmt. Nur sind diese „öffentlichen Felder“ in Monopoly privatisierbar, ganz so wie es sich die republikanischen Oppositionspolitiker in den 30er-Jahren wünschten.

Bedinungsloses Grundeinkommen

Aber auch die im Zuge des „New Deal“ massive Förderung des Bausektors findet in Monopoly ihren Ausdruck. Überall auf dem Spielbrett schießen Neubauten in Form von Häusern und Hotels in die Höhe. Die nicht sichtbare und allmächtige Bank, die im Gegensatz zu wirklichen Banken keine Eigeninteressen verfolgt, kann wiederum als Analogie des starken intervenierenden Staates gesehen werden. Vielleicht war die Idee einer uneigennützigen Bank eine durchaus berechtigte Sehnsucht der Menschen in der Weltwirtschaftskrise – und sie ist es sicherlich auch heute. Und Monopoly verfügt immerhin über die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, das in jeder Runde fällig wird, sobald der Spieler das Startfeld passiert.

Außerhalb der Vereinigten Staaten trat Monopoly seinen Siegeszug erst in den wirtschaftlich prosperierenden Zeiten nach dem zweiten Weltkrieg und im Zuge der kulturellen Amerikanisierung Westeuropas an, in der DDR war es verboten. Schon in den Dreißigern hatte es eine britische, eine französische und auch eine deutsche Ausgabe gegeben. Die heutige Schlossallee, die teuerste Straße des Spiels, auf die zu geraten für jeden Spieler den „Untergang“ bedeuten kann, hieß in der damaligen Berliner Fassung Schwanenwerder. Da dort viele Nazibonzen wohnten, die nicht mit dem teuersten Spekulationsfeld Monopolys in Verbindung gebracht werden wollten, verbot Goebbels, ebenfalls wohnhaft in Schwanenwerder, kurzerhand das Spiel. Heute sind nur Turm- und Chausseestraße von der alten Berliner Version erhalten, das restliche Spielfeld ist eine imaginierte Idealstadt, wie Tönnesmann betont. In seiner kulturwissenschaftlichen Lese macht er auch einen interessanten Exkurs zu urbanen Visionen, unter anderem über Thomas Morus, Alfred Dürer und Frank Lloyd Wright.

Linke Gegenentwürfe

Ganz anderen wirtschaftspolitischen Idealen wiederum waren die Spiele verpflichtet, die Monopoly ironisch kopierten. Anfang der Siebziger brachte Ralph Anspach, ein Wirtschaftswissenschaftler aus San Francisco ein Anti-Monopoly auf den Markt, mit dem er ursprünglich seinen Studenten das Funktionieren von Ölmonopolen erklären wollte. Dem folgte ein Rechtsstreit bis Ende der Neunziger mit dem Monopoly-Hersteller Parker Brothers, in dessen Folge auch eine ganze Monopoly-Forschung entstand. Aber auch in der BRD gab es linke Gegenentwürfe zu dem amerikanischen Erfolgsspiel. Neben dem komplexen „Klassenkampf“, in dem die Geschichte der Arbeiterbewegung nachgespielt wird, ist „Provopoli – wem gehört die Stadt“ ein wundervolles Stück Spontikultur, das auch heutigen Anti-Gentrifizierungs-Aktivisten gefallen dürfte. Hier wird mithilfe von Demonstrationen, Barrikaden und Gefangenenbefreiung um die politische Hegemonie gerungen. Mit Ereigniskarten kann man auch schon mal dazu verdonnert werden, für eine Genossin die Schicht im Kinderkollektiv „Kapitalismus putt“ zu übernehmen. 1980 kommt das Spiel sogar wegen „terroristischer und staatsgefährdender Inhalte“ in Bayern auf den Index.

Egal ob man in Monopoly ein kapitalismuskritisches Krisenspiel oder nur die spielerische Umsetzung ökonomischer Ausbeutung sehen will: das Faszinierende daran ist der weltweit funktionierende Wiedererkennungseffekt, der es erlaubt, verschiedene historische und städtebauliche Referenzen auf dem Spielbrett zu vereinen. Aber für viele, vor allem für Jugendliche, ist es schlicht ein Brettspiel, das einen stundenlang magisch in den Bann zieht.


Monopoly: Das Spiel, die Stadt und das GlückAndreas Tönnesmann, Wagenbach-Verlag 2011, 141 S., 22,90

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12:50 02.12.2011

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