Bittere Kirschen

Afghanistan Der Krieg in Afghanistan ist komplizierte, als es von außen den Anschein hat. Es geht schon lange nicht mehr nur um die Taliban.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat kürzlich wieder einmal „das vitale Interesse“ an einer deutschen Präsenz im Krieg in Afghanistan beschwören. Was das genau ist, sagte sie nicht. Vielmehr ist den deutschen Politikern der großen Koalition im Wahljahr kein Trick zu schade, um ihre Machtlosigkeit gegenüber der US-Regierung und einer zunehmend politisierenden NATO-Generalität zu verschleiern. Da war zunächst die Verlängerung des ISAF-Mandats um 14 Monate bis Ende 2009, also nach dem Wahltag, statt der bisherigen zwölf. Dann wurden durch die afghanische Regierung, so die offizielle deutsche Lesart, die Grenzen der Nordprovinz in Richtung der umkämpften östlichen Provinz Paktia (bisher US-Zone), wo weitgehend aufständische Paschtunen operieren, klammheimlich verschoben. Es ist undenkbar, dass die Bundesregierung dazu nicht konsultiert wurde. Vielleicht hoffen die deutschen Militärbürokraten, durch mehr Kampfeinsätze den Weichei-Makel der Bundeswehr loszuwerden. Wie schon vor dem Luftkrieg gegen Serbien 1999 werden Parlament und Bevölkerung durch machtpolitisch motivierte Manipulationen betrogen.



Afghan-German Agriculture Centre


Was gibt es Neues in Khost? Was macht das Projekt? – „Da ist Krieg. Die haben alles, die Pfirsich- und Feigenbäume und den Gemüseanbau kaputt gemacht. Ein paar verwilderte Rosen stehen noch, mit denen wir ursprünglich eine Rosenölproduktion als Ersatz für den Opiumanbau beginnen wollten“, sagt er mit unverkennbar hessischem Dialekt und berichtet sichtlich resigniert, dass sich nun die Amerikaner in den Häusern und Gästewohnungen der deutschen Entwicklungshelfer eingeigelt hätten. Von dort aus würden sie mit ihren Hubschraubern Angriffe in das dicht besiedelte Grenzgebiet zu Pakistan fliegen. Sobald es Widerstand gäbe, schickten sie per Funk Bomber los. „Die treffen nie die Rebellen, sondern immer nur unsere Leute“, sagt er bitter. Als seine Mutter kürzlich in Frankfurt war, um ihren Sohn noch einmal zu sehen, erzählte sie von vielen Toten, auch in der Verwandtschaft. Ein Neffe, der für die Amerikaner als Dolmetscher arbeitete, sei von den Aufständischen auf dem Weg nach Kabul aus dem Bus gezerrt und am Straßenrand erschossen worden. Er wollte nur sein Gehalt von der Bank abheben, dass die Amerikaner dorthin überwiesen hatten. Die fliegen zwar täglich dorthin, nehmen aber keine afghanischen Mitarbeiter an Bord. Sie sind nur an ihrer Sicherheit interessiert. Daran werde auch der „kleine Bush“, so nennt er Obama, nichts ändern.


Ehemalige afghanische Polizeikollegen, zu denen er noch Kontakt hat, glauben, dass die Zahl der aktiven Kämpfer sich auf circa 200.000 beläuft. Ob die deutsche Bundeswehr jetzt durch den Verlauf der neuen nördlichen Grenze in paschtunischem Gebiet gefährdeter sei als vorher? „Das kommt darauf an, was sie machen“, erwidert er mit einem Stirnrunzeln. „Wenn die wie in Kundus mit den Mullahs (oft geistliche und weltliche Anführer) reden, genug Bakschisch dalassen und nach links gucken, wenn rechts an den Straßen der Mohn blüht, und vor allem niemanden töten, dann tut ihnen niemand was.“ Andernfalls? Er holt aus: „Die Tschadschiken und auch die Hazaras sind käuflich. Wir Paschtunen haben aber noch eine Ehre.“ Aber die halten doch auch die Hand auf. Er lacht: "Ja sicher, wie die Christen im Frankfurter Bankenviertel; nur nennt man das hier ‚Lohn‘. Wir Paschtunen sind ein altes, stolzes Herrschervolk. Mit uns zu reden ist Ausdruck von Respekt. Ein Paschtune vergisst keine Beleidigung. Die deutschen Entwicklungshelfer wusste das. Wenn sie jemanden angeschnauzt hatten, tranken sie stundenlang Tee mit ihm und erklärten ihre Wut. Fremde Soldaten oder gar Politiker wie Obama verstehen das mit ihrer westlichen Logik nicht. Aber darauf beruht die Taktik des Abnutzungskrieges.“
Die Paschtunen sind ein kleines, auf Unabhängigkeit bedachtes Bergvolk. „Wir wollen lieber rückständig sein, aber frei leben und unter keinen fremden Besatzungsmacht.“ Aber Karzai, der Ministerpräsident, ist doch auch ein Paschtune. „Das ist ein US-Afghane, den sie zuhause den ‚Amerikas Pudel‘ nennen“, sagt er. „Den Stammesbrüdern in West-Pakistan stehen die Paschtunen immer noch näher als den afghanischen Tschadschiken, Usbeken und Hazaras. Aber allen gemeinsam ist, dass sie den Zentralstaat in Kabul als Korruption in Verwaltung und Polizei erleben. Wenn die in Bildung oder im Gesundheitswesen etwas tun müssten, dann überlegen sie sofort, welches Land das bezahlen soll. Von den Hilfsgeldern stecken sie sich dann mindestens 60 bis 90 Prozent in die eigene Tasche.“ Ist das belegbar? „Natürlich nicht, aber jeder weiß doch, wer die schönsten Villen in Kabul bewohnt, Auslandskonten unterhält und die Kinder in teure Schweizer Internate schickt. Das spricht sich doch in jeden Winkel des Landes – bis zu den Auslandsafghanen in Europa – herum. Vor jedem Frieden müssen die Parasiten und Verbrecher in der Regierung von Kabul verschwinden.“


Afghane Institute for Social and Public Opinion Research


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12:00 23.05.2009

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