Bist du glücklich?

Verpasste Gelegenheit In Peter Hennings "Giganten" ist das Leben immer anderswo

Sie heißen Meier, Müller, Engel, die Figuren in Peter Hennings schmalem neuen Erzählbändchen - Figuren, an denen nun wirklich nichts Besonderes ist, genauso wenig wie an ihrem Leben, das sich abhaspelt an den Banalitäten des Alltags und des Gewöhnlichen, sich zwischen "Schmerz und Langeweile" (Schopenhauer) auspendelt. Es scheint so, als lägen die Dramaturgien in dieser Art von Leben fest, ein für alle mal und fix und fertig. Bis sich dann plötzlich Löcher auftun, Abgründe und blinde Flecken in den Rollenbüchern. Sicherlich keine unerhörten Begebenheiten, aber doch so etwas wie eine geringe Irritation, ein Stocken im Gewohnten, ein kurzer Moment, aus dem möglicherweise gar nichts weiter folgt - und doch ist eben alles anders geworden.

Das stabile Netz der Lebenswelt ist rissig, der Beziehungskitt porös, Zeiten und Orte büßen ihre Verlässlichkeit ein. Hennings Beispiele ziehen sich durch alle Generationen hindurch und vermessen diese Gesellschaft der Höhe und Tiefe, Länge und Breite nach; ganz Junge, Kinder und Schüler, wie Uralte, dazwischen die mittlere Generation mit den entsprechenden Lebenskrisen, schließlich noch Outcasts, Verrückte und Anstaltsbewohner, sie alle lässt er in diesen 18 Geschichten Revue passieren.

Dabei beweist der 1959 geborene Henning, Literaturredakteur der schweizer Weltwoche, einmal mehr, wofür bereits sein Romanerstling Tod eines Eisvogels von 1997, die wunderbare Geschichte eines ungleichen Bruderpaars, gelobt worden ist, dass er nämlich unangestrengt erzählen kann. Er hält sich auch weise mit Deutungen und Erklärungen zurück und besitzt zugleich ein zielsicheres psychologisches Gespür und Feingefühl für die jeweilige Dramaturgie. Oft reichen kurze Skizzen und Andeutungen schon aus, um ganze soziale Milieus zu konturieren. Als Meister der Verknappung (in Thomas Mannschem Sinne) kann Henning darüber hinaus gelten, wenn es darum geht, Leerstellen und Lücken zu inszenieren, in denen sich der Leser mit seiner Phantasie einnisten kann Da hockt beispielsweise der Vertreter Schmidt in einer trostlosen Bar seiner Heimatstadt, in der er noch einmal nach Jahren seine geschiedene Frau besucht hat, und lässt sich vom Barmann, der ihn nicht kennt, die ebenso trostlose Geschichte seiner eigenen Familie berichten. Nach Hause zurückgekehrt empfängt ihn seine Frau lesend im Bett. Bist du glücklich?, muss er sie spontan fragen, worauf sie - vermutlich ohne dabei einmal aus ihrem Buch hoch zu schauen - antwortet: "›Natürlich bin ich glücklich. Aber das weißt du doch‹, sagte sie und blätterte eine Seite ihres Buches um. Schmidt glaubte ihr, wollte ihr glauben, doch aus dem tiefsten Grund seines Bewusstseins stieg der Zweifel empor."

Eine Frau verlässt ihren Mann, versucht, eine neue Existenz zu begründen, ihre Unabhängigkeit zu leben und landet in einem schlecht bezahlten Job als Serviererin in einem Café. Und die Tage, Wochen, Monate vergehen eintönig - "alleine an ihrem Tisch neben der Kuchenvitrine, vor sich ein Glas Bier und ein Kreuzworträtsel und, weit schlimmer, lange, ereignislose Stunden bis zum Feierabend." Bis dann eines Tages ihr Mann unerwartet auftaucht, sie bloß "lang durchdringend" anstarrt und wieder verschwindet. "Tränen traten ihr in die Augen, und die Arme hingen schwer nach unten. Nicht so schwer wie damals, als sie mit gepackten Taschen davongelaufen war. Doch schwer genug, als dass sie daran glauben mochte, sie jemals wieder nach oben zu bringen." Das Leben als verpasste Gelegenheit, als etwas, das sich immer bloß anderswo abspielt. Aber wo? Und wie gelangt man schließlich dorthin?

Peter Henning: Giganten. 18 Geschichten. Residenz, Salzburg, Wien, Frankfurt 2002, 143 S. 14,90 EUR


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00:00 12.12.2003

Ausgabe 38/2020

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