Black Friday: Vom Börsencrash bis zu Sparangeboten für Alleinstehende

A-Z In Zeiten der Inflation müssen wir auf Konsum verzichten – aber wann, wenn nicht jetzt? Der Black Friday steht für Finanzkrise und Horrorfilme, oft auch für Unglück. Und manchmal für unerwünschte Kulturimporte. Unser Lexikon
Black Friday: Alle Jahre wieder ist „Nehm ich!“ das Motto
Black Friday: Alle Jahre wieder ist „Nehm ich!“ das Motto

Foto: Dina Litovsky/NYT/Redux/Laif

Amerika-Import: Black Friday

Irgendein Erwachsener kam auf die Idee, mit der Kita-Gruppe einen „Halloween-Umzug“ zu machen. „Im Ernst?“, sagte ich. ,,Diese Amerika-Scheiße?“ Ich stamme aus Ostberlin, wohne seit mehr als 20 Jahren in Prenzlauer Berg, und meine Kinder besuchten eine Kita am Kollwitzplatz. „Klar, trick or treat!“, rief eine Mutter und sah mich an, als müsste sie mir erklären, wo New York liegt. Ich wusste lange nicht, was Halloween bedeutet, als Kind war ich mit der Laterne unterwegs oder feierte Fasching.

Eines Tages legte mein italienischer Mann einen Kürbis auf den Küchentisch und schnitt Grimassen hinein. Unsere Kids jubelten. Aber jetzt sah ich meinen Sohn, wie er fremde Leute um „Süßes oder Saures“ anbettelte. Dann sah ich Wolfgang Thierse über den Kollwitzplatz schlendern, verloren inmitten der bunten Halloweenkinder, so wie ich. Nur eines habe ich freiwillig importiert. Black Friday. Maxi Leinkauf

Börsencrash: Black Friday der Finanzwelt

Der 25. Oktober 1929 gilt als „Schwarzer Freitag“ der Finanzwelt. Am Vortag, dem „Schwarzen Donnerstag“, war trotz massiver Stützungskäufe und Kreditübernahmen durch amerikanische Banken der Aktienausverkauf an der Wall Street in New York nicht mehr zu stoppen. Die amerikanische Zentralbank (Fed) verweigerte weiteres Geld zur Aufrechterhaltung der Liquidität eines seit Jahren durch Spekulationen überhitzten Kapitalmarktes.

Dieses passive Verhalten war neben einem maroden amerikanischen Bankensystem eine der Hauptursachen für den folgenreichsten Börsencrash der Welt, es folgten die Große Depression in den USA sowie die verheerende Weltwirtschaftskrise. Mit einer Zeitverzögerung von nur Stunden zogen die USA über Nacht ihre Gelder aus Europa ab. Die Weimarer Republik mit ihren hohen US-Nettoinvestitionen traf dies besonders hart. Aufstieg der Nationalsozialisten. Und die Kommentare bei der Finanzkrise 2008? „Die schlimmste Krise seit dem Schwarzen Freitag von 1929.“ Helena Neumann

Heiliges Jahr: Rabattjahr für den Sündenablass

Alle 25 Jahre veranstaltet die katholische Kirche ein Rabattjahr für den Sündenablass. Absolviert man die damit verbundene Pilgerfahrt nach Rom, wird einem der vollständige Ablass gewährt, werden also die zeitlichen Sündenstrafen erlassen. Das ist eigentlich überflüssig, nahm doch Jesus mit dem Kreuztod am Karfreitag die Sünden aller Menschen auf sich. Der Freitag ist für Christen also nicht nur schwarz.

Biblisches Vorbild ist das Jubeljahr: Alle 50 Jahre wurden den Israeliten die Schulden erlassen. Ursprünglich war das als Jahrhundertereignis angelegt, ab 1470 wurde der Rhythmus dann auf 25 Jahre verkürzt. Im Jahr 2025 findet das nächste statt. Dann wird in Rom die eigens dafür in den Petersdom gebrochene Heilige Pforte wieder geöffnet. Das geschieht an Heiligabend. Mit einem goldenen Hammer schlägt der Papst gegen die Marmorplatte, die die Pforte verschließt. Dann schreitet er hindurch. Damit der Vatikan nicht von Pilgern platzt, werden sieben weitere Pilgerorte eröffnet, darunter die Lateranbasilika und die Katakomben.

Fürs kommende Heilige Jahr sollen unter dem Motto „Pilger der Hoffnung“ rund 45 Millionen Besucher nach Rom kommen. Vor der Pandemie verzeichnete die Stadt 29 Millionen. Zum Wallfahrtsjahr 2000 unter Papst Johannes Paul II. kamen mehr als 25 Millionen. Tobias Prüwer

Jason, der Killer: Horrorfilm „Freitag der 13.“

Das Gemetzel hat einen Grund. Und der liegt weit zurück. Es war ein schwarzer Freitag, im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich ein 13. (➝ Kosmologie). Damals ertrank ein kleiner Junge im See. Jason. Die jugendlichen Betreuer im Ferienlager hatten ihre Aufsichtspflicht zugunsten eines Tête-à-Tête vernachlässigt. 22 Jahre später, an derselben Stelle soll wieder ein Camp entstehen, massakriert ein maskierter Killer die Mitglieder des Vorbereitungsteams. Wer hier späte Rache an Unschuldigen übt, stellt sich erst am Ende heraus. Jason ist es jedenfalls noch nicht.

Der Horrorstreifen Freitag der 13. (1980), erster Teil einer langen Reihe von Film- und Spieleproduktionen, war ein Riesenerfolg. Trotz billiger Produktion, miserabler Kritiken und Indizierung der ungeschnittenen Fassung. Heute gilt das Werk als Klassiker. Joachim Feldmann

Kanshasai: Kleine Präsente zum „Dankbarkeits-Fest“

Ist das jetzt Black Friday oder ein Jubiläum? Ganz so sicher ist man sich da nicht, wenn man auf die Ankündigung des japanischen Bekleidungs-Unternehmens Uniqlo stößt, für mehrere Tage ein Kanshasai („Dankbarkeits-Fest“) zu veranstalten. Ein Jubiläum ist es nicht. Uniqlo will einfach Danke sagen: für die treue Kundschaft und die gute Nachbarschaft. Zumindest will es das Image so. Entweder das, oder sie haben es geschafft, den Black Friday zu japanisieren.

Aus Dankbarkeit kleine Präsente an die Kund:innen zu verteilen und ihnen verlockende Angebote zu machen, klingt in der Marketingsprache besser als: Werft euch in die Konsum-Hölle! Ein Blick ins Wörterbuch bestätigt: Kanshasai ist die japanische Übersetzung des amerikanischen Thanksgiving. Alina Saha

Kosmologie: Günstiges Schicksal zum Black Friday

Auch vor den Sternen macht der Black Friday nicht halt. Kosmologie nennt sich das Angebot. Über den Blick auf die Sterne, Horoskope und Aszendenten erkundet die Branche das Schicksal der Kunden und Kundinnen – die sich meist übers Telefon informieren lassen. Erhoffte Klarheit über vernebelnden Aberglauben ( Jason, der Killer). Das ist zudem noch reichlich teuer.

Wie jeder andere Wirtschaftszweig braucht auch die Kosmologie-und-Aberglauben-Branche hin und wieder einen Schub. Und darum gibt es bei manchen Anbietern kosmologische Schnäppchen, einen Black Friday, an dem das Schicksal preiswerter zu haben ist. Schnell zugreifen, morgen ist die Zukunft dann schon wieder unbezahlbar. Magda Geisler

Maurice Summen zum Black Friday: „Scheiß auf Prozente“

„Was is’ ’n da schon wieder los mit mir? Black Friday verpasst. Und alles geht den Bach runter.“ Singt Maurice Summen, via Autotune gepitcht, im Stück Black Friday auf seinem 2021 erschienenen Album PayPalPop. Es ist das beste Stück, das bisher über den blöden Tag der Prozente geschrieben worden ist, weil die Ödnis des Konsumierens so herrlich in knusprige Beats fließt.

Es tut sich nicht viel in dem balladenartigen Track: ein bisschen Gitarrenzupfen, ein paar gebrochene Beats und diese Stimme. Und die Frage, was denn los ist, ist natürlich Pose. Denn es ist nicht schlimm, den Black Friday zu verpassen. Und das singt Summen dann auch: „Ich scheiß auf eure Prozente.“

In einem Interview mit Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop hat der Berliner Künstler und Labelmacher seine Kritik präzisiert: „Ich finde ein Kalkulieren von Preisen, das solche Rabattaktionen von vornherein mit einberechnet, ein dämliches Spiel. Mich nerven auch diese monatlich stattfindenden Bandcamp Fridays.“ Danke! Marc Peschke

Paradoxe Intervention: Doppelmoral von Konsumkritik und Konsumismus

Als dieses „Kinderbuch“ 2000 präsentiert wurde, war „Schwarzer Freitag“ noch ein Synonym für Börsencrash. Mein erstes Shopping-Buch von Judith Wilske und André Erlen kam sofort auf den Index. Kinder würden durch das Buch „sozial-ethisch desorientiert“. Es ist ein wirr gelayoutetes Pappbuch für Vorschulkinder zum „Vorlesen, Lernen und Einkaufen“. Und Papa liest: „Mit Shoppen kannst du gar nicht früh genug anfangen!“ Denn „Shopping ist wichtig für deine Persönlichkeitsentwicklung.“ Und: „Mehr Taschengeld = mehr Kaufkraft = mehr Arbeit und gesicherte Arbeitsplätze auch für deine Eltern!“

Ein kluger FAZ-Kopf durchschaute natürlich gleich die „paradoxe Intervention“. Ganz bestimmt war die Indizierung ein Teil des Plans von Wilske & Erlen. So ließ sich die Doppelmoral von öffentlicher Konsumkritik und systemischem Konsumismus besser entlarven. Das Paradoxon scheint sonst aber nicht erkannt worden zu sein. Die Kleinkinder von damals shoppen heute jedenfalls besonders gern am Black Friday. Michael Suckow

Single Day: Sparangebote für Alleinstehende

Es gibt nur eine wirkliche Alternative zum Black Friday: den Kauf-nix-Tag. Alle anderen Konsumtage sind kein Ersatz, sondern Ergänzungen, die ihrerseits Absatz ankurbeln sollen ( Kanshasai). So ist der Cyber Monday die Antwort der Onlinehändler auf den Black Friday. Ein Marketingbegriff ist auch der aus China stammende Single Day, der Alleinstehende durch Sparangebote zum Ausgeben animiert. Um immerhin nachhaltigen Konsum ohne Ausbeutung von Mensch und Natur geht es beim Fashion Fairday. Lieber ein gutes Teil statt viele mies produzierte, so die Idee dahinter. Einen Slow Day terminiert man selbst, indem man an diesem Tag die Dinge besonders langsam macht. Und dabei eine Miene aufsetzt, wie sie die Google-Bildersuche unter „Achtsamkeit“ auflistet.

Ein echtes Gegenmodell zum Konsumrausch stellt also nur der Kauf-nix-Tag dar. Hierzulande ist er noch weitgehend unbekannt. Aktivisten ist es bisher nicht gelungen, den konsum- und wachstumskritischen Buy Nothing Day erfolgreich zu importieren. In Kanada und den USA findet das 1992 ins Leben gerufene Event am selben Tag wie der Black Friday statt. Der 24-stündige Konsumverzicht soll den Einzelnen zum Nachdenken anregen. Man kauft nicht nur nichts, sondern verschiedene Aktionen sind damit verbunden: Zombiewalks, Critical Mass und inszenierte Staus mit leeren Einkaufswagen. Aktivisten zerschnippeln Kreditkarten und verteilen warme Winterjacken an Bedürftige. TP

Thanksgiving: Erntedankfest

Eigentlich ist die Legende zu schön, um wahr zu sein. Geglaubt wird sie allerdings bis heute. Als sich 1620 englische Puritaner auf den Weg in die „Neue Welt“ machten, ließen sie sich auf ein gefährliches Abenteuer ein, das nur die Hälfte der Passagiere überlebte. Krankheiten, unwirtliches Wetter und eine prekäre Versorgungslage erschwerten den Aufbau der Kolonie. Zum Glück für die Einwanderer behandelten die Einheimischen ihre ungeladenen Gäste freundlich, schlossen einen Vertrag mit ihnen und versorgten sie mit Lebensmitteln.

So soll es im Oktober 1621 zu einem gemeinsamen Erntedankfest gekommen sein. Seit 1863 liegt Thanksgiving auf dem vierten Donnerstag im November. Familien kommen zusammen und verzehren Millionen von Truthähnen, um am ebenfalls arbeitsfreien Black Friday gestärkt die Einkaufsmalls zu füllen, wo Riesenrabatte locken. Bei den Nachfahren der damaligen Gastgeber allerdings dürfte der Begriff „schwarzer Freitag“ ganz andere Assoziationen wecken.JF

Zwei für eins: Anarchie für Dummies

Ich halte mich ja generell für ein konsumbewusstes, linkes, nicht manipulierbares Mitglied unserer Gesellschaft. Deshalb bin ich selbstverständlich auch nicht anfällig für Sparangebote. Unangenehmerweise gibt es da eine Ausnahme: Zwei für eins. Das Problem ist, dass ich mich beim Erwerb eines Zwei-für-eins-Produkts fühle, als hätte ich nebenbei den Kapitalismus ausgedribbelt.

Zwei Produkte nehmen und nur eins bezahlen, das ist ja wie Klauen. Anarchie für Dummies. Es ist aber nun mal so, dass ich eigentlich keines der beiden Produkte haben wollte. Nun habe ich nicht nur nicht gespart, sondern musste feststellen, dass ich leider eben doch ein Kapitalisten-Schaf bin. Mäh! Clara von Rauch

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