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Selbsthilfe Lange galten Mikrokredite als Wundermittel gegen Armut. Jetzt leihen selbst kommerzielle Banken den Ärmsten Geld – und drohen, den Ruf der Branche zu beschädigen

Auf dem Sparbuch ist Geld zwar vermeintlich sicher, doch helfen tut es dort niemandem. Viele Menschen möchten mit ihrem Ersparten aber noch etwas Gutes bewirken. Finanzinstitute haben diesen Trend erkannt und bieten ihren Kunden daher Möglichkeiten, ihr Geld „sozial verträglich“ anzulegen. Besonders faszinierend ist der Gedanke, sein Geld an Arme weiter zu reichen, damit diese ihre Geschäftsideen umsetzen und sich so selbst aus der Armut befreien können – mit so genannten Mikrokrediten von nicht mehr als 1.000 US-Dollar. Der bangladeschische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus erhielt vor vier Jahren den Friedensnobelpreis dafür, dass er Mikrofinanzen als Instrument der Armutsbekämpfung in den Fokus rückte. Das Nobelpreiskomitee brachte damit zum Ausdruck, dass Frieden nicht allein von Militäretats abhängt, sondern auch erheblich vom Wohlergehen der Ärmsten. Seither entwickelte sich ein regelrechter Hype um das Konzept.

Nach Jahrzehnten mäßig erfolgreicher Entwicklungspolitik erschien die Lösung des Armutsproblems in greifbarer Nähe: Mikrokredite wurden von vielen als Wunderwaffe angesehen, mächtig genug, um die mehr als 1,3 Milliarden Menschen, die von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag leben, aus der Armut zu befreien. Und dies würde nicht durch abhängig machende Transfers erfolgen, sondern durch die Kraft der Betroffenen selbst.

Muhammad Yunus erklärte die Armen für kreditwürdig, die vorher vom konventionellen Kreditmarkt ausgeschlossen waren, da sie über keinerlei Sicherheiten verfügten. Ohne Mikrokredite waren sie angewiesen auf informelle Geldleiher, die mit ihren Wucherzinsen von bis zu 20 Prozent täglich den Unternehmergeist der Menschen im Keim erstickten.

Streit der Ansätze

Yunus ersetzte die üblicherweise notwendigen Sicherheiten durch das Prinzip der Gruppenkredite, in dem eine Gruppe von Kreditnehmerinnen gegenseitig für sich bürgte. Auch hatte er beobachtet, dass Frauen ihre Darlehen verlässlicher zurückzahlen als Männer, weshalb die von ihm gegründete Grameen Bank fortan ihre Kredite nur noch an Frauen vergab. Dadurch schaffte er es, eine Rückzahlquote von sagenhaften 98 Prozent zu erreichen.

Die Erkenntnis, dass auch arme Menschen ihre Kredite zurückzahlen, schaffte es bis in die Chefetagen der großen Banken. Anfang des Jahrtausends schrieb die Grameen-Bank erstmals schwarze Zahlen und bewies somit, dass Mikrokredite auch wirtschaftlich tragfähig sind. Im Jahr 2007 ging schließlich das mexikanische Unternehmen Compartamos an die Börse und sammelte mehr als 400 Millionen US-Dollar von Investoren ein. Dass das Institut anfänglich mit Subventionen gepäppelt wurde, wurde vielfach kritisiert, mehr aber noch die enorm hohen Zinssätze von über 90 Prozent pro Jahr. Überhaupt haben Mikrokredite seit einiger Zeit auch Kritik auf sich gezogen. Allein weil die Idee einen Nobelpreis bekam, sollte jedenfalls niemand investieren.

Grundsätzlich liegen die Zinssätze von Kleinstkrediten weit über denen, die deutsche Banken für Darlehen verlangen. Dies liegt an den hohen Kosten, die durch die kleinen Kreditsummen entstehen: Für einen Kredit von 200 Dollar, wie er etwa in Südostasien üblich ist, müssen die Institutsmitarbeiter oft weite Strecken fahren. Auch fällt bei den kleinen Summen viel Verwaltungsarbeit an, da für jeden Kreditnehmer Buch geführt werden muss.

Doch die Zinsen wie die der Compartamos-Bank lassen sich allein hiermit nicht rechtfertigen, weshalb Muhammad Yunus deren Geschäftsführer als die „neuen Kredithaie“ titulierte. So nannte er auch Vikram Akula, den Gründer von SKS Microfinance, einem kommerziellen Mikrokredit-Unternehmen, das im August in Indien an die Börse ging. Kommerz-Gegner Yunus sieht seine Idee missbraucht und fordert, dass Unternehmer wie Akula für ihre Geschäfte eine andere Bezeichnung als „Mikrokredite“ verwenden sollten.

Der Zoff um die Gewinne ist auch ein Streit der Ideologien. An der Spitze der SKS steht der Inder Vikram Akula, der vom Time-Magazin als einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt wurde. Seine Studienzeit in Chicago und seine Erfahrung als McKinsey-Berater festigten seine Überzeugung, dass Marktkräfte die Armut besser bezwingen können als vermeintliches Gutmenschentum.

Moral oder Markt?

Mit dem breiten Einsatz von IT-Technologie möchte er in seiner Bank effizienter arbeiten und Kosten senken. Während Hilfsorganisationen durch die Höhe ihrer Spenden in ihrem Wirkungsradius begrenzt sind, vergrößert Akula dank kräftiger Finanzspritzen vom Kapitalmarkt jährlich die Kundenanzahl seiner Bank – derzeit sind es 6,8 Millionen.

Für Akula sind Mikrokredite ein recht attraktives Geschäft, da die Rückzahl­quoten sehr konstant sind und die Risiken losgelöst von gesamtwirtschaftlichen Schwankungen. So erwies sich die Branche etwa während der Finanzkrise als bemerkenswert stabil. Daher betont der Frankfurter Volkswirtschafts-Professor Reinhard Schmidt: „Mikrofinanzexperten sollten sich nicht von Yunus moralisierenden Reden irritieren lassen.“

Das stärkste Argument der kommerziellen Mikrokreditanbieter wie Vikram Akula ist die klaffende Lücke, die nach wie vor zwischen Angebot und Nachfrage herrscht. Bislang stecken weltweit etwa 60 Milliarden US-Dollar in der Mikrokreditbranche, 100 Millionen Menschen erhalten die Kredite. Doch laut einer Studie der Deutschen Bank kämen weltweit eine Milliarde Menschen als potenzielle Kunden in Betracht – also das zehnfache der derzeitigen Anzahl.

Daher wuchs etwa die SKS Microfinance zuletzt in Riesenschritten – doch muss sie jetzt feststellen, dass Wachstum auch Grenzen hat. Während die Aktienausgabe im August 350 Millionen Dollar einspielte und sich die Investoren um das Papier rissen, hat die Aktie jetzt schon wieder mehr als 20 Prozent verloren.

Grund ist eine Überschuldungskrise. Die nach Gewinn strebenden Unternehmen konzentrieren sich vor allem in Ballungsgebieten, da sie hier mit vergleichsweise geringem Aufwand viele Menschen erreichen können. So kommt es, dass sich die Kreditnehmer bei mehreren Instituten Geld beschaffen und sich über das gesunde Maß hinaus verschulden. Auch schauen manche Institute nicht mehr so genau hin, an wen sie ihr Geld verleihen – Hauptsache, die Zahl der Kreditnehmer wächst.

Auf diese Weise entsteht eine Kreditblase, die vom Prinzip her gleich aufgebaut ist wie die Blase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt vor zwei Jahren: die Unternehmen vergeben mehr Kredite an ihre Kunden, als diese letztlich zurückzahlen können. Sie bauen ein Kartenhaus auf, das ständig vom Zusammenbruch bedroht ist. Um ihren Gewinn zu sichern, gehen die Unternehmen hart gegen säumige Schuldner vor; in Indien beispielsweise wurde inzwischen mehrfach von Drohungen und Beleidigungen berichtet.

Im indischen Staat Andhra Pradesh ging der Druck so weit, dass kürzlich mehr als 50 Kreditnehmerinnen Selbstmord begingen. Deren Familien und die örtlichen Medien machen die rüden Geldeintreiber für die Ereignisse verantwortlich. Die Regierung des Bundesstaates verbot kurzerhand die Mikrokreditvergabe, um die „Belästigung der Armen“ zu stoppen. Der Anfang vom Ende einer großen Idee?

„Nein, das Ende der Mikrokredite ist dies nicht“, sagt Florian Grohs. Er ist Geschäftsführer des genossenschaftlichen Mikrofinanziers Oikocredit. Sicher, „jeder Selbstmord aus Überschuldung ist ein Selbstmord zuviel“, sagt Grohs, doch könne man die Situation in Andhra Pradesh nicht mit all den restlichen Ländern vergleichen, in denen Mikrokredite vergeben werden. „Die Frage ist jetzt: Wie kommt man da wieder heraus.“

Dabei zieht Grohs eine klare Linie zwischen kommerziellen Unternehmen wie der SKS, die nach Profit streben, und Mikrofinanzinstituten mit einer sozialen Ausrichtung, wie sie von Oikocredit unterstützt werden. Auch Oikocredit ist mit 2,5 Prozent ihres Kapitals in Andhra Pradesh engagiert, doch achtet die Organisation bei ihren Partnern sehr stark darauf, dass sie ihre Kunden genau auf ihre Fähigkeit hin prüfen, Kredite aufzunehmen und darüber hinaus Grundkenntnisse im Umgang mit Geld vermitteln. Dies falle bei kommerziellen Anbietern meist unter den Tisch und „das geht nach hinten los, wie man jetzt sieht“, so Grohs.

Das Pendel schwingt zurück

Die derzeitige Negativwelle in der Berichterstattung über Mikrokredite findet Grohs übertrieben: „Nach dem Nobelpreis wurden Mikrokredite zu hoch gehandelt, jetzt schlägt das Pendel in das andere Extrem aus.“ Statt einer Wunderwaffe seien Mikrokredite eine einfache Finanzdienstleistung – „aber eine ungemein wichtige.“

Das Buch „Portfolios of the Poor“, in dem eine US-amerikanische Forschergruppe die Finanzen von Menschen unterhalb der Armutsgrenze untersuchten, betont die besondere Bedeutung, die Mi­kro­kredite für arme Menschen haben. Doch sind nicht allein Kredite wichtig, sondern ebenso Sparen und Versicherungen. Ohne Bank sparen Arme, indem sie sich etwa eine Ziege kaufen – ein Bankkonto ist als Geldanlage jedoch sicherer. Dies hat auch Muhammad Yunus erkannt, dessen Grameen Bank ihren Kunden neben Krediten nun auch Sparbücher anbietet.

Die Studie der Forscher zeigte aber vor allem, dass Arme besonders ungeschützt sind gegenüber äußeren Widrigkeiten. Ein plötzlicher Krankheitsfall wirkt sich oft fatal aus auf die wirtschaftliche Lage einer Familie. Daher sind Versicherungen wichtig, etwa gegen Krankheiten oder den Todesfall. Hierzu entwickelt etwa die Bajaj-Allianz, eine indische Tochterfirma der Allianz-Versicherung, neue Konzepte, die auf die besonderen Bedürfnisse von Armen zugeschnitten sind.

„Mikrofinanz kann immer nur ein Baustein sein in der Entwicklung eines Landes, daneben braucht man aber auch Investitionen in das Gesundheits- und Bildungssystem“, sagt Stefan Grohs. Dennoch werde die Branche weiter wachsen, denn „Mikrofinanz ist nicht das Problem, sondern ein Teil der Lösung.“

Nils Handler arbeitet als freier Journalist oft zu Fragen einer fairen Globalisierung

11:00 16.12.2010

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