Bitte Dauerlächeln

Kritik Das 6. Leipziger Fotografiefestival f/stop hinterfragt derzeit eindrucksvoll das Glücksversprechen der alltäglichen Mainstream-Fotografie
Sarah Alberti | Ausgabe 24/2014

Manchmal, im Sommer, gehe ich an Baustellen vorbei, atme den Geruch (des Sandes und der Erde) ganz tief ein, schließe die Augen und stelle mir vor, ich wäre am Meer.“ In großen Lettern steht dieser Satz mitten im 6. Fotografiefestival f/stop in Leipzig. Das dazugehörige Foto sucht man vergebens, Jana Buch, Studentin der Kunstakademie Düsseldorf, sensibilisiert dafür, dass es kleine Momente des Glücks gibt, die sich nicht sofort mit dem Smartphone festhalten lassen.

Unter dem Motto „Get lucky!“stehen auf dem Leipziger Spinnereigelände noch bis Sonntag fünf Ausstellungen. Werde glücklich! – das ist für das Kuratorenduo Christin Krause und Thilo Scheffler nicht nur Zitat eines einschlägig bekannten Charthits aus dem Jahr 2013, „sondern auch Ausdruck eines Zeitgeistes, bei dem der persönliche Weg zum Glück weniger einem Versprechen als einem gesellschaftlichen Imperativ gleicht“. Damit ist viel gemeint: Von der fließenden Grenze zwischen Arbeit und Freizeit über den allgegenwärtigen Hang zur Selbstoptimierung bis hin zur täglichen Bilderflut im Netz. Die Kunst, die das f/stop zeigt, will die Risse in diesen Vorstellungen vom Glück zeigen. Es liegt in der Natur eines Festivals, dass nicht alle 45 Arbeiten diesem Anspruch gerecht werden.

Im Bereich f/stop Plattform steht das private Glück im Vordergrund: So hat Kyung-Nyu Hyun über Monate ihre täglichen Mahlzeiten fotografiert und zeigt zahlreiche Frühstücksvariationen. Miriam Gossing zeigt Amateurfotos von ungetragenen, zum Verkauf stehenden Hochzeitskleidern aus dem Netz und bricht sie durch die Präsentation in cremeweißen Passepartouts und edlen Rahmen.

Der Show gelingt es, für ein Paradox zu sensibilisieren: Obwohl wir wissen, dass es Werbung ist, schafft es die Fotografie noch immer, Träume und Lebensstile in Szene zu setzen und Glücksbotschaften an Mann und Frau zu bringen. In ihrer Videoarbeit Sixty Minutes Smiling inszeniert Anna Witt ein Gruppenbild von Führungskräften eines durchschnittlichen Unternehmens. Sie lässt Schauspieler typische Posen und künstliches Lächeln halten, sechzig Minuten lang. Wenn die Gesichter mit der Zeit zur Grimasse erstarren und die Muskeln im Close-up zu zittern beginnen, wird deutlich, wie hart erarbeitet Glück sein kann.

Beni Bischof konterkariert diese Medienwelt, indem er Models im DIN A4-Format seinen Zeigefinger durch die papierne Hochglanznase steckt oder ihre photogeshopten Konterfeis mit Wurststückchen collagiert. Simple Maßnahmen, die zu sehr ästhetischen Ergebnissen führen.

Im Kontrast dazu reflektiert der renommierte Gestalter Mario Lombardo die Leistung von professionellen Magazinfotografen: „Ich frage mich oft, wie man zum Glück gelangt. Meistens ist dieser Weg mit Leiden verbunden“. reflektiert er im Kataloginterview. „Genau diese Leidenschaft beherrscht mein Leben.“ Der ehemalige Art-Direktor der Spex kuratiert in Leipzig Fotografien von Hanna Putz, Daniel Sannwald, Jonas Unger und Daniel Josefsohn.

Losgelöst von ihrem ursprünglichen Kontext, hängen die Fotos nun gerahmt oder nackt im Posterformat an der Wand: „Ich bin stolz, dass die Arbeiten das aushalten“, meinte Lombardo bei Presserundgang. Alleine an der Wand stehend, haben vor allem die Prominentenporträts Bestand, so ein Porträt von Gérard Depardieu, das ein Cover des Magazins der Zeit zierte. Bei anderen Arbeiten sucht man die inhaltliche Referenz in den unter Glas präsentierten Magazinen, deren Seiten sie entsprungen sind.

Die Ich-Sehnsucht

Bilder erzeugen Identität. Und Identität erzeugt Bilder. Auch das macht die Ausstellung deutlich. So im Falle des Klassentreffen-Effekts von Hans Eijkelboom, Jahrgang 1949: Er fragte vor fast 40 Jahren per Brief ehemalige Freunde an, was aus ihnen geworden sei. Charaktereigenschaften und Interessen treten in den retrospektiven Beschreibungen unterschiedlich gewichtet hervor: Eijkelboom inszenierte sich den Antwortbriefen entsprechend als Bankbeamter, Förster oder Aktivist im linken Milieu. Die Sehnsucht, das eigene Ich fotografisch festzuhalten, ist eine Konstante in der Entwicklung des Mediums, und sie geht immer einher mit der Frage nach der Authentizität des gemachten Fotos.

Schon im 19. Jahrhundert tauschten Franzosen untereinander Carte-de-Visite-Fotografien, kleine Porträtfotos, die auf Karton gezogen die Größe einer Visitenkarte hatten und in Alben geklebt wurden. Heute pflegt man sein Selfie auf dem Facebook-Profil ein. Eindrücklich illustriert Erik Kessels dieses Phänomen: Über 2.000 Fuß-Selfies bilden Teppich und Tapete für eine begehbare Rauminstallation. Und wir stehen plötzlich mittendrin, in neuen Schuhen neben erschöpften Füßen, Nagellack in Regenbogenfarben und Fußpilz. Auf sozialen Plattformen werden täglich rund 700 Millionen Bilder hochgeladen. So sind es heute eben nicht nur vorproduzierte Fotografien, die die gesellschaftliche Tyrannei des Glückes befeuern, zunehmend trägt jeder Einzelne dazu bei.

f/stop 6. Festival für Fotografie Leipzig noch bis zum 15. Juni

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