Blendend

Grenzübergleitung Heiner Goebbels vollkommenes Sprechmusiktheater "Eraritjaritjaka" in Berlin

Auf der Bühne unterscheiden wir in zwei Sparten, und die Wörter, die uns dafür zur Verfügung stehen, erwecken den Eindruck, als sei deren einzige Funktion die Unterscheidung. Als hießen sie nichts für sich genommen und bedeuteten alles in der Abgrenzung zum anderen. Wir reden von Sprech- und Musiktheater, weil bei dem einen das einzige, was ertönt, die Sprache ist. Oder weil bei dem anderen die Bühnenhandlung sich im Gesang und begleitet von einem Orchester vollzieht. Wovon aber würden wir reden, wenn wir das Sprechen als musikalisch empfänden und die Musik als handelnd?

Heiner Goebbels macht Musiktheater. In seinem jüngsten Werk Eraritjaritjaka, das in Berlin im Rahmen der Spielzeit Europa aufgeführt wurde, betritt ein Streichquartett das Dunkel der Bühne. Das Mondriaan Quartet aus Amsterdam spielt als erstes Stück seiner Reise durch die Musik des 20. Jahrhunderts - mit Ausnahme von Bachs Kunst der Fuge und Goebbels´ Eigenkomposition - Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8. Es sieht nach einem Kammermusikabend aus, den auftretenden Schauspieler möchte man für einen Rezitator halten.

Heiner Goebbels macht Sprechtheater. Das Wort Eraritjaritjaka, das hat Elias Canetti vermerkt, stammt aus einer Aborigine-Sprache, und bedeutet "volles Verlangen nach etwas, was verloren gegangen ist." Der Schauspieler, der sich zum Mondriaan Quartet gesellt, ist André Wilms. Ein Sprechspieler, der auf Französisch ein Konvolut von Sätzen spricht, die Goebbels nach fünf Jahren Lektüre aus den Aufzeichnungen von Canetti extrahiert hat. "Sätze, die sich voreinander drücken." Sätze über Musik und über die Sprache, von der Einsamkeit und der Gesellschaft, Betrachtungen eines Menschen von einer Welt, in der er nicht zu Hause ist, weil sein einziger Ort die Sprache ist. Eines Bibliotheksmenschen wie Canettis Protagonist Kien aus dem Roman Die Blendung.

Heiner Goebbels macht Sprechmusiktheater, in dem Sprechen und Musik im Spiel in eine vollkommene Form finden. Eraritjaritjaka ist Musiktheater in einem buchstäblichen Sinne. Die Musik untermalt, begleitet nicht, sie ist der Akteur selbst, akzentuiert durch ihren Rhythmus, verbündet sich in ihrer Klangfarbe mal mit Licht, mal mit dem Gesprochenen, mal mit dem Spiel. Im selben Sinne bietet Eraritjaritjaka reinstes Sprechtheater, in dem die Wörter nichts bebildern und erklären, in dem sie an keine Charaktere gebunden sind. Sie werden erfahrbar in ihrer schlichten Schönheit, die Worte selbst sind die Akteure in der Komposition einer melancholischen Weltordnung.

"Das Lächerliche an der Ordnung ist, dass sie von so wenig abhängt. Ein Haar, buchstäblich ein Haar, das liegt, wo es nicht liegen sollte, kann Ordnung von Unordnung trennen", heißt es in Canettis peniblen Aufzeichnungen. Das ließe sich als Credo von Goebbels Inszenierung lesen, in der nichts liegt, wo es nicht liegen sollte, was einfach und leicht scheint und doch ein schwieriges Unterfangen ist, das genaues Arbeiten voraussetzt: die Errichtung einer Ordnung als Komposition der Theatermittel.

Die Absichtsvolle an der Komposition ist am besten an der Ordnung des Raumes zu beschreiben, in dem mühelos die Grenzen zwischen den Genres überwunden werden. Der Kammermusikabend, der Eraritjaritjaka zu Beginn ist, braucht keinen konkreten Raum, Raum ist hier Akustik. Wenn André Wilms hinzutritt, wird der Raum abstrakt, eine zweidimensionale Landkarte des Melancholischen. Geschmeidig gleitet unter dem Schwarz des Bühnenbodens ein leuchtendes Weiß hervor. Wilms stellt ein kleines Haus auf, um das herum der Sternenhimmel einer Stadt projiziert wird. Im Hintergrund ist die Wand eines großen Hauses zu sehen. Der Durchbruch in die Dreidimensionalität gelingt erst völlig, als Wilms in der zweiten Hälfte der Inszenierung das Theater scheinbar verlässt. Eine Kamera, deren Aufzeichnungen auf die Hauswand auf der Bühne übertragen werden, folgt ihm in ein Taxi, das durch die Nacht von Berlin fährt, und weil das Streichquartett weiterhin spielt, wirkt das Herannahen eines Fahrzeugs, das man durch die Rückscheibe von Wilms Taxi sehen kann, plötzlich wie ein musikalischer Akzent. Schließlich landet Wilms in einer Wohnung, Eraritjaritjaka ist in einem konkreten, realistischen Raum angekommen. Der Schauspieler liest die Zeitung, macht Notizen, brät sich ein Omelett und hackt die Zwiebeln dafür im Takt der Musik. Irgendwann öffnet er einen Fensterladen und schaut - auf die Bühne. Der Film aus der Wohnung spielt sich hinter der Haus-Fassade ab vor unseren Augen ab. Ein schöneres Theater, buchstäblich Theater, hat man selten gesehen.


00:00 19.11.2004
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