„Bitcoin ist der rebellische Sohn des Neoliberalismus“

Interview Edemilson Paraná forscht zu Digitalwährungen, wie sie nicht nur in seiner Heimat Brasilien boomen. Der Publizist Evgeny Morozov hat mit ihm gesprochen
„Bitcoin ist der rebellische Sohn des Neoliberalismus“

Foto: Gabriel Marques für der Freitag

Viel von dem, was über Kryptowährungen zu hören ist, kommt aus dem Globalen Norden oder dreht sich um ferne Inselstaaten, die als nächstes „Kryptoland“ gehandelt werden. Es lohnt sich, mit Edemilson Paraná über dieses Thema zu sprechen: Der brasilianische Soziologe hat viel über den Aufstieg des digitalen Finanzwesens, gerade in Brasilien, geforscht und publiziert.

Paranás neuestes Buch Bitcoin. A utopia tecnocrática do dinheiro apolítico ist 2020 erschienen, eine englische Version soll bald vorliegen. Der Publizist Evgeny Morozov hat es auf Portugiesisch gelesen und mit dem Autor über die Hintergründe des Aufkommens von Kryptowährungen im Zuge der Finanzkrise 2008 und den heutigen Boom von u. a. Bitcoin gesprochen.

Evgeny Morozov: Herr Paraná, was hat die Finanzkrise von 2008 mit dem Aufstieg von Bitcoin, ja von Kryptowährungen, zu tun?

Edemilson Paraná: Es ist wie eine langweilige Ödipus-Tragödie: Der real existierende Neoliberalismus hatte mit einer schweren Krise zu kämpfen, das Establishment war als selbstreferenziell, korrupt und undemokratisch in Verruf geraten. Der Libertarismus der Kryptowährungen inszenierte sich als Opposition, als angeblich „unpolitische“ und „ehrliche“ Form des Geldes.

Wieso Ödipus-Tragödie?

Viele in der Bitcoin-Community vertraten neoliberale Kernideen, Milton Friedmans Monetarismus, Friedrich Hayek, die Rhetorik ist antistaatlich, radikal, konfrontativ. Bitcoin ist der rebellische Sohn des Neoliberalismus, der den Vater, das neoliberale Establishment, nach der Finanzkrise als alten und bösartigen Heuchler entlarvt, der eine Sache predigte, aber mit der Rettung der Banken das genaue Gegenteil tat. Folglich gewann der libertäre Radikalismus von Bitcoin gerade dadurch an Boden, dass er auf technokratische Weise fordert, der Neoliberalismus solle seine Versprechen einlösen: Wettbewerb als Mittel zur Erzeugung von „Innovation“, Verteidigung individuellen Eigentums, Kommodifizierung sowie Privatisierung und so weiter. Bitcoin ist, trotz seiner technisch innovativen Aspekte, nicht viel mehr als die Übertragung dieser Agenda auf den Bereich der Geldverwaltung.

Sie analysieren Bitcoin als eine Kombination dreier ideologischer Strömungen: Neoliberalismus, Anti-Establishment-Populismus, technologischer Utopismus. Aber ergibt das wirklich ein kohärentes gemeinsames Projekt?

Der Kern der Bitcoin-Ideologie ist ein theoretischer Grundsatz, der für die orthodoxe Ökonomie so wichtig ist: Geld ist neutral und muss es bleiben. Es sei ein Geschöpf des Marktes, ein Schleier, ein Schmiermittel, ein technischer Ermöglicher und ein Vehikel für den Warenaustausch. In dieser Sichtweise ist das Geld ein „Ding“, das aufgrund seiner besonderen Eigenschaften seine spezifischen Funktionen auf dem Markt erfüllen muss. Also muss das Geld durch den Markt selbst reguliert werden – oder, besser gesagt, es muss sich selbst regulieren. Dementsprechend wird so etwas wie Inflation als eine tyrannische Art der Aushöhlung des individuellen Eigentums zur Förderung der Leibeigenschaft umgedeutet; sie wird immer als monetäres Phänomen gesehen, das nur durch eine externe Intervention vom – wem sonst? – schrecklichen Staat ausgelöst wird. Der steht für den autoritären Kollektivismus: eine bösartige, ineffiziente politische Invasion in das, was ansonsten die rein technische, funktionale Existenz des Geldes wäre. Dies ist die Fantasie, die viele Neoliberale, Anti-Establishment-Populisten und technologische Utopisten, die hinter Bitcoin stehen, eint.

Zur Person

Edemilson Paraná, 32, arbeitet an brasilianischen Universitäten in Ceará sowie Brasília. Er beschäftigt sich mit Wirtschaftssoziologie, politischer Ökonomie und Sozialtheorie. Sein Buch Digitalized Finance. Financial Capitalism and Informational Revolution ist 2020 auf Englisch beim gemeinnützigen US-Verlag Haymarket Books erschienen. In Vorbereitung ist die Veröffentlichung von Paranás Buch Money and Social Power. A Study on Bitcoin beim internationalen Verlagshaus Brill.

Viele Krypto-Fans insistieren, dass alles Wirtschaftliche sauber getrennt von der Politik sein und von algorithmischen Systemen verwaltet werden sollte, gestützt auf die Gesetze der Mathematik und der Physik – und nicht auf Vertrauen, Politik und all dieses schmutzige Menschliche.

Technologischer Determinismus und wirtschaftlicher Liberalismus gehen oft Hand in Hand, das lässt sich bis zum Ökonomen David Ricardo und seinen Zeitgenossen zurückverfolgen: Märkte und Geld sind eine technische Frage, die nicht durch Politik und Werte korrumpiert werden sollte; wir sollten sie lösen, ohne über Werte, Kultur, Geschichte, Institutionen, gemeinsame Ziele und soziale Bedürfnisse zu diskutieren. Milton Friedman schlug Anfang der 1990er vor, die Federal Reserve durch einen Computer zu ersetzen, der so programmiert ist, dass er die Geldmenge auf der Grundlage von Prognosen zum Bevölkerungswachstum automatisch erhöht. Wirtschaftspolitik oder eine Zentralbank seien dann nicht mehr notwendig.

Klingt sehr Bitcoin-affin.

In gewisser Weise ist es genau das, was Bitcoin in seiner Utopie des programmierbaren Geldes zu verwirklichen versucht hat. Geld ist aber eine soziale Beziehung und keine Sache. Als solches spielt es keine Rolle, ob es physisch ist oder aus Papier, Silber oder Ziffern auf dem Bildschirm besteht: In gewissem Sinne ist es bereits „virtuell“ – sonst könnte es nicht richtig als Geld funktionieren. Was Bitcoin versucht, ist der Einsatz digitaler Technologien, um Geld zu „entvirtualisieren“, das heißt, es von einer „sozialen Beziehung“ in ein „Ding“ zu verwandeln. Die Bitcoin-Ideologie unterscheidet sich da nicht groß von der Vorstellung, die uns die beschert haben, die auf Gold schwören, die „Goldbugs“ oder Metallisten. Es ist kein Zufall, dass ein Großteil der Fachsprache auf physikalischen Metaphern basiert: schürfen, prägen, graben. Bitcoin ist digitaler Metallismus.

Wie ist die Lage in Brasilien?

Ich unternahm 2016 mit meinem Buch Digitalized Finance eine Lesereise durch verschiedene Städte, war in BWL- und VWL-Fakultäten der wichtigsten Universitäten. Das Umfeld dort war immer, selbst zu Zeiten der Diktatur, mitunter sehr progressiv, es gibt eine starke Tradition heterodoxer Ökonomen im Land. Ich debattierte also über die digitale Finanzialisierung – und zwar mit älteren Dozenten, die viel fortschrittlicher dachten als ihre jungen Studierenden. Letztere fragten mich mit leuchtenden Erstsemesteraugen immer und überall nach Kryptowährungen, Bitcoin, einige wollten über Hayek, Ludwig von Mises und die Österreichische Schule sprechen. Bei Vorträgen vor Gewerkschaften und linken Organisationen war es oft ganz genauso.

2016 begann der Aufstieg von Jair Bolsonaro.

Ja, und Finanzmarktakteure empfingen ihn bald mit offenen Armen – auch Krypto-Enthusiasten. Ihre Rhetorik klang sehr vertraut: Alles sei die Schuld der Regierung; alle außer den Hardcore-Neoliberalen seien Kommunisten; das Land stehe am Rande des Sozialismus. Den Krypto-Hype betreiben in Brasilien fast ausschließlich Hardcore-Rechte. Gut dokumentiert ist inzwischen, dass viele von ihnen auf Unterstützung konservativer US-Denkfabriken und libertärer Organisationen angewiesen sind.

Aber wer genau sind denn diese Krypto-Enthusiasten in Brasilien?

Einerseits junge Geeks, Technikbegeisterte, Social-Media-Krieger, Ingenieure, Techniker – die gibt es ja überall, nicht nur in Brasilien. Sie sind meist idealistisch und recht naiv, zu ihnen gesellen sich meist weiße Männer der oberen Mittelschicht in ihren Dreißigern – oft Investoren und Entwickler.

Und andererseits?

Die, die mit Kryptowährungen viel Geld verdienen – sie kommen aus FinTechs und anderen Institutionen des starken, kapitalkräftigen, technologisch sehr fortschrittlichen Finanzsystems Brasiliens und verbreiten das Krypto-Evangelium durch Bücher, Investmentkurse und durch den Verkauf von Krypto-Produkten. Die einen sind offen kriminell, bauen verschiedene Pyramidensysteme auf. Die anderen agieren legal, als Broker oder App-Anbieter, mitunter als Teil des Drehtürsystems, das Bolsonaros Wirtschaftsministerium mit den großen Finanzinstituten Brasiliens verbindet.

Wie verdienen sie ihr Geld?

Sie nutzen eine wachsende Menge von Menschen aus, die jahrelang neoliberalen Reformen ausgesetzt waren und in Zeiten der Krise verzweifelt versuchen, aus ihren schwindenden Ersparnissen etwas Geld zu machen. Viele sind gerade arbeitslos geworden, träumen aber davon, plötzlich reich zu werden, indem sie mit Kryptowährungen spekulieren, oft um ihr sinkendes Einkommen aufzubessern.

Bei Ihnen klingt Kritik an Edward Snowden und Julian Assange an – beide gäben der technologisch-utopischen Lesart von Bitcoin Deckung. Aber rechtfertigt diesen Utopismus nicht, dass WikiLeaks nach der US-Finanzblockade per Bitcoin weiterarbeiten konnte?

Bitcoin wird für solche Zwecke verwendet, das schreibe ich auch in meinem Buch – ich fordere aber auch auf, zu fragen: Wie können wir die vielversprechenden Aspekte von Bitcoin und der Blockchain beibehalten und uns gleichzeitig von der Dystopie unpolitischen, technokratischen Geldes wie einer individualistischen, marktbasierten Form von Regierungsführung befreien? Das ist nicht unmöglich, aber eine große Herausforderung.

Snowden hat die Idee digitaler Zentralbankwährungen, die auch Progressive interessant finden, als große Gefahr bezeichnet.

Snowdens Argumente sind falsch, kurzsichtig und beeindruckend naiv, etwa in Bezug auf Geopolitik und die komplexe Rolle von Staaten. Digitale Zentralbankwährungen können in Richtung Kryptofaschismus führen, wie er das anprangert, klar. Aber das Ganze kann sich auch anders entwickeln. Technologischer Determinismus und individualistischer Liberalismus jedenfalls sind keine Werkzeuge, mit denen man den Komplexitäten dieses Themas gerecht wird – krypto-anarchistischer Himmel oder die Hölle des digitalen totalitären Staates: Das ist zu einfach. Es ist gut, dass es libertäre Snowdens und Assanges gibt. Aber es wäre noch besser, gäbe es fortschrittliche, demokratisch-sozialistische Äquivalente zu ihnen.

Info

In voller Länge und englischer Sprache ist das Gespräch auf the-crypto-syllabus.com zu lesen

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 9