Blaubarts Reich zerfällt

Zeitreise durch die Slowakei Intensität des Augenblicks oder die "Dritte" in der "Zweiten Welt"

Siebenhundert Jahre alt ist im Kurbad Trencianske Teplice die Heiltradition. Ostmitteleuropa bleibt hier noch unter sich. Die tägliche Fleischration der Patienten ist ebenso gesichert wie die Mehlspeise zum Dessert, die Oberin weist den Neuankömmlingen ihren Platz im Speisesaal zu, er ist so etwas wie Heimat, einmal gelandet, bleibt man drauf sitzen - für die Ewigkeit der zwei bis drei Kurwochen. Und stellt man bei der medizinischen Untersuchung dem Kurarzt mit dem schlohweißen Haar eine Frage, stützt er die Ellbogen auf den Tisch und schaut dem zweifelnden Gegenüber tief in die Augen: "Fragen Sie nicht, sonst verheddern Sie sich bloß", und schon reicht er die Hand zum Abschied: "Sie können zufrieden sein." Man nickt und entfernt sich leise.

Ein paar Kilometer von hier ...

... bin ich aufgewachsen, in der Stadt Trencín, unter einer mittelalterlichen Burg. Als meine Mutter 1959 verschwand, war ich neun. Auf die Frage, wohin sie gegangen sei, antwortete die Großmutter mit einem ungeschriebenen Gesetz: "Du fragst nie mehr nach ihr, verstanden?"

Jetzt komme ich zurück, nachdem ich in der halben Welt Fragen über Fragen gestellt habe, bewegt komme ich zurück, will das Gebot des Stillschweigens aus dem Moor der Vergangenheit hieven, den gemütlichen Teich aufwirbeln, ihn absuchen nach Leichen, nach versunkenen Schätzen. Am gedeckten Tisch frage ich die versammelten Bekannten: "Habt ihr gewusst, dass meine Mutter im Gefängnis war?" Alle haben es gewusst. "Warum hat es mir niemand gesagt?" Aus Rücksicht, aus Rücksicht doch. Nimm noch ein Stückchen Mohnstrudel und trink. Du trinkst nicht das bewährte Mittel des Vergessens? Komm doch, trink ein Glas und lass das Verflossene verflossen sein. Wir haben hier andere Sorgen, sind herumgerannt, um dich zu bewirten, wohl fühlen sollst du dich in deiner Stadt. Was? Auch ungarische Salami isst du nicht?

Ich erfahre, wie der Ort des inzwischen aufgelösten Frauenlagers mit Landwirtschaftsbetrieb heißt - Zeliezovce, gelegen in der Ebene an der ungarischen Grenze. So erfahre ich auch, wo meine Mutter ein Jahr lang Zwangsarbeit auf den Feldern verrichtet hat. An einem heißen Tag kam sie braun gebrannt und schöner denn je zurück - mit rot gefärbtem Haar zum geblümten Sommerkleid. Sie sagte nicht, wo sie gewesen sei, ihre Hafterfahrung nahm sie Jahrzehnte später mit ins Grab. Über die Ostsee fliehen hatte sie damals gewollt, in Cremedöschen versteckt schmuggelte sie familieneigene Brillanten, um die Überfahrt zu bezahlen. Ich hätte nachkommen sollen - doch ihr Fernweh war verfrüht, an der slowakisch-polnischen Grenze endete ihre Reise und fingen die Verhöre an. Da sie einige westliche Adressen bei sich trug, wurde sie der Spionage verdächtigt. In der Stadt stand sie im Ruf einer verwegenen Schmugglerin, teilt man mir zaghaft mit. Als die Truppen des Warschauer Paktes im August 1968 den "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" niederwalzten, war meine Mutter in der Familie die treibende Kraft für die Emigration. Diesmal gelang die Flucht.

Die Villa der Kindheit ist noch da, bloß die Zeit hat allerlei angeschwemmt, Gegenstände säumen das Treppenhaus, breiten sich weiter aus am Boden, auf Stühlen und Fenstersimsen - Medikamente, Souvenirs, Zeitschriften, künstliche Blumen. Mitten im Durcheinander prangt ein Farbporträt des längst abgewählten nationalistischen Premierministers und Ex-Boxers Vladimír Meciar. "Meine Mutter mag ihn", sagt das ehemalige Nachbarsmädchen. Die 85-jährige Mutter klagt geübt über Krankheiten, Ärzte und Politiker, dann holt sie eine Shiva-Figur mit vielen Armen und eine andere Hindu-Gottheit mit einem Elefantenkopf, stellt sie auf den übervollen Tisch und setzt sich davor. "Sie meditiert" - flüstert die Tochter - "das habe ich ihr beigebracht. Das wird sie heilen."

Aus aller Herren Ländern kommen heute die Glücksritter mit Glasperlen zu den "Eingeborenen" in der Slowakei wie in eine Terra incognita. Gutgläubig kauft man Heilsgegenstände für dies und jenes, wenn sie in den Boulevard-Blättern angeboten werden. Die magischen Fetische strahlen zwar nicht radioaktiv, doch auch sie können schädigen. Man bewegt sich unerfahren, ohne Schutzkleidung in einer von Heilslehren überfluteten Gesellschaft. Wer vermag hier mit Durchblick aufzuräumen?

Selbstverständlich ergeben sich Kontakte auf der Straße, im Bus, im Zug, eine zufällige Gemeinschaft entsteht, man hilft sich gegenseitig mit Gepäck, erzählt sofort das ganze Leben, nimmt gefühlvoll Anteil am fremden Unglück - wen trifft es schon nicht? -, so dass der Eindruck einer wohltuenden Offenheit wie auch Geborgenheit entsteht.

"Byt pospolu" - "beisammen sein" - nannte der slowakische Schriftsteller Dominik Tatarka den hiesigen Geselligkeitssinn. Für ihn, der das Gewissen der slowakischen Intelligenzia war, der Dissidenten der "Normalisierung" nach 1968, beschattet auf Schritt und Tritt vom StB, der tschechoslowakischen Staatssicherheit - für ihn war "byt pospolu" der schönste Ausdruck der slowakischen Seele.

Äußert man heute ungewöhnliche Gedanken zu heiklen Themen, wird geschickt mit Unverfänglichkeiten abgelenkt. Am besten mit neutralisierenden Witzen. Wie absurd ist doch das Leben - wir wollen es nicht erforschen, nicht verändern, sondern gemeinsam darüber lachen! Noch vor dem Einzug der TV-Unterhaltungsindustrie war der Humor in ganz Mitteleuropa Lebensessenz und Widerstand. Doch dient das notorische Witzeln nicht auch als Ventil, das den Status quo aufrecht erhält? Ein Witz hakt sich beim anderen unter, wir reichen Witze wie Wein- und Schnapsgläser reihum, drehen uns weiter und weiter um dasselbe im Kreis.

Und doch wächst hier und da eine Kultur des Hinterfragens: Woher kommt das, was wir kaufen und denken, welche Werte wollen wir aufgeben, welche behalten? Wer sind wir? Und was haben wir mit uns vor? Selbst die anspruchsvolle individuelle Frage: Wie will ich leben, und was tue ich dafür? beginnt sich zu etablieren, bei der jungen Generation besonders.

Die 13. Kammer öffnen ...

... in der Blaubart, der ewige Verdränger, seine getöteten Ehefrauen versteckt hält. Dieses und andere Märchen spielt das Theaterensemble Nota bene, benannt nach dem gleichnamigen slowakischen Obdachlosen-Magazin in Bratislava, das Kunst und soziales Engagement verbindet. Die Theatergruppe rekrutiert neben einer Regisseurin und einem Regisseur hauptsächlich Obdachlose, Sozialarbeiterinnen und Freiwillige.

Das Theaterplakat zeigt ein androgynes, kindliches Gesicht: die 30-jährige Adrika, die am Hauptbahnhof schläft. Bevor sie damit begann, in einem Brokatkleid die adlige Schwägerin des Blaubarts zu spielen, hatte sie über den kahl geschorenen Schädel eine Wollmütze tief in die Stirn gezogen, versteckte sich unter einem Buckel, schleifte ein Bein hinter sich her, wandte sich beim Sprechen ab, als könnte jemand dreinschlagen. Während der Proben fing der Körper an, zu seiner Achse zurückzufinden, lernte langsam, sich und den anderen zu vertrauen. Adrika hat keine körperliche Behinderung, die Verdrehung ist der Spiegel ihres seelischen Gekrümmtseins. So viel kann ein Körper in sich speichern.

Und welches Potenzial schlummert im obdachlosen Anton, wenn er um eine leere Bierflasche einen selbst erfundenen wilden Tanz vollführt? Im letzten Märchen, das Nota bene aufführte, spielte er einen Fischer, der ein weibliches Skelett behutsam aus der Tiefe hievt und neben sich legt. Nachts wächst Fleisch über die Knochen. Im Stück wendet sich der Regisseur in der Rolle des Erzählers ans Publikum: "Und ihr? Liegt ihr auch am Meeresgrund, bis euch jemand herauf holt und zum Leben erweckt?"

Die Proben im schummrigen Licht des Theatersaales sind getragen von Zärtlichkeit und gegenseitiger Achtung. Gelebte Frömmigkeit jenseits der Kirche. Den Regisseuren wird Geduld abverlangt. Manche Obdachlose vergessen immer wieder den Text. Erfährt man ihre Lebenshintergründe, bröckelt die naive Annahme, es könnten nur unschuldige Opfer sein. Ein "Schauspieler" hat auch schon mit "weißem Fleisch" gehandelt, denn die Slowakei ist sowohl Transit- wie auch Ursprungsland für Sexsklavinnen, die für den Balkan und Westeuropa bestimmt sind. Mit diesem Wissen müssen die idealistischen Theatergründer Anna Gruskova und Patrik Krebs umgehen können.

Vor Drogensüchtigen, in Behindertenheimen, psychiatrischen Kliniken und Flüchtlingsunterkünften, überall in der Slowakei spielt Nota bene dramatisierte Märchen, die vom verletzten menschlichen Urinstinkt und dessen Heilung handeln. Die letzte Inszenierung heißt Blutiger Schlüssel, sie will Wege des Überlebens aufzeigen - in realen Blaubart´schen Schlössern mit ihrem Glanz, ihrer Unbewusstheit, Lüge und Gewalt.

Adrika lacht über sich selbst, noch ungläubig, dass sie im Rampenlicht steht, ungeschickt rennt sie auf die Bühne, um ihrer Schwester beim Öffnen der 13. Kammer beizustehen. Vom Blut der darin entdeckten Leichen färbt der Schlüssel sich rot und verrät Blaubart den Ungehorsam der Frauen, den er mit dem Tode strafen will. Doch die Schwestern rufen: "Brüder, Brüder, helft uns!" Ein ungewöhnlicher Ruf für Adrika, die sich vor den Schlägen ihrer wirklichen Brüder zu den Obdachlosen gerettet hat. Gefährdet ist sie weiterhin, auch seelisch. In der Sommerpause des Theaters kletterte sie aufs Brückengeländer, um sich in die Donau zu stürzen, ein Passant hielt sie zurück.

Auf der Bühne nahen eilenden Schrittes die guten Brüdern, und gemeinsam mit ihnen tötet Adrika Blaubart, Abend für Abend. Sein Reich zerfällt.

Abseits der großen Straßen ...

... ziehen in der Ostslowakei dunkelhäutige Männer Altmetall auf Leiterwagen hinter sich her. Sie sammeln fleißig ein, was vor sich herrostet, im Wald, auf Wiesen, in verlassenen Fabriken. Im Übereifer montieren sie ein Geländer an der Busstation ab und lassen auch einen Kanalisationsdeckel mitgehen. Der Eisenhändler fragt nicht und zahlt sofort, danach gibt es ein Abendessen für die sieben-, zehn- oder zwölfköpfige Familie.

Im Städtchen Jelsava lehnen drei mollige Roma-Frauen in farbigen Kleidern am Zaun vor ihrem niedrigen Haus, je ein Kind im Arm und kein Geld in der Tasche, und nur davon ist die Rede. Als ein junger Mann mit einem dicken Säugling über die Schulter gelegt aus dem Haus tritt, verziehen sie sich sofort. Der Mann spricht mit fester Stimme vom allgegenwärtigen Mangel. Mit Altmetallsammeln bessere er die Sozialhilfe auf.

In der ganzen Stadt rennen schmutzige Kinder aus den engen Höfen auf die Straße hinaus, statt einer Zukunft haben sie die Intensität des Augenblicks. Sie lachen übermäßig, als würden sie ihre Lachdosis lieber schnell aufbrauchen. Was der morgige Tag bringt, ist ungewiss. Sie rotten sich in Gruppen zusammen, sind extrovertiert, mit leuchtenden Augen staunen sie über jene raren Fremden, die sich für sie interessieren.

Abgehackte Sprachfetzen, kurze hin und her springende Sätze, in Hast. "Retardiert" seien sie, heißt das im Fachjargon. Die Knaben wollen Automechaniker werden. Für ihr Alter viel zu kleingewachsen haben sie kleine und große Träume, meinen einen ganzen Wagen in Stand setzen zu können, ihr eigenes Leben in Stand setzen zu können, in diesem Land, das auch das ihre ist.

Sie nennen sich mal Roma, mal slowakische Roma. Niemand vermag sie zu zählen, sind es über 400.000 oder eine halbe Million? Sie haben ganze Siedlungen, gar Städtchen erobert oder fristen ihr eigenes Slumleben am Ende des Dorfes. In Jelsava sind sie neuerdings in der Mehrheit. Sie ziehen mit ihren Leiterwagen die Grenzen der Toleranz. Sie haben in Jelsava die Gullydeckel abgenommen, und was der Tag ans Licht bringt, ist nachts gefährlich. Sie haben die unterirdischen Gänge im öffentlichen Raum freigelegt, die tiefen Schichten der Abwehr, der Feindschaft, der Scham, der Schuld, der Gleichgültigkeit.

Auf dem Hauptplatz von Jelsava mit den schönen alten Häusern, die einst deutsche Kolonisten gebaut haben, und gegenüber dem Friedhof, auf dem neben Slowaken auch Deutsche und Ungarn ruhen - die aus der Ostslowakei deportierten Juden hatten einen eigenen Friedhof, der fast verschwunden ist -, stößt man auf ein kleines Wunder. In zwei frisch gestrichenen Räumen widersetzt sich die hiesige junge Roma-Elite der Verslumung ihres Volkes. Die Universitätsdiplome liegen in der Schublade. Roma kriegen keine Stelle, wird erklärt, doch die Arbeit in der kleinen Organisation hat einen Sinn. Sie soll vernachlässigten Kindern bei den Schulaufgaben helfen, sie zum Bücherlesen anleiten, von Haus zu Haus gehen, die Frauen über Hygiene und Ernährung aufklären, Familienplanung propagieren, damit die demographische Bombe in 20 oder 30 Jahren nicht explodiert und Städtchen wie Jelsava nicht zur slowakischen Norm werden. Weder die Roma selbst, noch die Slowakei sind imstande, dies allein zu tun. Auch die EU in Brüssel ist mit dieser Debatte gemeint, um sich zu engagieren für die "Dritte" in der "Zweiten Welt".

Website des Obdachlosenmagazins von nota bene: www.protiprudu.sk


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00:00 03.02.2006

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