Blau für die Hütten der Dalits

Slum-Politik in Bombay Wer gesund ist, verdient genug, um zu überleben, sagt die Kongresspartei

Tag für Tag verkauft er seine Früchte auf dem Markt von Orlem, einem Quartier im Norden Bombays: Trauben und Papayas, Guaven und frische Kokosnüsse, Mangos aus Kaschmir. Und da sein Stand ideal platziert ist und alle an ihm vorbeikommen, kann Kailash Singh viel erzählen. Wer gerade wieder dies und jenes gesagt hat. Oder wie es kam, dass alle Marktleute in der kommunistischen Gewerkschaft organisiert sind. Der Markt ist nicht groß, aber er bietet vielen ein Auskommen: Den Metzgern (allesamt Muslime), den Gemüsehändlern (allesamt aus dem nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh), den Fischverkäuferinnen (allesamt Ehefrauen der örtlichen Fischer), den Kolonialwarenhändlern und dem Uhrmacher. Lange Zeit blieben sie ungestört, zahlten Standmiete und wurden nicht behelligt - bis vor drei Jahren plötzlich Vertreter der hinduistischen Shiv Sena auftauchten, den Markt in Beschlag nahmen und alle Händler vertrieben, weil die "nicht hierher gehören". Shiv Sena ist die mit Abstand größte Partei in der Handelsstadt Bombay.

Während in anderen Metropolen Kommunisten (Kalkutta) oder die Kongresspartei (Delhi) die Lokalpolitik dominieren, wird Bombay (oder Mumbai, wie die Hinduisten die Kapitale von Maharaschtra nennen) von der chauvinistisch-regionalistischen Shiv Sena beherrscht. Die Partei des Hitler-Verehrers Bal Thackerey ist eine Art indische Variante der Lega Nord: Maharaschtra nur für Maharatis, verlumpte Südinder haben zu verschwinden, Muslime und Christen sowieso.

"Da standen wir also vor dem Nichts", erinnert sich Kailash Singh, "wer kümmert sich schon um ein paar Händler?" Niemand - außer der kommunistischen Gewerkschaft der Straßenverkäufer. "Die rief zu Kundgebungen auf, denen sich auch andere Parteien anschlossen." Die Marktleute könnten sich doch vor den Geschäftshäusern aufbauen, empfahl damals das Shiv-Sena-Gemeinderatsmitglied Anthoy Britto - doch die Idee kam überall schlecht an. Kurze Zeit später waren die "Fremden" wieder auf ihrem Markt.

Immerhin hatte sich Anthoy Britto durch die Ereignisse ein Büro erobern können, um Hof zu halten. 17 Jahre sei er Mitglied des Mumbaier Gemeinderats gewesen, habe für Buslinien und Abwasserkanäle gesorgt, sagt der 64-Jährige, und sei stets der Beste gewesen: Der schnellste Läufer in der Schule, der schlagkräftigste Boxer weit und breit, der produktivste Dichter, den es hier zu lesen gibt. Und was gäbe es zu lesen in seinen Versen? Brittos Antwort: "Wo ich stehe, solltest auch du stehen, dann wirst du verstehen". Immerhin haben ihm die Fischfrauen jetzt in die Schranken gewiesen: Früher spazierte Britto über den Markt und bediente sich an den Ständen, heute lassen ihm das die Frauen nicht mehr durchgehen.

Vom Fischerdorf zum Elendsviertel

Barses d´Souza ist ein höflicher Mensch und guter Fremdenführer. Sein Großvater hatte einst in Orlem der Kirche Land geschenkt, auf dem nun die katholische St. Anne´s High School steht und Kinder Cricket spielen. Als Junge - daran erinnert sich der 65-Jährige noch gut - habe er drüben im Fluss gebadet. Damals war Orlem ein kleines Fischerdorf weit außerhalb, das der 15-Millionen-Stadtmoloch noch nicht verschluckt hatte. "Es fehlt heute an Platz für die weit über 100.000 Menschen, die jährlich nach Bombay ziehen", sagt Barses d´Souza. Die Migranten ließen sich nieder, wo sie ein paar Quadratmeter finden könnten; die Stadtverwaltung komme mit dem Bau von Straßen und der Kanalisation nicht nach.

Korrupte Politiker, die sonst für die Tolerierung der illegalen Plastikhütten die Hand aufhalten, versprachen nun vor den jüngsten Wahlen Abhilfe. "Es gab nur wenige, die sich aus ehrenwerten Gründen für die Wahl aufstellen ließen, die meisten hatten nur Geld im Kopf." D´Souza muss es wissen: Er ist immerhin Präsident der Kongresspartei von Malad, dem mit über 700.000 Einwohnern größten Vorort von Bombay, im größten Slum dieses Rayons leben 50.000 Hindus aus den Bundesstaaten Bihar (im Osten), Uttar Pradesh (im Norden), Gudscharat (im Westen), Tamil Nadu (im Südosten), dazu Muslime aus Uttar Pradesh sowie Christen aus Tamil Nadu. Sie sprechen Hindi, Gudscharati, Marathi, Tamil, Oriya, Telugu. Sie arbeiten bei der Stadtverwaltung, auf dem Bau, in Haushalten; sie sammeln Lumpen, kochen Snacks, fahren Tee aus oder werkeln in kleinen Manufakturen wie der von Y.T. Rajan.

Die sechs Leute an seinen Plastikpressen haben dem Sprecher der Kongresspartei im Slum Jai Janata Nagar einen bescheidenen Wohlstand ermöglicht. 1978 kam Rajan aus Tamil Nadu, 1995 gründete er seinen Betrieb, 2002 konnte er in den 15. Stock eines Hochhauses umziehen - seine Werkstatt und das Büro der Kongresspartei blieben im Slum. Letzteres hatte damit zu tun, dass in Jai Janata Nagar alle Parteien präsent sind, die ihre Klientel zu bedienen suchen. Wie alle Slums in Bombay besteht auch dieses aus einer Vielfalt von Gemeinschaften, die an den Farben zu erkennen sind, mit denen sie ihre Behausung streichen: Grün für muslimische Bauten, blau für die Hütten der Dalits (früher: die Unberührbaren), rosa für die Häuser der Shiv-Sena-Anhänger.

"Müll ist hier ein großes Problem, die Wasserversorgung ebenfalls", sagt der Kongress-Mann Rajan. Und der Hunger? "Hier verhungert niemand. Wer gesund ist, verdient genug Geld." Selbst die alte Frau dort, die Plastikbeutel aufsammelt, könne hundert Rupien (etwa drei Euro) am Tag verdienen, das reiche knapp für die Miete, die den Slumlords gezahlt werden muss, und für etwas Essen. "Deswegen kommen ja so viele hierher - Bombay bietet allen eine Chance."

Die roten Häuser sind verschwunden

Noch vor kurzem waren in diesen Bezirken die politischen Allianzen eindeutig: Christen stimmten für die säkulare Kongresspartei, Muslime teils für den Kongress, teils für die muslimisch-sozialdemokratische Samajwadi Party (SP), die Dalits wählten ihre Bahujan Samaj Party. Die oberen Kasten favorisierten die hinduistische, bisher in Delhi regierende Volkspartei BJP und deren regionalen Partner Shiv Sena. Mit der Zeit aber haben sich die alten Bündnisse als brüchig erwiesen. Bombay glänzt zwar an vielen Stellen, aber der Schein trügt. Jetzt stimmten viele erneut für Shiv-Sena-Kandidaten, von denen man sich, weil sie in vielen Gremien präsent sind, eine Besserung der Lage versprach. Dass die Hinduisten für die Pogrome in Bombay 1992/1993 verantwortlich waren, bei denen Muslime tagelang durch die Straßen gejagt wurden und mindestens 1.700 Menschen starben, wurde verdrängt.

Aslam Shaikh - als Mitglied der Samajwadi Party (SP) im Wahlkreis Malad aufgestellt und ein smarter Jungunternehmer mit 60 Beschäftigten - brüstet sich mit seinen Erfolgen: der neuen Kanalisation, die gerade vor seinem Parteibüro gebaut wird, den Buslinien, die er angeregt hat, und mit den zwei Dutzend Bittstellern, die sich vor seinem Office drängen. "Die wären nicht hier, wenn ich nichts für sie tun könnte." In den Slums lag die Wahlbeteiligung bei über 50, in den Mittelstandsquartieren bei rund 10 Prozent.

Die Besserverdienenden haben viel erreicht, nur die Slumbewohner erwarten noch etwas von der Politik, sagt auch Barses d´Souza. Früher habe es in Jai Janata Nagar auch rote Häuser der Kommunisten gegeben - doch die seien genauso verschwunden wie die Textilfabriken, in denen die KP ihre Basis wusste. 2004 hat die Partei in Malad keine Kandidaten aufgestellt. Die in einer kommunistischen Gewerkschaft organisierten Marktleute von Orlem werden sich künftig zwischen den hinduistischen und den säkularen Parteien entscheiden müssen.


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00:00 21.05.2004

Ausgabe 38/2020

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