Bitte jetzt keine Witze

USA Über 4.000 Menschen treffen sich in Manhattan zum Left Forum, verkaufen Jutebeutel und regeln die Zukunft

Vollkommen zu Unrecht heißt es in vielen sozialen Medien, das „Left Forum“ in New York sei ein Treffpunkt für Spinner. „Nein, nur zehn Prozent des Forums sind verrückt“, korrigiert Bhaskar Sunkara auf Facebook, „achtzig Prozent langweilig, zehn großartig.“ Am John Jay College in Manhattan werden normalerweise Kriminologen ausgebildet, aber an diesem Sommerwochenende drängeln sich etwa 4.000 sehr junge und sehr alte Aktivisten durch die langen Flure und können insgesamt 290 Workshops oder „Panels“ besuchen.

Der 28-jährige Bhaskar Sunkara, Herausgeber des Jacobin-Magazins und Jungstar der Post-Trump-Linken (der Freitag 21/2016) , sitzt an seinem Büchertisch und verkauft Jutebeutel. Linke Verlage, Klein- und Kleinstgruppen, NGOs, Blogger, Akademiker und Exzentriker – wer gesehen werden möchte, ist dabei. Es gibt Klatsch ohne Ende. Das Verrückte an diesem Event besteht darin, dass jeder einen Workshop anmelden kann. Einzige Bedingung: Es müssen mindestens drei Redner dabei sein, die aus unterschiedlichen politischen Gruppen stammen. So sollen verschiedene Strömungen miteinander ins Gespräch kommen. Freilich offenbart ein Blick ins 80-seitige Programm: Viele Gruppen umgehen diese Regel, indem sie sich drei verschiedene Gruppennamen ausdenken. Sogar zwei Jungsozialisten aus Mecklenburg sind dabei und staunen, dass Karl Marx und Rosa Luxemburg hier die Ikonografie genauso prägen wie zu Hause.

Endlos viele Antworten

In Trump-Country rüstet die Barbarei zu stets neuen Höhenflügen, wenn an der Grenze bis vor Wochen Kinder von Migranten in Käfige gesperrt wurden. Die Grundsatzdebatte des Forums läuft daher auf die Frage hinaus: Sollten wir die Demokratische Partei bei der Kongresswahl Anfang November unterstützen und nach links rücken? Oder uns auf irgendeine Art von Umsturz orientieren? Dazu gibt es endlos viele Antworten.

„Sozialisten und Lehrer passen super zusammen“: Ryan Bruckenthal, ein junger Pädagoge aus New York, spricht in seinem Workshop über die Arbeiterbewegung unter Trump. Werden wir überleben?, ist sein Vortrag ominös überschrieben. Bruckenthal ist Mitglied der Democratic Socialists of America, einer von Zehntausenden, die seit der Trump-Wahl 2016 in eine linke Gruppierung eingetreten sind. Er erzählt, als Heranwachsender 9/11, den Irak-Krieg und den Finanz-Crash von 2008 erlebt zu haben. „Meine Generation musste erkennen, dass der Status quo nicht funktioniert. Jetzt blicke ich voller Hoffnung auf die Teachers’ Rebellion, die Protestbewegung der Lehrer, die im Augenblick durch die konservativsten Regionen der USA zieht.“

„Wer von euch wusste, dass die Lehrerproteste in West Virginia und Arizona von Sozialisten angeführt wurden?“, fragt der Historiker Eric Blanc in die Runde. Kaum jemand. In der Debatte geht es darum, wie die vielen neuen Sozialisten Arbeiter erreichen können, die ihr Idol nicht in Donald Trump sehen. Solche wie Jorge Maldonado und Donald Jean-Marie, zwei Migranten, beide bei multinationalen Konzernen angestellt, mit Mindestlohn und ohne gewerkschaftliche Rechte. Maldonado, ursprünglich aus Ecuador, arbeitet in der Cafeteria von Google im schicken Chelsea; Jean-Marie aus Haiti ist im Hilton-Hotel in Samford untergekommen. Beide berichten, wie in ihren Unternehmen Haitianer und Latinos gegeneinander ausgespielt werden, eine beliebte Strategie der Bosse seit Gründung der Vereinigten Staaten. „Allein die Gewerkschaft kann uns zusammenführen“, sagt Jean-Marie, der durch eine erfolgreiche Kampagne dafür gesorgt hat, dass in seinem Hotel Gewerkschaften ab sofort geduldet werden, obwohl die Belegschaft so viele unterschidliche Sprachen spricht.

Bernie bleibt zu Hause

Julia Wallace, Sozialarbeiterin in einem LGBT-Zentrum in Los Angeles, sitzt auf demselben Podium wie Maldonado und Jean-Marie. Als Aktivistin der Black-Lives-Matter-Bewegung hat sie schon an zahlreichen Blockaden von Autobahnen teilgenommen, um gegen Mordanschläge der Polizei zu protestieren. Doch Wallace will mehr als Barrieren, sie will Streiks. „Als Arbeiter können wir nicht nur Straßen lahmlegen, sondern auch Arbeitsplätze.“ Im Workshop wird über den Zusammenhang von Gewerkschaftskampf und Polizeigewalt diskutiert, da Streikposten häufig von der Polizei angegriffen werden. Wer davon betroffen ist, brauche eine eigene politische Partei, heißt es.

„Auf dass eine Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk, nicht von der Erde verschwinden möge.“ Der Spruch mag poetisch und utopisch, für US-amerikanische Ohren aber banal klingen. Handelt es sich doch um den Schlusssatz einer Rede von Abraham Lincoln, die in den USA fast jedes Schulkind auswendig lernen muss. Eine Rednerin im großen Plenum will den Satz als Pointe nutzen und erntet dafür Stille.

Die berühmteste Aktivistin beim Forum ist Jane O’Meara Sanders, Ehefrau des wahnsinnig beliebten demokratisch-sozialistischen Senators Bernie Sanders, der bisher noch nie beim Left Forum war. Leider kann Jane im Unterschied zu ihrem Mann nicht mitreißend reden. Was sie sagt, könnte aus dem Gesellschaftskundeunterricht einer High School stammen: Wir müssen mehr junge Menschen zu den Kongresswahlen mobilisieren. Eine „neue Strategie“ ist das nicht. Ohnehin sind die großen Plenen am Abend in der Regel der Tiefpunkt des Programms. Spannend wird es nur beim Auftritt von Ajamu Baraka, einst Kandidat der Grünen Partei für die Vizepräsidentschaft, ein strikter Gegner des US-Imperialismus, der immer gern den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad verteidigt. Als Baraka diesmal zu sprechen beginnt, stehen etwa ein Dutzend Menschen auf und halten eine Fahne der syrischen Opposition hoch, dazu steht „Assad out now!“ auf einem Schild. Ansonsten aber bleibt der Protest stumm, sodass Baraka nicht weiter darauf eingeht, als die Assad-Gegner langsam und schweigend den Raum verlassen. Wenn kurz eine Kontroverse in der Luft liegt, bleibt das Forum eher träge.

„Fragt mich über die vier Panels, die vom Left Forum zensiert worden sind“: Eine Frau mit Basecap trägt ein großes handgeschriebenes Schild um den Hals, weil die Leute von der Website Deep Truth eine Zäsur beim Left Forum beklagen. Die Anmeldung von Panels ist nämlich nicht mehr uneingeschränkt möglich, zumindest nicht ganz. So bleibt Deep Truth ausgeschlossen, veranstaltet eine Paralellkonferenz im Internet und wirbt dafür mit Flyern – die Themen: die Migrationswaffe, der Handelskrieg und Chemtrails (eine spezielle Art von Kondensstreifen am Himmel, die auf eine vermeitnlich absichtliche Ausbringung von Chemikalien zurückgehen).

„Man muss mit der Wissenschaft des 11. September anfangen“, meint Irving Lee. „Die Türme wurden durch Explosionen zum Einsturz gebracht. Das bringt uns zur Frage: warum?“ Lee spricht dann über George Soros und den „Yinon-Plan“, sodass man schnell das Gefühl hat, der könnte endlos weiterreden, wenn man sich nicht sehr bestimmt und sehr schnell verabschiedet. Dennoch muss man die Spinner, die im Internet so viel Aufmerksamkeit finden, beim Forum mit der Lupe suchen, auch wenn bei einem Workshop behauptet wird, die US-Regierung setze künstliche Erdbeben als Waffe ein.

„Gib mir eine Aufgabe, und ich versuche sie zu lösen“: Seit Jahrzehnten zählt Marcus Graetsch zur radikalen Linken in den USA. Der 43-Jährige kam einst nach Berlin, um politische Ökonomie zu studieren. Dort gründete er Reflect, den Verein für die kritische Lehre, später noch die Kneipe Meutereiin Kreuzberg. Seit 2012 lebt Graetsch – der mit schwarzer Cargo-Hose, Brille und gepflegtem Bart optisch gut zur Piratenpartei passen würde – in New York. Die Occupy-Bewegung hat ihn angezogen und ein Burnout aus Berlin verjagt. Der Name „Blockupy“ übrigens, den habe er sich ausgedacht.

Seit fünf Jahren ist Graetsch für das Programm des größten linken Events der USA zuständig. Besucht man ihn zwei Tage vor dem Beginn in seinem Büro in der City University of New York, erwartet man Chaos ohne Ende, doch der Typ ist unerschütterlich. Auch während des Forums, wenn er mit Walkie-Talkie herumjoggt, kann man stets auf ihn zugehen.

Vor Jahrzehnten begann das Forum als akademische Socialist Scholars Conference, bis mit den Occupy-Protesten 2011 die Teilnehmerzahlen von 1.500 auf über 4.000 stiegen. Das Left Forum sei ein Nachschlag zu 1968, meint Graetsch, „denn in den USA gibt es keine Integration von Dissidenten wie durch die Grünen in Deutschland“. Folglich trifft man auf dem Forum Menschen, die seit mehr als 50 Jahren gegen den Kapitalismus aktiv sind, viel zu erzählen haben und die Mehrheit gegenüber den unter 35-Jährigen – zumeist sind das Studierende – bilden. Die Jahrgänge dazwischen fehlen fast völlig.

Es ist ausgesprochen leicht, Witze über diese US-Linken zu machen. „Wo bleibt der Workshop über Bigfoot?“ et cetera. Die Leute vom Left Forum stehen jedoch in der ersten Reihe der Kämpfe gegen die Barbarei. Dass eine Bewegung, die unter starkem Druck steht, auch ein paar schräge Erscheinungen an den Rändern hat, ist normal. „Wo bleibt die Solidarität mit der drangsalierten US-Linken?“, fragt Graetsch leicht entsetzt. Denn die ist in Trumps Amerika nicht unwichtig.

Wladek Flakin, ursprünglich aus den USA, arbeitet als Journalist in Berlin. Von ihm erschien 2018 das Buch Arbeiter und Soldat. Martin Monath: Ein Berliner Jude unter Wehrmachtssoldaten

06:00 18.09.2018
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