Bleib im Bett!

SPORTPLATZ Aus Gründen, die, so könnte man vermuten, nicht von einfachen Sportjournalisten, sondern besser von diskurserfahrenen Ideologiekritikern erörtert ...

Aus Gründen, die, so könnte man vermuten, nicht von einfachen Sportjournalisten, sondern besser von diskurserfahrenen Ideologiekritikern erörtert werden sollten, gelten Sport und Gesundheit bis zum heutigen Tage als Begriffspaar. Als förderte, um ein jahreszeitliches Beispiel zu nennen, das in klobigen Schuhen mit längs gewachsten Brettern erfolgende Hinabstürzen von hohen Bergen auf steilen Hängen über möglichst vereiste Stellen in irgendeiner Weise die körperliche Unversehrtheit derer, die so etwas tun. Das Gegenteil ist bekanntlich der Fall, weswegen ja in den Alpenregionen auch die besten Chirurgen anzutreffen sind. Und die verordnen in der Nachbehandlung eines veritablen mehrfachen Knochenbruchs ihren Rekonvaleszenten bekanntlich auch nicht ein schnelles Zurückeilen auf die Piste, sondern Ruhe, Nichtstun, Entspannung und sonst alles, was den Genesungsprozess gefährden könnte.

Man könnte also, wenn das Thema nicht so schrecklich ideologisch besetzt wäre, die einfache Wahrheit auch einfach aussprechen: Wer gesund bleiben will, soll keinen Sport treiben und sich mit langem Schlafen, ausgewogenem Essen und ausgedehnten Spaziergängen schonen. Und wer Sport treiben will, muss wissen, dass es das Wesen des Sportes ist, den Körper an Grenzbelastungen heran zu führen, ja, die Grenzen dessen, was ein menschlicher Körper leisten kann, hinaus zu schieben. Was der freundliche Arzt in der Reha-Phase seinem früher mal skifahrenden Patienten bestenfalls verordnen oder anempfehlen könnte, wäre eine Form medizinischer Gymnastik. Ende des 18. Jahrhunderts im Gefolge der Aufklärung und der dabei unter anderem erfolgenden Übertragung der Verantwortlichkeit für den eigenen Körper auf das Individuum bemühten sich Philantropen und Ärzte um gesündere Lebensführung. "Wenn die Menschen lebten, wie sie leben sollten, so würden sie wenigen der oder keinen innerlichen Krankheiten ausgesetzt seyn", wusste der Arzt B.C. Faust 1794 in seinem "Gesundheitskatechismus".

In jener Zeit begann eine niemanden außer Acht lassende staatliche Gesundheitskampagne, die Anschluss ans Erziehungssystem suchte und fand. Schaut man sich Fernsehspots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an oder wirft einen Blick in Schulsporthallen, ahnt man, dass die Vorstellung, der Staat müsse durch Anbieten sportiver Angebote die Gesundheit seiner Insassen fördern, recht aktuell ist. Das dünkt auch recht alternativlos, vergegenwärtigt man sich, dass der Wahn auch vor wackeren Kommunisten nicht halt machte. So forderte Karl Marx etwa, "mit dem Elementarunterricht vor dem Alter von neun Jahren zu beginnen", und, was er unter Erziehung verstand, führte er auch gerne aus: "Erstens: Geistige Erziehung. Zweitens: Körperliche Erziehung, wie sie in den gymnastischen Schulen und durch militärische Übungen gegeben wird." Im Kapital lobte er gar die in einigen Fabriken, die Kinderarbeit anwendeten, gegebene "Verbindung von Unterricht und Gymnastik mit Handarbeit". Und zu einer ganz besonders merkwürdigen These verstieg sich Marx dann in einer Fußnote: "Aus dem Fabriksystem (...) entspross der Keim der Erziehung der Zukunft". Gymnastik, wie von Marx gefordert, ist zwar noch kein Sport, sondern könnte, wenn sie nicht gerade in militärischen Formen durchgeführt wird, ja wirklich etwas Gesundheitsförderndes haben. Und dass dies alles durch Zwang geschehen soll, mag einem subjektiv zuwider sein, aber auch dies macht´s noch nicht ungesund. Es gab aber, wie der Sportsoziologe Klaus Cachay gezeigt hat, eine Ankopplung der sich Ende des 19. Jahrhunderts entwickelnden Sportangebote an das allgemeine Erziehungs- und das konkrete Medizinsystem. Gerade in Deutschland, wo heute beliebte Formen des Sports noch als undeutsch, welsch oder sonstwie von Übel beschimpft wurden, galt die hiesige dominierende Form der modernen Körperkultur, das Turnen, als Erziehungsangebot an die Jugend, so sie männlich, deutsch und nicht jüdisch war. Dieser Verknüpfung von staatlich vorgeschriebener und unternehmerisch geförderter Gesunderhaltung und der gleichzeitigen Attraktivitätssteigerung des Sports, dessen Ideologie sich am deutlichsten in der Forderung der Olympischen Bewegung der Neuzeit nach "Citius, Altius, Fortius", also Schneller, Höher, Stärker ausdrückte, entspringt das denkwürdige Begriffspaar Sport-und-Gesundheit. Gutwillige Menschen, die weder Marx noch Coubertin noch sonst wem etwas Böses nachsagen wollen, könnten sich freilich noch darauf hinausreden, dass das alles ja auch ein Missverständnis gewesen sein könnte. "Was müssen sie thun, wenn sie krank werden?" hatte nämlich B.C. Faust 1794 gefragt, und die Antwort gegeben: "Sie müssen sich ruhig verhalten, und die Hülfe eines Arztes suchen". Von Sport war da keine Rede.

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00:00 11.01.2002

Ausgabe 38/2021

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