Blick-Erweiterung

Theaterspektakel "Leipzigs Schauspiel" macht seiner Stadt ein eindeutiges Angebot: Theater als Heimat - "www heimat le"

Dschungel L.E." hieß es 1998 im Leipziger Schauspielhaus, ganz konzentriert auf heimatliches Unterholz. Damit sich der Blick weitet war nun das assoziationsreiche Thema "Heimat" auserkoren. Ein Schwammraum, wenn man nach seinem Umriss sucht. www heimat le (Leipzig East) versuchte ihn zehn Tage lang mit zwölf Inszenierungen an acht Orten gar nicht dingfest zu machen. Kluge Entscheidung. Stattdessen könnte das Fazit aus Stückauswahl und bildender Kunst am Bau eigentlich nur zu Gunsten des Theaters selbst ausfallen. Draußen ist Exil, sagt drinnen das Türschild. Und wer den Marathon regelgerecht mitmachte, entwickelte nach abendlich fünf Stunden Spektakel irgendwann Heimatgefühle. Dem Schild gemäß, das draußen am Eingang "Heimat" verspricht. Intendant Wolfgang Engel und sein Team schufteten selbstlos im Dienst der Publikumsverführung. Jeden Abend gingen sie in drei Runden. Ab der zweiten standen sechs bzw. fünf Parallelveranstaltungen zur Wahl.

Dem Regisseur Engel ist Heimat Systemkritik mit Handkes Die Unvernünftigen sterben aus. Feudalistischer Unternehmer wird melancholisch. Der Selbstmord unterm Streifencode erinnert - das ist das Problem - ein bisschen an eine Zeit vor der Systemtheorie, mit monarchistischen Strukturen. Dem Herrscher verkümmert beim Geldzählen die Innenausstattung. Zur Midlife-Krise durchfährt ihn eisiges Erschrecken und weil es für ganz oben keine adäquaten Feinde gibt, muss er sich selbst erlösen. Keine Gewinner im Kapitalismus. Inzwischen aber ist selbst L. E. im "demokratischen" Neoliberalismus gelandet.

Heute gründet man Start-ups. Die führen als pausenlose trivial pursuit of happiness zum intellektuellen Fall-out und emotionaler Totalverkrüppelung. Vier brüllende Jungdynamiker stimmungstechnisch bei ihrer inneren Leere angekommen finden das "SCHEISSE". Sehen aus wie Klimbim-Enkel im Kinderzoo, hören sich an wie der Transrapid im Gefühlsstau. Hausregisseur Enrico Lübbe spielt uns das Lied vom Hirn- und Herztod des Individuums als "Heimat-Lounge"-Fassung der "world wide web-slums". Dass kein Medium mehr eine Message hat, nur noch Verkaufsabsichten, reicht für eine Stunde Wörtergeprassel aus dem Presslufthammer René Polleschs. In Hamburg längst Kult, hat hier das rasende Surfgeblubber der Wwweltschmerzdotcomödie ziemlich vorläufige Wirkung. Eines zeigt das wahnige Wettsprechen: in der Sprache sind wir nicht mehr zu Hause.

Bei Werner Schwabs Übergewicht, unwichtig: Unform herrschen Text- und Weltentschleunigung. Stillstand in seiner perfidesten Form: der schleichenden Wiederholung. Da sieht - und riecht - man, wie aggressiv die Mischung aus immer eigenem Saft und Biernebel machen kann. Schwab hat sich aus Heimatekel tot getrunken. Die Gründe werden in Lübbes Inszenierung einer stumpf-brutalen Kneipengemeinschaft reichlich plastisch.

Schlicht nett dagegen Michael Thalheimers Leipzig-Film Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Winterliche Vereinsamung stellt sich nicht ein, weil die sechs Schauspieler alle vor Ort einen Lieblingsplatz haben. Den zeigen sie uns und referieren auf Zuruf Gemeinplätze zum Spektakelmotto. Garniert mit trüben Stadtansichten und beherzten Bekenntnissen befragter Passanten entsteht - ja doch - ein sympathisch-langweiliger Nebenschauplatz auf der Spätschiene.

In die Abteilung Einsamkeit in der post-emotionalen Gesellschaft gehören wie selbstverständlich die Frust-Tiraden Michel Houellebecqs. Im chicen Ambiente der Galerie für Zeitgenössische Kunst nölen sich drei Klone des Autors mit fusseliger Frisur und blasser Stimme durch das Unglück ihrer leidenschaftslosen Existenz. Während hinter Glas eine Stripperin unbeteiligt ihre Nummer abzieht - regelmäßig wie das Münchner Glockenspiel, spätestens beim dritten Mal auch so erotisch. "Die Ausweitung der Kampfzone" auf drei lässt den Monolog weniger verzweifelt klingen; außerdem sorgen zwei weibsgroße Plüschschweine, kopulierend und die bekannten Thesen diskutierend, für gute Laune. Das Publikum, paarweise, zählt ohnehin nicht zum besprochenen Elends-Sample. Vielleicht ist der Osten noch Friedensgebiet?

Da lachen die Hühner. Aber nicht sehr lange. In Armin Petras´ Schleef-Adaption Die Bande geht es dem Federvieh bald an den Kragen. Die Enge des DDR-Kleinbürgeralltags macht vier brave Paare zum anarchistischen Rollkommando. Was als Wochenendausflug beginnt, steigert sich zum Hass-Konvoi auf alles verordnete, geregelte. Sie klauen Volkseigentum, schänden Hühnerfarm und Kulturhaus, lustmeucheln einen Betriebsleiter. Überdruss und Langeweile setzen zum Sprung an die Kehle der Gesellschaft an. Sonst passiert ja nichts.

Petras´ alias Fritz Katers Uraufführungsstück Vineta (oderwassersucht) fixiert die Unterseite der gewendeten Republik. Gerechtigkeit gehört nicht zu den Tugenden des Marktes, speziell wenn es um jene geht, die nichts anzubieten haben und die nicht nachgefragt werden. Das sagenhafte Vineta soll im Meer versunken sein, in Frankfurt/Oder 1992 hocken die Heimatverbliebenen in den Fenstergruften einer halb abgesoffenen Hochhausfassade. Sieben Personen "kurz vor der Löschtaste". Knapp davor, sowieso Platte zu machen, beziehen sich die Sehnsüchte hier auf reaktionäres Kleinstglück in Paar- oder Flaschenform. Oder den Schlägertraum vom Boxchampion. Der Trainer muss längst drauf verzichten, Rückkehrer Steve sollte es langsam begreifen. Aber Mike und Frank sind noch jung und gläubig. Regisseur Markus Dietz treibt eine Bande Käfigtiger auf der Drehbühne um, bis sie die Hoffnungen begraben. Die Frauen sind von Anfang an realistischer: hoffnungslos. Ab und an bekommt der Blick nach vorn im Zorn dürftige Häkelkanten proletarischer Familiensolidarität. Ansonsten warten alle, buchstäblich an die Scholle gekettet, dass ihnen das Wasser an den Hals steigt. Zärtlicher Realismus nach Petras. Verbeugung.

In der kleinsten Spielstätte "Horch und Guck" fand die formlos tümelige Labernacht Weg!indieheimat zu viele, das wundersame Märchen Das Lied vom Sag-Sager viel zu wenig Beachtung. Schuld daran war wohl die namenstarke Konkurrenz in der zweiten Runde - so verzauberten die Geschwister Durant, Rock, William, Fred-Gilles und Noéma in aller Intimität. Was dem Stück aber gut steht. Tief in den Wäldern Kanadas leben die vier aneinandergeschweißt als "Gesellschaft der Liebe" gegen die Kälte und Profanität des modernen Heute. Ihre animistische Welt aus Donner, Blitz, Licht und Geheimnis verteidigen sie gegen jeden Zugriff von außen. Als das Schwesterchen ins Koma fällt und Liebhaben als Therapie fehlschlägt, bleibt nur eins. Sie übergeben sich wieder der Natur. Das Leipziger Quartett spielt sinnlich, sehr dreidimensional, nie aufgesetzt. Man möchte an Märchen glauben. Wie an den Weihnachtsmann oder das ominöse Ding Heimat.

Mehr unter www.schauspiel-leipzig.de/heimat.le

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00:00 01.06.2001

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