Bitte nicht klatschen

Helden Sobald Männer ein Baby füttern, gelten sie als feministische Ikonen
Bitte nicht klatschen

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag

Vor einiger Zeit gingen Bilder des neuseeländischen Parlamentspräsidenten Trevor Mallard viral, die ihn dabei zeigten, wie er sich liebevoll um das Baby eines Abgeordneten kümmerte. Mallard fütterte das Baby, während der Abgeordnete eine Rede hielt. Von CNN bis India Today berichteten alle, in den sozialen Medien überschlug man sich vor Lob, manche witterten den Untergang des Patriarchats. Spiegel Online twitterte ein Video mit Herzchenaugen-Emoji.

Ein Mann, der ein Kleinkind fürsorglich in den Arm nimmt, anstatt es irgendwo liegen zu lassen, ist nichts, worüber sich Feminist*innen beschweren würden. Es sollte mittlerweile aber auch nichts mehr sein, was von der Gesellschaft als feministischer Fortschritt verklärt wird. Dass es nach wie vor so ist, sagt viel über ihren Zustand aus. Abgesehen davon, dass es immer wieder Fälle gibt, in denen Mütter mit ihren Babys aus Parlamenten (so etwa die Thüringer Politikerin Madeleine Henfling im Sommer letzten Jahres und die dänische Abgeordnete Mette Abildgaard im März dieses Jahres) und anderen öffentlichen Räumen (man denke an die Reaktionen auf stillende Mütter) ausgeschlossen werden, ist es typisch, dass „weiblich“ konnotierte Aufgaben, wie Kindererziehung, für fast beängstigend überschwängliche Begeisterung sorgen, wenn Männer sie ausführen.

Erde an Mommy, echt jetzt?

Wenn es heißt, dass Feminist*innen für eine erfolgreiche feministische Bewegung auch die Männer „ins Boot holen“ müssen, ist das immer eine Form von Täter-Opfer-Umkehr. Es bedeutet nämlich im Wesentlichen, dass Feminismus auch die ohnehin privilegierte Lebensrealität der Unterdrücker verbessern soll, damit diese für die Unterdrückten schlussendlich nicht mehr so bedrohlich sind und sie mehr oder weniger diskriminierungsfrei leben können. Was soll das für ein Deal sein?

Ja, auch Männer können in gewisser Weise unter den Erwartungen und Zwängen des Patriarchats leiden. Aber wenn es notwendig ist, das immer wieder zu betonen, um sie vom Sinn einer feministischen Gesellschaft zu überzeugen, macht das ihr antipatriarchalisches Engagement schnell unglaubwürdig. Sobald solche Engagements an Bedingungen geknüpft wird, die sie als gesellschaftlich dominante Gruppe selbst formulieren, ist es wertlos. Wenn es erst heikel wird, wenn noch die Unterdrücker vom vorherrschenden System nicht mehr nur profitieren, ist der vermeintlich feministische Einsatz nicht auf Gleichstellung, sondern auf Aufrechterhaltung der Verhältnisse unter einem fortschrittlicheren Label ausgelegt.

Gleich vorweg: Feministische Männer können selbstverständlich glaubwürdige Verbündete in feministischen Anliegen sein, doch eine gewisse Skepsis ihnen gegenüber ist allein aufgrund des strukturellen Machtungleichgewichts zwischen den Geschlechtern angebracht. Das zeigt sich auch an der Bewertung nicht systemkonformen Verhaltens von Männern. Man denke an die Geschichte der deutschen Astronautin Insa Thiele-Eich, deren Ehemann sich um die gemeinsamen Kinder sorgt, um ihr ihre Reise ins Weltall zu ermöglichen, und dafür einen mit 5.000 Euro dotierten Preis als „Spitzenvater des Jahres“ bekam. Das klingt wie ein Witz aus einem pseudo-progressiven Comedy-Programm, ist aber leider so passiert. Nun sind nicht Ehemann Thiele-Eich und Parlamentspräsident Mallard, die sich vielleicht wirklich aus einer feministischen Selbstverständlichkeit heraus und nicht für ein bisschen Internet-Ruhm engagieren, das Problem. Es ist die Gesellschaft, die klatscht, wenn ein Mann das Mindeste tut. Das heißt nicht, dass man sich nicht freuen darf über solche Bilder, man sollte sich nur fragen, ob man parallel auch einer Frau, die ihr Baby füttert, so zujubelt.

Einerseits, weil Bilder von sich sorgenden Müttern für uns selbstverständlich sind – sofern ihre Existenz überhaupt wahrgenommen wird. Andererseits ist es sehr oft so, dass Mütter vor allem dann in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit geraten, wenn sie etwas „falsch“ oder „unkonventionell“ machen, was sie in den Augen des von Misogynie getragenen Patriarchats ja häufig tun. Während das Verhalten von Männern überbewertet wird, wird das Verhalten von Frauen unterbewertet.

Ein beliebtes Argument ist in dieser Diskussion, dass eine positive Bestärkung dieser Fürsorglichkeit bei Männern notwendig sei, denn wie sollen diese sonst lernen, ihren Teil der Beziehungsarbeit zu leisten? Außerdem würde die Verbreitung solcher Bilder zur Bewusstseinsbildung beitragen und damit auch andere Männer motivieren, fürsorgliches Verhalten an den Tag zu legen. Es ergäbe Sinn, dass sich diese zusammenreißen, wenn sie dafür Heldenverehrung, Preise und Berichterstattung in internationalen Medien erhalten.

Holt euch doch selbst ab

Welches Feminismus-Niveau ist es, wenn Männer dafür gepriesen werden sollen, dass sie nicht sexistisch sind? Dass sie ihrer Verantwortung als Väter und Partner nachkommen und im Haushalt nicht nur „helfen“? Während die Gesellschaft also damit beschäftigt ist, für Männer Dankesreden vorzubereiten, Pokale zu gravieren und ihren Partnerinnen augenzwinkernd zu suggerieren, dass das Anbieten von sexuellen Diensten eine gute Belohnungsstrategie in Beziehungen ist, haben alle vergessen, worum es beim Thema Gleichstellung geht: darum, dass Männer von Feminist*innen nicht abgeholt werden müssen, sondern selbst verantwortlich sind, ein feministisches Leben zu führen. Wenn sie das nur an Bedingungen geknüpft tun wollen, dann ist das kein Grund zum Feiern, sondern zur Sorge. Es ist Ausdruck eines Anspruchsdenkens. Wenn Männer nur feministische Verbündete sind, wenn sie dafür von Frauen und Gesellschaft belohnt werden, dann ist das eine misogyne Haltung. Denn dann wollen sie etwas haben von ihrem Einsatz. Entweder einen Abbau von Pflichten oder eine andere Gegenleistung, die nicht einfach in einem besseren Leben unterdrückter Gruppen besteht.

Männer, die keine Forderungen stellen, fallen auf. Das Patriarchat wäre nicht das Patriarchat und damit viel leichter zu zerschlagen, würde es zumindest halt vor feministischen Gruppen machen. So kann es gut sein, dass sich die oben angesprochene Überbewertung von Männern, die sich in der Unterbewertung von Frauen spiegelt, auch innerhalb dieser Räume zeigt. Einerseits in einer nach innen hin dominanten Position in der Gruppe, andererseits in einer entsprechenden Außenwirkung. Männer sind als „Feministen“ in der Regel sichtbarer als Frauen und nichtbinäre Personen. Für ihre feministische Arbeit, die zum Großteil auf deren feministischer Arbeit beruht, bekommen Männer wesentlich mehr Applaus und wesentlich weniger Hass als Frauen und nichtbinäre Personen in vergleichbaren Positionen. Sobald sie sich einen Namen gemacht haben, steht ihnen alles in diesem Bereich offen, denn sie gelten entweder als spannende Kuriosität oder als wegweisende Autorität.

Es ist schwierig, Männer einfach „ins Boot zu holen“, wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht ändern und diese Männer dann selbst innerhalb feministischer Kontexte noch klar vom Patriarchat profitieren. Besser als nichts? Wohl kaum. Das Ziel ist schließlich kein Patriarchat und nicht ein innerfeministisches Patriarchat.

Nicole Schöndorfer ist freie Journalistin in Wien. Dieser Text ist von ihrem Podcast Darf Sie das? inspiriert

06:00 26.11.2019
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