Bittere Bilanz

Zeitgeschichte Martin Buber und der israelisch-arabische Konflikt

Im Sommer 1958, zehn Jahre nach der Gründung des jüdischen Staates, blickte der 80-jährige Martin Buber auf den »Weg Israels« zurück und erinnerte in einem gleichnamigen Aufsatz zunächst an die Ausgangssituation nach dem Ersten Weltkrieg: »Manche von uns hatten früh erkannt, dass ein neuer aufstrebender Faktor im Völkerbestand des Nahen Ostens sich nicht als Enklave der westlichen Welt etablieren und behaupten kann, dass es also eines echten, nicht bloß taktischen Einvernehmens mit den umgebenden Völkerschaften bedarf. Es konnte keineswegs genügen, das Vertrauen der Araber in der Absicht zu erwerben, dass sie später unserem Autonomiebegehren nicht mehr entgegenstehen sollten, nicht scheinbare, sondern wirkliche, objektiv fundierte Solidarität war gemeint. Nur sie konnte den von außen kommenden Erschütterungen standhalten, auf die man gefasst sein musste.«

Doch das Bemühen um ein solches Vertrauensverhältnis zwischen Juden und Arabern in Palästina war die Sache einer kleinen, beharrlichen, aber letztlich erfolglosen Minderheit unter den Zionisten geblieben. Die zionistische Politik hatte, je länger desto einseitiger, einen anderen Weg eingeschlagen und mehr auf die eigene Durchsetzungskraft und ausländische Unterstützung vertraut als auf den schwierigen Dialog mit der arabischen Umwelt. Und hatte der Erfolg ihr nicht Recht gegeben? Dank des Teilungsbeschlusses der Vereinten Nationen von 1947 und unter dem Eindruck des »Holocaust« war der angestrebte jüdische Staat schließlich gegen anhaltenden arabischen Widerstand durchgesetzt worden, und er hatte sich nicht nur gegen den Angriff der ersten Stunde behauptet, sondern 1956 einen weiteren militärischen Sieg errungen.

Martin Buber war 1958 weit entfernt von solch selbstsicherer Genugtuung über die zionistische Erfolgsgeschichte. Die Staatsgründung hatte den schon mehr als drei Jahrzehnte alten, immer wieder von blutiger Gewalt geprägten Konflikt zwischen Juden und Arabern in Palästina nicht beendet, sondern nur eine neue Phase dieser »Erbfeindschaft« eingeleitet. Die Bitterkeit dieses Jahrhundertkonflikts führte Buber nicht allein auf arabische Intransigenz und Unversöhnlichkeit zurück, sondern auch auf folgenschwere Versäumnisse der jüdischen Seite vor 1948. So sei es dazu gekommen, dass die Araber die jüdische Masseneinwanderung als Bedrohung und die Zionistische Bewegung als »Mietling des Imperialismus« angesehen hätten. Beide Beschuldigungen seien unberechtigt, aber psychologisch verständlich. Um so notwendiger aber sei es nun, unter neuen geschichtlichen Bedingungen, »unter so vielfach erschwerten Umständen«, von dem neuen Staate aus »all das einst Verfehlte wiedergutzumachen ... die verschüttete Bahn für ein Einvernehmen mit dem arabischen Volke von neuem freizumachen«.

Auch dazu ist es nicht gekommen, zu Bubers Lebzeiten so wenig wie nach seinem Tode im Juni 1965. Ganz im Gegenteil, der Circulus Vitiosus von Gewalt und Gegengewalt bestimmt heute mehr denn je das israelisch-palästinensische Verhältnis, die Entfremdung zwischen beiden Völkern scheint so groß wie nie zuvor. Wenn es so etwas wie ein geistiges und zugleich politisches Vermächtnis Martin Bubers gibt, dann ist es vor allem in dem beschlossen, was er selbst nahezu ein halbes Jahrhundert dazu getan hat, Verständigung und Kooperation zwischen Juden und Arabern in Palästina zu fördern, gegen übermächtige Widersacher hüben und drüben.

Martin Bubers Aufsatz Der Weg Israels 1958 war auch ein Rückblick auf eigene Bemühungen, Erfahrungen und Enttäuschungen. Am 8. Februar 1878 in Wien geboren, schon seit seinen Leipziger Studentenjahren engagierter Zionist, dann nach der Jahrhundertwende ein »Erwecker« der jüdischen Jugend zu einem neuen nationalen Gemeinschaftsgefühl auf religiös-ethischer Grundlage, hatte Buber bereits auf dem Zionistenkongress in Karlsbad 1921 vor einer zu engen Bindung der zionistischen Sache an die Interessen des britischen Imperialismus gewarnt. Die Balfour-Deklaration von 1917, mit der die britische Regierung den Zionisten ihre Unterstützung bei der Schaffung einer »nationalen Heimstatt« des jüdischen Volkes in Palästina versprach, nährte die Versuchung, auf diese Unterstützung von außen mehr zu vertrauen als auf eine gewiss äußerst schwierige Verständigung mit der arabischen Umwelt. Die jüdische Siedlung durfte, nach Buber, auf keinen Fall ein Vorposten des imperialistischen Westens im Nahen Osten werden. Buber forderte in Karlsbad »Verhandlungen« mit der »nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas« und kritisierte die zionistische Führung wegen ihrer Versäumnisse in dieser Frage: »Es hätte etwas geschehen müssen, was nicht geschehen ist - womit ich nicht hie und da eine Verhandlung mit einem arabischen Notablen meine.«

In den zwanziger Jahren widmete sich Martin Buber von seinem deutschen Wohnort Heppenheim an der Bergstraße aus vor allem der Ausarbeitung seiner Philosophie der Dialogik (Ich und Du, 1923), der Gesamtausgabe der Chassidischen Bücher (1928) und, zunächst zusammen mit Franz Rosenzweig, der Neuübersetzung des Alten Testaments ins Deutsche. Seit 1923 lehrte er zudem an der Universität Frankfurt am Main jüdische Religionswissenschaften und Ethik. Er verlor aber auch die konfliktreiche Entwicklung im britischen Mandatsgebiet Palästina nicht aus den Augen.

In seiner Rede auf dem Zionistenkongress in Zürich 1929 sagte Buber, es sei bei seinem Besuch in Palästina zwei Jahre vorher für ihn »erschreckend« gewesen, »wie wenig wir den arabischen Menschen kennen«. In der für die jüdische Siedlung schicksalhaften Araberfrage habe sich eine »nationalistische Assimilation« breitgemacht, die die ethischen Grundlagen des Judentums verleugne. Einige Monate später hielt Buber in Berlin eine Rede über »Jüdisches Nationalheim und nationale Politik in Palästina«, in der er wiederum seine Sorge über das Abgleiten der Zionistischen Bewegung in einen araberblinden Nationalismus und eine rücksichtslose Verdrängungspolitik zum Ausdruck brachte. Er schloss diese Rede am 31. Oktober 1929 mit den hellsichtig-ahnungsvollen Sätzen: »Wir haben in Palästina nicht mit den Aarbern, sondern neben ihnen gelebt. Das Nebeneinander zweier Völker auf dem gleichen Territorium muss aber, wenn es sich nicht zum Miteinander entfaltet, zum Gegeneinander ausarten. So droht es auch hier zu geschehen. Zum bloßen ›Neben‹ führt kein Pfad mehr zurück. Aber zum ›Mit‹ kann, so groß sich auch die Hindernisse aufgetürmt haben, immer noch vorgedrungen werden. Ich weiß nicht, wie lange noch. Ich weiß nur, dass wir, wenn wir dahin nicht gelangen, nicht zu unserem Ziel gelangen werden. Zum dritten Mal werden wir an dem Lande erprobt.«

Martin Buber blieb nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 zunächst in Deutschland und arbeitete jetzt vor allem für den Aufbau einer jüdischen Erwachsenenbildung, die den inneren Zusammenhalt der bedrängten deutsch-jüdischen Gemeinschaft stärken sollte. 1938 aber folgte er einem Ruf auf eine Professur für Sozialphilosophie an der Hebräischen Universität Jerusalem. Die Situation in Palästina hatte sich in den dreißiger Jahren aufgrund des verstärkten Einwanderungsdrucks weiter verschärft und stand seit 1936 im Zeichen eines arabischen Aufstands gegen die Juden wie gegen die britische Mandatsmacht. Gewalt und Gegengewalt suchten ihre Opfer, jüdischer Terrorismus wetteiferte mit dem arabischen.

Zutiefst betroffen über diese unheilvolle Entwicklung wandte sich Buber schon im Juli 1938 öffentlich gegen den jüdischen Terror und ein blindes Gewaltdenken: »Die Verwirrung im Land hat sich zu einem unerträglichen Maße gesteigert. Sie entlädt sich in Handlungen, die jedem jüdischen Menschen, der noch etwas davon weiß, was Judentum und was Menschentum ist, unerträglich sein müssen.« Die blinde Gewalt wirke nicht etwa, wie angenommen, abschreckend, sondern errege neuen, umfassenden Hass: »Unsere Gewaltverehrer sind im Begriff, das Arabertum, im Land und außerhalb des Landes, gegen uns zusammenzuschweißen.« So verfehlte die jüdische Gemeinschaft immer mehr »den Weg zum Friedensschluss mit dem Volke ... mit dem zusammenzuleben und zusammen dieses Land aufzubauen uns das geschichtliche Schicksal bestimmt hat.« Buber sprach von einer »Untreue« des jüdischen Volkes gegen sich selbst, die mit der Glorifizierung des Terrors begonnen habe. Ein Jahr später, im Juni 1939, beschwor er die jüdische Gemeinschaft in Palästina erneut, sich eindeutig von den zionistischen Terroristen zu distanzieren, die die eigene Sache moralisch diskreditierten und die notwendige Verständigungspolitik immer weiter erschwerten. Er warnte vor der Illusion, »unsere Siedlung könne in alle Zukunft ohne ein Friedensabkommen und eine Arbeitsgemeinschaft mit den Arabern bestehen«.

Mit einem Kreis anderer zionistischer Intellektueller derselben Gesinnung gründete Martin Buber 1942 den »Ichud« (Union), der für einen bi-nationalen Staat in Palästina eintrat, mit Teilautonomie beider Gemeinschaften in bestimmten Bereichen. Eine Teilung des Landes hielt er für unheilvoll. Doch zu dieser Teilung kam es dann 1947/48 und mit ihr zur Gründung des Staates Israel. Die große Mehrheit der Zionisten sah darin den geschichtlichen Triumph ihrer Sache, die Krönung der zionistischen Kämpfe und Erfolge eines halben Jahrhunderts. Buber hingegen lag jeder Trimphalismus fern, ganz im Gegenteil: Er war tief besorgt über die Umstände der Staatsgründung wie über den militanten Nationalismus, der das neue Gemeinwesen mehr und mehr prägte.

Bis zu seinem Tode 1965 ein loyaler, aber kritischer Bürger des Staates Israel, machte Martin Buber kein Hehl aus seiner Nichtübereinstimmung mit der Regierungspolitik in der Araberfrage, von der er in einem Brief an Schalom Ben-Chorin 1954 sagte, sie sei »unsere Existenzfrage« geworden; er meinte das im moralischen wie im politischen Sinne. Vor allem die Intransigenz der Regierung und der israelischen Öffentlichkeit in der Frage der palästinensischen Flüchtlinge rief seine Kritik hervor und veranlasste ihn wiederholt zu eindringlichen, freilich mehr oder minder erfolglosen Appellen. Buber warnte auch jetzt wieder, der jüdische Staat im Nahen Osten dürfe nicht zur Speerspitze des Westens werden, weil das die unerlässliche Verständigung mit der arabischen Welt blockieren müsse. Eine dauerhafte Sicherheit des Staates Israel sah er nur in dessen Eingliederung in eine Nahost-Föderation, wie er sie schon Anfang der zwanziger Jahre vorgeschlagen hatte. Er unterstützte auch die Bemühungen um eine atomwaffenfreie Zone in der Region.

War Martin Buber nach 1945 ein in der ganzen Welt bekannter und vielgerühmter geistiger Repräsentant des Judentums, so blieb er im eigenen Land vor allem wegen seiner unabhängig-kritischen Haltung in den moralisch-politischen Grundfragen mehr oder weniger isoliert. Nicht selten war er Missdeutungen und Anfeindungen ausgesetzt, er wurde des »Defeitismus« bezichtigt und man nannte ihn einen »naiven Utopisten«. Doch es gab hier und da auch andere Stimmen. Bisweilen fand Buber Zustimmung von jungen Menschen, die einen Ausweg aus der heillosen Verstrickung des Landes in Feindschaft, Gewalt, Krieg suchten. Einer von ihnen, Jehuda Schochat, schrieb am 29. Januar 1961 an Buber: »Uns, der Jugend im Lande, fehlen Persönlichkeiten wie Sie, auf deren Stirn das Wort ›Friede‹ geschrieben steht, wie Sie es definieren, und der Humanismus, der von Ihnen ausgeht. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen wie Sie den ersten notwendigen Schritt tun können, das heißt unsere Öffentlichkeit aus der großen Hysterie herauszuführen, aus dem blinden Hass und der Nichteingliederung unter die Völker der Region und aus dem Pessimismus hinsichtlich eines dauerhaften Friedens im Nahen Osten.«

00:00 21.02.2003

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