Bleib, wo du bist!

Syrien Suleyman Ramadan musste fliehen, weil er Alawit ist. Nun lebt er in der Türkei und muss zusehen, wie der Krieg in seinem Heimatland jeden Tag grausamer wird

Suleyman Ramadan (Name von der Redaktion geändert) zieht seine Schiebermütze in den Nacken und blickt aufs nächtliche Mittelmeer. Nur in der Ferne leuchten vereinzelt die Lichter der sich durchs Dunkel navigierenden Schiffe. „Irgendwo da hinten liegt Latakia“, sagt er und zeigt ins schwarze Nichts. Rund 180 Kilometer trennen diese syrische Hafenstadt von Tasucu, seiner neuen Heimat in der südtürkischen Provinz. Die meiste Zeit verbringt der Emigrant vor dem Laptop. Er liest Nachrichten aus nahen Heimat, postet Kommentare, twittert Botschaften gegen das Regime. Suleyman Ramadan gehört wie Präsident Bashar al-Assad der islamischen Religionsgemeinschaft der Alawiten an. Eine kleine, aber einflussreiche Minderheit – wie der Assad-Clan stammt auch Ramadans Familie aus der Provinz Latakia. Seine Eltern und fünf Geschwister leben in einer nur von Alawiten bewohnten Stadt in der Nähe von Hama.

Manchmal schicken die Brüder SMS, in denen sie ihm vorwerfen, dass er geflüchtet ist. Seine Familie ist enttäuscht, dass er sie ausgerechnet jetzt, da die Not größer kaum sein kann, verlassen hat. Antworten will Ramadan ihnen nicht. Einmal in der Woche telefoniert er mit seiner Mutter und jedes Mal fragt sie ihn, wie lange sie noch auf ihn warten müsse.

„Gehen lassen wollten sie mich nie“

„Ich habe meinen Eltern immer klar gemacht, dass ich nicht zur syrischen Armee gehen werde“, erzählt der 24-Jährige. „Sie haben gedacht, ich würde das nur so dahin sagen. Dabei habe ich immer versucht, mit ihnen über mein Leben, über unsere Religion und die Verhältnisse in Syrien zu sprechen. Als es die ersten Demonstrationen gegen Assad gab, haben sie mir endlich aufmerksamer zugehört. Aber gehen lassen wollten sie mich nie. Besonders jetzt nicht – für sie hat der Heilige Krieg begonnen.“

http://img10.imageshack.us/img10/7584/08klein.jpgTee zu trinken gehört nun zu den wichtigsten sozialen Aktivitäten der Menschen

Wenn das nötige Geld fehlt, um einen hohen Offizier zu bestechen, kommt ein Syrer nicht um den Militärdienst herum. Einberufen wird oft unmittelbar nach Abschluss eines Studiums. Ramadan, der erst im April sein Diplom in Bibliothekswissenschaften erworben hat, musste täglich damit rechnen, antreten zu müssen. Also stieg er eines Morgens mit all seinen Ersparnissen in den Bus nach Latakia. Von dort ging es weiter in die Türkei. An der Grenze fragte ihn der Beamte, aus welcher Gegend er komme, und freute sich, als Ramadan ihm den Namen seiner kleinen Stadt nannte. „Die kenne ich, die ist gar nicht weit weg von meinem Dorf“, bekam er zu hören und durfte passieren.

Die Alawiten stellen in Syrien nicht nur den Staatschef, sie halten auch die einflussreichsten Ressorts in der Regierung und dominieren den Sicherheitsapparat. Vom Militär über die Ministerien bis zum Geheimdienst sind Alawiten seit über vier Jahrzehnten in der staatlichen Hierarchie überproportional vertreten. Ihr Aufstieg begann 1920 unter der französischen Mandatsherrschaft. Von sunnitischen Muslimen als Häretiker und Aussätzige verfolgt, lebten die Alawiten bis dahin isoliert und zurückgezogen in den unwegsamen Bergregionen bei Latakia. Die meisten mussten sich als Pächter oder Tagelöhner sunnitischer Großbauern durchschlagen. Da aber Frankreich sein Mandatsgebiet Syrien gemäß dem uralten Prinzip des Teile und Herrsche nach ethnischen Kriterien aufteilte, erhielten die Alawiten erstmals eine gewisse Autonomie, um der Kontrolle durch den sunnitischen Patron zu entgehen. Die französische Administration öffnete die Armee für Minderheiten, besonders für Christen und Alawiten, die dankbar waren, ihren deklassierten Milieus zu entkommen. Absolventen von Militärakademien winkten Karrieren, die ihnen bis dahin verwehrt blieben. Die wohlhabenden sunnitischen Grundbesitzer und großbürgerlichen Städter hingegen verboten ihren Söhnen, Militärdienst zu leisten, und kauften sie kurzerhand frei. Sollte Ramadan jemals in sein Land zurückkehren, möchte er sich auch freikaufen. Etwa 5.000 Dollar, sagt er, muss er dafür sparen.

Einfach nur töten

Ramadan nippt nachdenklich an seinem Bier. Er ahnt, dass die Türkei kein Asyl auf Dauer sein kann, und weiß doch nicht, wohin er gehen soll. Manchmal fühle er sich nutzlos, verloren und sehr einsam. Weder für seine Freunde in Damaskus, die jetzt andere Sorgen haben, noch für seine Familie kann er etwas tun. Und die Gemeinschaft anderer Flüchtlinge? Die müsse er meiden. Viele seien schlecht auf die Alawiten zu sprechen, auch dann, wenn sie dem Regime kritisch gegenüberstehen.

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Das Flüchtlingslager von Reyhanli

„Bleib lieber, wo du bist“, sagt sein ehemaliger Mitbewohner Hasan oft zu ihm, „hier im Camp, gibt es eine Menge Leute, die einfach nur Alawiten töten wollen“. Vier Jahre teilten die beiden in einem Damaszener Studentenwohnheim ein Zimmer. Inzwischen hat sich Hasan ebenfalls in die Türkei abgesetzt; nun lebt er im Camp von Reyhanli, einem Zeltlager in der Region Hatay. Hasan musste als Sunnit fliehen, weil sein Bruder zur Freien Syrischen Armee (FSA) übergelaufen war.

In Hasans Heimatstadt Homs gab es bisher einen von Alawiten und einen von Sunniten bewohnten Teil. Viele sunnitische Bürger fühlten sich schon vor Monaten nicht mehr sicher, nachdem die Armee ihre Häuser beschossen hatte. Zehntausende, so heißt es, wurden vertrieben und suchten Zuflucht in anderen Städten, vorzugsweise in Damaskus und Aleppo. Viele zog es auch in den Libanon, nach Jordanien, in den Irak oder eben in Richtung Türkei. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind bisher bis zu 70.000 Menschen aus Syrien geflohen. „Es ist eigentlich egal, wohin ich gehe, ob nach Syrien zurück oder in ein türkisches Flüchtlingscamp – für mich ist es überall gefährlich. Hier wie dort würden sie mich sofort verdächtigen, ein Spitzel zu sein.“ Ramadan klappt seinen Laptop auf und legt, trotz des Windes, seine Schiebermütze beiseite.

Als Geisel entführt

Dem Aufstieg der Alawiten in Syrien liegt genau genommen ein historischer Zufall zugrunde. Verursacht durch eine Erosion der traditionellen Eliten, begann nach dem Abzug der Franzosen und der Unabhängigkeit von 1946 eine unvorhergesehene Transformation des öffentlichen Lebens. Sowohl die Streitkräfte als auch die Baath-Partei übernahmen dabei ihren Part. In der Armee waren die oberen Ränge mit Sunniten besetzt – die unteren mit Angehörigen der Minderheiten. Gleichzeitig erlebte Syrien bis in die siebziger Jahre hinein einen Staatsstreich nach dem anderen. Säuberungen innerhalb des sunnitischen Offizierskorps blieben nicht aus. Bei den Nachrückern handelte es sich vorrangig um Alawiten. Deren Solidarität untereinander hielt viel mehr aus als die wechselnden Allianzen der sunnitischen Offiziere.

http://img232.imageshack.us/img232/4536/02klein.jpgDie Grenze zwischen Syrien und der Türkei

Hinzu kam der Einfluss der 1947 gegründeten Baath-Partei, deren Säkularismus den Alawiten attraktiv erschien. Diese Art von Staatsräson sorgte für den Rückzug der Religion aus dem öffentlichen Leben und entsprach ganz dem Wunsch der bis dahin verachteten Minderheit nach Anerkennung und Schutz vor Repression. Obwohl die Baath-Partei immer wieder versuchte, so etwas wie eine Identität Syriens zu begründen, blieben ethnisch, religiös und regional grundierte Identitäten davon unberührt. Der aktuelle Konflikt aktiviert nun die alten Ressentiments. Und das mit aller Wucht, schlimmer als je zuvor. Sollte das Regime von Bashar al-Assad fallen, droht ein ähnliches Szenario wie im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins im Frühjahr 2003 , als die bis dahin herrschende sunnitische Oberschicht von der schiitischen Mehrheit verjagt wurde.

„Alle haben immer versucht, die anderen umzubringen“, erzählt Ramadan. „Das ist in jeder Religion gleich. Das war auch schon vor den Unruhen so, nur verdeckt.“ Kürzlich erst habe man einen Onkel entführt und ins Nachbardorf verschleppt. Vier Tage lag er gefesselt in einem Keller, bevor er sich befreien konnte. Die Entführer – es waren Sunniten – nahmen ihn als Geisel, um einen Angehörigen freipressen.

Eindeutige Anzeichen für eine religiös motivierte Gewalt gab es schon vor über einem Jahr in der Stadt Homs, wo man eines Morgens fünf getötete Polizisten mit abgehackten Händen auf einer Straße fand. Ihre Körper ließen keinen Zweifel, dass man sie gefoltert hatte, bevor sie starben. Alawitische Schabiha-Milizen überfielen daraufhin sunnitische Dörfer in der Umgebung. Es folgten postwendend Racheakte in alawitischen Orten, in denen man Angehörige der Schabiha-Brigaden vermutete.

Solange sich das Anti-Assad-Lager nicht klar der Identitätsfrage annimmt und das Existenzrecht aller Religionen (einschließlich der Christen) in Syrien, anerkennt, wird sich – von Hama und Homs abgesehen – die städtische Bevölkerung nicht dem Aufstand anschließen. Sie alle lähmt die Angst vor einer Zukunft, die aus nichts anderem als einem Bürgerkrieg besteht. Ohnehin gibt es in der Opposition bisher keine populären Figuren, mit denen sich eine Mehrheit in Syrien identifizieren könnte.

Ein Aufschrei ging durch die Oppositionsgruppen, als Bourhan Ghaliun, der inzwischen abgesetzte Vorsitzende des Syrischen Nationalrats (SNC), erklärte, dass die syrische Identität schon immer sunnitisch-arabisch gewesen sei. Diese Verkündung war eine Konzession an die Muslimbrüder und eine Kampfansage. Die Anti-Assad-Front muss nun erst recht Klarheit schaffen, wie sie bei einer allfälligen Machtübernahme mit den Sicherheitskräften verfahren will, die zu 70 Prozent aus Alawiten bestehen.

Manchmal zweifelt Ramadan in seinem türkischen Exil, ob es richtig war, dem Land der Väter den Rücken zu kehren. „Dann denke ich, ich sollte einfach zurückgehen. Zur Armee gehen und das tun, was ich tun soll. Einfach gehen. Ich verbringe den ganzen Tag nur damit, darüber nachzudenken, wie es jetzt weitergehen soll. Nur wie? Aber ich will einfach nicht das Spielzeug des Regimes sein.“

Anja Pietsch und die Fotografin Lia Darjes haben in den vergangenen Wochen das syrisch-türkische Grenzgebiet bereist.

Alawiten:

Der Prophet heißt Ali

Im 9. Jahrhundert bereits haben sich die Alawiten von der schiitischen Glaubensrichtung des Islam gelöst. Urheber dieser Abspaltung soll ein persischer Fürst gewesen sein, doch das ist nicht endgültig bewiesen. Alawiten haben seither die Auffassung vertreten, dass Ali größer sei als der Prophet Mohammed. Dieses Bekenntnis war und blieb ein wesentlicher Grund für die jahrhundertelange Ächtung und Verfolgung.

Unverschleierte Frauen

Besonders von der sunnitischen Ulama wurden die Alawiten nie als Glaubensgemeinschaft anerkannt, sondern von Häretikern als Sekte verunglimpft, denen es gefalle, die Sonne, den Hund und die weiblichen Genitalien an-zubeten. Bis heute werden die religiösen Feste der Alawiten von den Sunniten als Orgien gesehen und entsprechend diskreditiert, was unter anderem damit zu tun hat, dass Frauen an diesen Zeremonien unverschleiert teilnehmen dürfen und dabei Wein gereicht wird.

Sympathie für Khomeini

Im Jahr 1979 solidarisierten sich die syrischen Alawiten, aber auch die in der Türkei, mit der Islamischen Revolution des Ayatollah Khomeini, die im Iran stattfand. Sie betrachteten diesen Umbruch als Parallelfall zu ihrer eigenen Befreiung aus Demütigung und Unterdrückung. Auch auf die politischen Beziehungen zwischen Teheran und Damaskus hatte das großen Einfluss. LH

09:00 27.06.2012

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