Blaue Ballons und der Tod

OSTERN 2002 Palästinenser auf den Friedensdemonstrationen

Im Vorfeld wurde Zulauf zu den österlichen Friedensdemonstrationen vorausgesagt. Als hätte man sich - vor allem in den Medien - gefragt: Wo werden sich die Leute Luft machen? Irgendwann muss ja etwas passieren. Die traditionellen Ostermärsche hielt man wohl für eine solche Gelegenheit, noch dazu, da wieder über Atomwaffen zu reden ist, über das Thema, mit dem in England während der sechziger Jahre die Ostermärsche begannen.
Diese Erwartung hat sich nun zum Teil erfüllt: Es kamen viel mehr Leute als in den vergangenen Jahren, aber es waren andere als bisher. Es waren zu einem großen Teil Palästinenser.
Anfang und Schluss bildeten in Berlin die verschiedenen Friedensgruppen und Einzelgänger. Über 20 Organisationen hatten unterschrieben. Es kamen Leute mit riesigen, akribisch gemalten Friedens-Transparenten, die schon viele Ostern mitgetragen wurden und (leider) immer "stimmten" und die Individualisten, die mit ihren Tafeln vorbeizogen, manche noch in Anlehnung an die Demonstration vom 4. November 1989 in Ostberlin mit den unendlich vielen Sätzen in eigenen Schriften: Gegen Bundeswehreinsätze im Ausland, gegen die globale US-Herrschaft, für ein Ende der israelischen Besetzung in den palästinensischen Autonomiegebieten. Seltsamer Weise wurde nie Afghanistan genannt. Friedenstauben, blaue Ballons, Lieder. Eine lebensgroße Puppe in Uniform mit blutigem Verband rollte vorbei. Aber das rhythmische Schreien tönte immer lauter.
Und dann tauchten sie auf: die palästinensischen Familien mit Kind und Kegel. Als Erster ging mit ruhigen Schritten ein dicker Mann, über der Schulter eine große rot-grün-weiße Fahne. Je näher der Zug dem Ziel Brandenburger Tor kam, desto mehr Abstand brachten die Palästinenser zwischen sich und dem vorderen Teil. Als empfanden sie, dass beides nicht wirklich zusammengehörte. Die Friedensdemonstranten horchten besorgt auf antiisraelische Sprüche. Hier kam am Ostertag für einige Stunden etwas zusammen, das nicht zusammenpasst, aber auch nicht getrennt werden will, weil es um Frieden geht. Was wird mehr abfärben: die verzweifelte Militanz oder die beharrliche Friedfertigkeit der Pazifisten?
Junge Männer bildeten Reihen: "Intifada bis zum Sieg"! Im Wechsel die heiseren Einzelstimmen und die Menge. Sie stampften im Takt. Die Gesichter gerötet. Die Frauen schoben im Eilschritt die Kinderwagen über Straßenpflaster und Schienen, Kopftücher, Kindergesichter. Alle außer sich. Große palästinensische Fahnen wurden an allen Seiten gehalten, schwebend getragen, die ersten schritten dabei rückwärts. Manche hielten Fotos. Über den Schultern lagen Schals mit den schwarz-weißen Rauten, grünen Schriften und langen Fransen. Die Parade der Gesichter, der Tafeln und Fahnen nahm kein Ende. Ein Halbwüchsiger streckte den Koran hoch. "Sharon ist / Mörder und Faschist", reimten einige. Immer wieder Schilder: "Israel ist ein rassistischer Staat". Und die nächsten Demos wurden angekündigt, am 13. April in Berlin und um den 21. und 22. Mai zum Bush-Besuch. Die Gruppen waren deutlich zu unterscheiden: die islamistischen Gruppen, die Familien, die von einer Gemeinde mobilisiert wurden, eine große, offenbar politisch orientierte Frauengruppe skandierte den alten Ruf: "Hoch die internationale Solidarität".
Es dauerte lange, bis der Zug abebbte. Die Passanten starrten gebannt, Mitgefühl und Erschrecken mischten sich. Die da vorbeizogen, hatten etwas von der verzweifelten Todesbereitschaft, wie sie in Palästina und Israel bewiesen wird. So waren die Ostermärsche einst nicht gemeint. Die palästinensischen Familien, die in Deutschland leben, appellierten in größter Heftigkeit "Palästina muss leben", aber da ist kaum Hilfe in Sicht.

00:00 05.04.2002

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