Blechorakel und Gipstrommel

GÜNTHER GRASS UND DIE BLECHTROMMEL Vier Fragen an einen kanonisierten Roman

    Was ist Westen, was ist Osten?

    Bestimmen wir diese Begriffe geographisch, historisch oder tagesaktuell? Oder nach Stimmungslage? Eine Frage, die auch Schriftsteller umtreibt. Ein Barometer dieser Definition ist der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der immer "in beide Himmelsrichtungen" schrieb. Antworten auf die genannte Frage geben die beiden Schreibenden (Ost) und Georg Klein (West), der gerade in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2000 erhalten hat. Sie berichten dabei auch über Spannungsverhältnis zu dem Danziger Autor, der dieser Tage seine Textheimat Langfuhr (heute Wrzeszcz) besuchte.

Als ich, zum dritten Mal in meinem Lese-Leben, nach der Die Blechtrommel griff, lag mir meine alte Taschenbuchausgabe, verglichen mit den früheren Lektüren, merkwürdig schwer in der Hand. Es war, als hätte sich ihr Pappdeckel in der Zwischenzeit einen gewichtigen, einen bleischweren Untertitel zugezogen: Ein Werk der Weltliteratur!

Davon habe ich, als ich das Buch mit zarten siebzehn Jahren zum ersten Mal las, noch nichts geahnt. Und auch als Student, bei meiner zweiten Lektüre, wusste ich nicht, wie weit die Kanonisierung, die literaturgeschichtliche Heiligsprechung dieses Roman, bereits fortgeschritten war.

Rückblickend muss ich dies eine glückliche Unwissenheit nennen. Denn dem heutigen Leser ist die Gnade der Unbefangenheit in der Regel versagt. Günter Grass hat den Literatur-Nobelpreis bekommen, und sogar jene Feuilletonisten, die zu diesem Anlass erneut über die Schwäche seiner letzten Bücher lästerten, hielten sich ein Hintertürchen offen, um im letzten Augenblick doch noch auf die Seite der Applaudierenden schlüpfen zu können: Zweifellos sei Die Blechtrommel, im Gegensatz zu den jüngeren Werken des Schriftstellers, längst als Weltliteratur ausgewiesen.

Welch exquisite Bosheit gegenüber dem Autor! Wer so lobt, verhält sich wie ein Archäologe, der der Mumie des Pharaos gönnerhaft auf die dürre Schulter klopft und ihr zu jenem prallen Leben gratuliert, das sie in grauer Vorzeit zu führen imstande gewesen sei. Was unseren Pharao, die öffentliche Figur des Autors Grass angeht, so muss man ihm allerdings wahrlich nicht beistehen. Mit seiner medialen Macht, mit einer Resonanzverstärkung, wie sie keinem zweiten deutschen Kulturschaffenden zu Gebote steht, kann er auch die Zwischenrufe der lobende Tücke leicht übertönen. Und in jahrzehntelang eingeübter Manier versteht er es noch auf dem Gipfel des Ruhmes und der Affirmation als umstritten, bekämpft, gar als verfolgt dazustehen.

Was aber ist mit seinem ersten Roman, der zur Zeit mit erschreckender Einmütigkeit in den Bleischrank der Weltliteratur eingewiesen wird? Fragen wir Die Blechtrommel selbst!

1. Frage an die Blechtrommel:

Können Sie Sich an ihre Jugend, an Ihren Erfolg als junges Buch erinnern?

Antwort der Blechtrommel:

"Die Jugend weint anders als das Alter. Sie hat auch ganz andere Probleme."

Jung erschien mir Die Blechtrommel auch bei meiner letzten Lektüre. In dem Sinne, dass sie erkennbar das Werk eines noch jungen Mannes ist. Wobei man das Schwergewicht wohl auf das Wörtchen "noch" legen muss. Denn die Gegenwartsversessenheit, die den jungen Menschen auszeichnet, die ihn in den Augen der Älteren tadelnswert, aber auch begehrens- und beneidenswert macht, kippt in diesem Buch ständig um in jene Vergangenheitsverbohrtheit, die einen älteren Zeitgenossen vor der jeweiligen Jugend bestenfalls resigniert, schlimmstenfalls oberlehrerhaft dastehen läßt.

Dass Die Blechtrommel beides sein kann, blindwütig gegenwärtig in ihren besten Szenen und Beschreibungen und so altbacken räsonierend wie ein frisch etablierter Dreißigjähriger, ist bis heute ein Rezept, das aufgeht. Frische und Feistheit fügen sich so reizvoll zusammen, weil der Text dem Lesenden eine Erzähler-Figur offeriert, die den rhethorischen Spagat zwischen hellwacher Gegenwärtigkeit und müder Besserwisserei aushält: Oskar, den zunächst zwergenwüchsigen, dann verwachsenen Kunsttrommler.

2. Frage an die Blechtrommel:

Ist uns die Blechtrommel heute das gültige Zeugnis einer Generation?

" ...ich ... weiß, dass ein Nachkriegsrausch eben doch nur ein Rausch ist und einen Kater mit sich führt, der unaufhörlich miauend heute schon alles zur Historie erklärt, was uns gestern noch frisch und blutig von der Hand ging, ..."

Was Oskar hier über seine Gemütslage im Jahre 1946 sagt, hat eine unheimliche Haltbarkeit bewiesen. Denn in Sachen Historie bietet Die Blechtrommel weiterhin die Gleichzeitigkeit von "Rausch" und "Kater". Bis heute erlaubt die Romanfigur Oskar dem Leser eine brisante Mischung aus Identifikation und Distanzierung. Oskar vereint, was im Gefühlshaushalt der Deutschen, wenn er öffentlich wird, säuberlich geschieden sein will: die Lust am blutigen Geschichtsspektakel und den Abscheu vor jenen bösen Buben, die die historisch gewordenen Greuel veranstaltet haben.

Oskar ist Jahrgang 1924, er gehörte, wenn es mit rechten Dingen zuginge, zu jenen deutschen Männern, die den Zweiten Weltkrieg als Soldaten erlebten und die man dieser kollektiven Erfahrung wegen zurecht eine Generation nennt. Da Oskar aber erst mit dem Kriegsende zu wachsen beginnt und als Buckliger in den späten Vierzigern ein verspätetes Jungmänner-Leben beginnt, ist er, wie sein Erfinder, einer der ‚zornigen Männern' der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Diese Altersgruppe aber, die ehemaligen Hitlerjungen und Flak-Helfer, zehren bis heute auf eine merkwürdig ergiebige Weise vom ihrem Fast-Dabei-Gewesen-Sein.

Als halbwüchsige Jungs waren sie ganz nah dran am Krieg, und hätte er nur zwei, drei Jährchen länger gedauert, wären sie, wie ihre Väter und Onkel, wie ihr älteren Brüder, "richtig" dabei gewesen. So aber sind sie sowohl "davon" als auch "zu kurz" gekommen. Sie mussten nicht sterben und nicht schuldig werden, aber sie spüren, dass das kein pures Glück ist.

Etwas, was sie "Geschichte" nennen, hat sie darum betrogen, eine echte "Generation'" im Sinne männlicher Historie zu werden. Sie sind eben nicht im mündigen Alter, unter den Vorzeichen von Verantwortung, Entscheidung und Schuld, durch eine große gewaltsame Erfahrung zum Männerbund verschweißt worden wie die Kriegsteilnehmer. Nicht zuletzt dieses Ausgeschlossen-Sein ist die Wurzel der Aufgeregtheit, mit der sie der letzten echten Generation dieses Jahrhunderts, den Kriegsteilnehmern deren Kriegsschuld vorhalten.

Diese zornigen jungen Männer der Fünfziger, die heute gut Siebzigjährigen, haben zeitgeschichtliche Denkmuster vorgegeben, die trotz langsamer Verdünnung, wie homöopathische Wirkstoffe wirksam geblieben sind. Schon die folgende Altersgruppe, die Kinder der letzten Kriegsjahre, die sogenannten 68iger, kann man in ihrem historischen Selbstverständnis ein Duplikat der aufgebrachten Nachkriegsjünglinge nennen. Und dieses Kopieren der historischen Identität will kein Ende nehmen. Vor wenigen Wochen erst sah ich einen zwanzigjährigen Mann in engagierter Empörung die Fäuste schütteln und behaupten, bis heute säßen alte Nazi-Bonzen und Weltkriegsverbrecher in den Schaltzentralen der Bundesrepublik. Treiben wirklich 85 bis 100-jährige Braunhemden ihr Unwesen in Politik, Wirtschaft und Medien? Nein, es ist ein unverwüstliches Stück Oskarschen Geschichtsdenkens, das in der bundesrepublikanischen Kultur weiterhin das Sagen hat.

3. Frage an die Blechtrommel:

Hat der Zweite Weltkrieg eigentlich wirklich stattgefunden?

Antwort der Blechtrommel:

"Roswitha, halt Dir bitte die Ohren zu, jetzt wird geschossen, wie in der Wochenschau."

Die Liliputanerin und große Somnambule Roswitha muss bald darauf zwar nicht in der Wochenschau, aber in der Wirklichkeit des Romans sterben: eine alliierte Granate und ihr Geliebter Oskar sorgen gemeinsam für ihr Ableben. Gäbe es diesen Oskar in Fleisch und Blut, er dürfte heute als 76-jähriger Zeitzeuge noch einmal in einem Erzähl-Café von der tödlichen Granate und seiner Mitschuld erzählen, er könnte den Wochenschauen und anderen medialen Dokumenten teils widersprechen, teils recht geben und würde seine Zuhörer mit beidem ein letztes Mal rühren.

Wie ging es mir als halbwüchsigem Gymnasiasten in den späten sechziger Jahren noch durch Mark und Bein, als unser alter Geschichtslehrer die Angriffsrufe imitierte, mit denen die russischen Soldaten auf ihn und die anderen Landser zustürmten, die sich nach grandiosem Vormarsch und katastrophalem Rückzug an der Oder verschanzt hatten.

In der Regel aber haben, noch während die letzten atmenden Stimmen vom Krieg erzählen, andere Formen der historischen Vergegenwärtigung Bühne und Regie übernommen. Heute schieben die deutschen Geschichtslehrer, die Die Blechtrommel zuhause im Regal haben, Schindlers Liste oder Der Soldat Ryan in den schuleigenen Videorecorder, wenn es darum geht, effektvoll und glaubwürdig vom Geschehenen zu erzählen. Nicht nur unsere Gefühhlskultur auch unsere Historie wird inzwischen in Hollywood gemacht.

Und unsere Historiker, unsere Schulbuchmacher, unsere Geschichtswerkstättenleiter, unsere unermüdlich recherchierenden Schriftsteller stören die großen Medien keineswegs. Im Gegenteil, fast gönnerhaft lässt man sie ab und an zu Wort kommen. So wie Das Wort Zum Sonntag in einem Winkel des öffentlich rechtlichen Fernsehens überlebt hat, so überdauern auch die Institutionen der großen bürgerlichen Geschichtsreligion in medialen Reservaten. Dreißig Sekunden sind immer Zeit, um einen Weltkriegs- oder Holocaust-Experten vor seinem Bücherregal sprechen zu lassen.

Dabei verraten Film, Fernsehen und Internet in erfrischender Schamlosigkeit, was historisches Wissen immer gewesen ist: radikal selektierte, hochorganisierte Restinformation, das was die jeweilige Gesellschaft und ihre Teilöffentlicheiten aus der unerträglichen Fülle des Überlieferten verarbeiten mag und kann. Jede Geschichte steht im Verhältnis zum Geschehenen bestenfalls da wie der Suppenwürfel vor den blutigen Markknochen: ein Extrakt ja, aber mit viel Geschmacksverstärker, mit reichlich Farbe, mit Konservierungsmittel und künstlichen Aromastoffen.

Kein Geschichtsbuch und kein zeitgeschichtlicher Roman war je im Stande medialer Unschuld. Oskar wusste, wie brutal das Geschehene in die Geschichte vermittelt wird.

4. Frage an die Blechtrommel: Ist die Blechtrommel ein deutscher Beitrag zur Weltliteratur?

Antwort der Blechtrommel: "Auch schlechte Bücher sind Bücher und deshalb heilig." ... "Wir Deutsche sind Bastler."

Das ist schlau gesagt, aber ist die Blechtrommel jemals ein heidnisches Heiligtum gewesen? Kommen in ihr wirklich die verdrängten Dämonen zu Wort? Wäre sie damit ein schlimmes Buch im guten Sinne? Oder hängt sie nicht auf raffinerte Weise von Anfang an ihr Fähnchen in den neuen, als anhaltend erkannten Wind?

Vierzig Jahre nach ihrem Erscheinen sind das literaturhistorische Fragen. Man kann diese Fragen auch zeitgeschichtlich nennen, solange die Schriftsteller, Kritiker, Zeitungs- und Rundfunkredakteure, die Betriebsleute und die Leser jener Zeit noch unter uns sind. Ich, als später Leser, bezweifle, dass dieses Buch wirklich aus dem Abseits kam, und vermute, dass sein Autor mit Oskarscher Schläue von Anfang nach dem Kanon äugte. Aber das ist nicht verwerflich, keiner, der selbst schreibt, sollte ihn deswegen nachträglich scheel ansehen.

Dass Die Blechtrommel eine kühne Bastelei ist, spürt der Lesende am deutlichsten, wenn er in ihr drittes Buch, dessen Handlung nach 1945 spielt, hinüber muss. Wie aufwendig ist dieses letzte Drittel an die beiden vorderen geflickt, wie verbissen, wie unverkennbar deutsch, werden noch einmal zweihundert Seiten zusammengetüftelt. All den Spott, den Oskar dort für die bundesdeutsche Malerei und Bildhauerei der Fünfziger Jahre bereit hat, er ließe sich mühelos gegen diesen letzten Teil der Blechtrommel selbst wenden. Und wenn der Held im besonders schwachen vorletzten Kapitel wütend "Allegorisches Geschwätz!" sagt, zucke der sich weiterhin identifizierende Leser unter dem scharfen Schlag der werkimmanenten Selbstkritik zusammen.

Und doch kann sich das starke Buch ein schwaches letztes Drittel leisten. Wieder habe ich bis zum Schluss durchgehalten, obwohl die Blechtrommel zur historischen Stoff stäubenden Gipstrommel wurde. Vielleicht in glücklich frischer Erinnerung an jene Passagen, in denen dieser zeitgeschichtliche Roman die Literatur als historisiernde Institution ad absurdum führt. Es gibt wahrhaft schreckliche und zugleich zarte Szenen in diesem Buch, so zart und so schrecklich, dass der stramme Hüfthalter der "Zeitgeschichte" ihr Fleisch nicht mehr halten kann.

Dann spricht das Blechorakel für seine wahren Götter, für jene zwei, drei Handvoll vergänglicher Leben, die in einem Roman Platz finden. Und der schreckliche Monotheismus der Geschichtsphilosophie, der unser Leben unter seinen großen starren Sinn zwingen will und an dem wir Deutschen so gerne masochistisch leiden, wird wie ein albernes Sektentreiben der Lächerlichkeit preisgegeben.

Oskar weiß das. Als er vom Tod seiner Mutter erzählt, wird er selbst einer der kleinen Haus- und Halbgötter des vergänglichen Lebens. Aber er weiß es nicht immer. Sobald er allzu schwach wird, geht auch er vor der großen Gipstrommmel der Geschichte in die Knie und hält sich gar für ihren wahren Propheten.

Siehe auch

00:00 07.07.2000

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