Blick zurück ins Glück

Die 61. Filmfestspiele von Venedig Viel Vorhersehbares und einige wenige Überraschungen

Wenn Kino gut ist, kann es die Wahrnehmung beeinflussen, verändern, manchmal sogar umdrehen. Oft genug hat man mit den ersten Filmminuten zum Beispiel vollkommen vergessen, was es an Geduld oder Geld gekostet haben mag, hineinzukommen. Wenn in diesem Jahr während der Filmfestspiele in Venedig die Klagen über die vielen Verspätungen besonders laut tönten, war das deshalb nicht nur als ein Hinweis auf organisatorisches Chaos zu lesen, sondern auch auf Filme, deren Kraft offenbar nicht ausreichte, das lästige Drumherum vergessen zu machen.

Manchmal möchte man ja schon nach den ersten Filmminuten wieder fliehen, weil alles weitere so vorhersehbar erscheint. Mar adentro (The Sea Within), der neue Film des spanischen Erfolgsregisseurs Alejandro Amenabar, der mit dem silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, war so ein Fall. Javier Bardem spielt die Hauptrolle und auf dem Filmplakat, das vor dem Kino stand, war er abgebildet, wie man ihn kennt: jugendlich, die charakteristisch flache Nase im Wind, das halblange Haar attraktiv unfrisiert. Im Kino dann der Schock: Das Plakatbild stellt eine bloße Erinnerung dar, die Hauptfigur als jungen Mann, kurz vor einem fast tödlich endenden Tauchunfall. Inzwischen aber sind 30 Jahre vergangen, die dieser Mann namens Ramon als vom Halswirbel abwärts Gelähmter größtenteils liegend in der aufopferungsvollen Pflege von Eltern, Bruder und Schwägerin verbracht hat. Nun will er sterben.

Amenabars Film, man ahnt es schon, behandelt einen "wahren" Fall, in dem ein Mann versucht hat, sich das Recht auf den eigenen Tod gerichtlich zu erstreiten. Und trotzdem wirkt vieles an diesem Film aufgesetzt, so als habe man es schon Dutzende Male gesehen: die tapfere Unterstützergruppe, die süßliche Romanze mit der Rechtsanwältin, die den Fall übernimmt, das stille Leiden der Pflegenden und deren zwiespältigen Gefühle für Ramons Todeswunsch. Das alles kommt kaum aus der eingefahrenen Spur jener Fernsehdramen heraus, die sich üblicherweise solcher Themen annehmen. Nichtsdestotrotz oder vielleicht auch deswegen hat Amenabars Film weniger die Kritiker als vor allem das Publikum sehr berührt. Was aber auch damit zusammenhängen mag, dass der Regisseur zwischendurch immer wieder zu einer fesselnden Filmsprache findet, die mit leicht unheimlich-fantastischen Anklängen die sich automatisch einstellende Sentimentalität wieder zurückdrängt. Bardems Ramon ist ein Spötter, aber die Schärfe seines Spotts zeigt eine Leidenschaft an, die es um so schwerer macht, seinen Todeswunsch zu akzeptieren. Und dann merkt man auf einmal, dass Amenabar und Bardem einen doch noch dazu gebracht haben, bis zum Ende da zu bleiben. Obwohl alles so kommt, wie man es sich gedacht hat.

Dass Bardem für seine Darstellung ausgezeichnet würde, schien ebenso vorhersehbar. Sobald Kino zu vorhersehbar wird, wird es langweilig. Was vielleicht einer der Haupteinwände ist, den man gegen Mike Leighs Vera Drake, dem diesjährigen Gewinner des Goldenen Löwen, anführen könnte. Mike Leigh stellt darin eine Frau aus dem Arbeitermilieu vor, die "Frauen in Not" hilft; so sieht sie es zumindest. Für ihre selbstlose Tätigkeit kommt sie am Ende ins Gefängnis, denn Abtreibungen sind im England der fünfziger Jahre verboten. Wie kein anderer beherrscht Leigh die Inszenierung von Alltäglichkeit. Die Fifties, die er hier auf der Leinwand auferstehen lässt, sind eine Zeit der unentwegten Verrichtungen; nicht umsonst steht Leighs Name für ein realistisches, für ein Arbeiterkino. Und doch wirkt heute gerade diese Arbeitsamkeit und der unentwegte rechtschaffene Fleiß dieser Menschen ungeheuer fremd und vergangen, was Leighs Bemühungen, den kleinen Leuten zu ihrem Recht zu verhelfen, in einen unfreiwilligen Akt des Denkmalsetzens verwandelt.

Der dritte Preisträgerfilm, Binjip von Kim Ki-duk, war anders. Dem Koreaner eilt in Venedig ein Ruf voraus, schließlich fiel vor Jahren bei der Vorführung seines Films Die Insel eine Frau in Ohnmacht - sie hatte die drastischen Selbstverstümmelungen auf der Leinwand nicht mehr ertragen. In Binjip ist nichts vorhersehbar. Die Hauptfigur, ein namenloser junger Mann klebt Werbezettel auf Türschlösser, und wenn sie am nächsten Tag noch unberührt sind, bricht er geschickt in die Wohnungen ein, nicht etwa, um zu stehlen, sondern um darin ein Leben als guter Geist zu führen. Mit Hingabe und Konzentration wäscht er die liegengebliebene Wäsche und repariert kaputte Haushaltsgegenstände. Trotzdem hat sein Eindringen etwas Unheimliches und Ungehöriges. Er redet kein Wort, auch nicht, als er in einer Villa auf eine Frau trifft, die von ihrem Mann misshandelt wurde. Mit ihr bekommt sein Tun jedoch einen anderen Akzent; auf einmal wird klar, dass sie etwas verbindet: beide suchen auf ihre Weise den Ausweg in der Unsichtbarkeit. Kim Ki-duks eigentümliche Attraktion besteht darin, Bilder von Zärtlichkeit und Gewalt so eng zusammen zu bringen und in ein Verhältnis zueinander zu setzen, dass eine ganze Gesellschaft sich darin spiegelt.

Die Revolutionierung der Perspektive erreicht Francois Ozon in seinem Film 5 x 2 mit einem weitaus simpleren Trick: Er erzählt seine Liebesgeschichte vom Kennenlernen bis zur Scheidung in fünf Einschnitten, aber in umgedrehter Reihenfolge. Er habe das vorhersehbare Ergebnis durchbrechen wollen, dass am Ende die schlechten Gefühle der Trennung überwiegen. Aber trotzdem ist sein Film keine Fahrt zurück ins Glück des ersten Verliebtseins, sondern auf überraschend andere Weise melancholisch. Ozon gibt keine Erklärungen, sondern schickt den Zuschauer auf eine Entdeckungsreise in die Welt all jener kleinen Gesten und Handlungen, die Beziehungen bestimmen und doch immer auch rätselhaft bleiben; es ist ein Film voller Zwischentöne.

Der Blick zurück in eine Zeit, als die Zukunft noch froh und verheißungsvoll schien, erweist sich bei Ozon als zwiespältig und ambivalent. Etwas Ähnliches hat man sich von Reitz dritter Fortsetzung seiner Heimat-Serie erwartet, die nun also die Jahre 1989 bis 2000 behandelt und eben mit einem Teil beginnt, der benannt ist: Das glücklichste Volk der Welt. Vielleicht hätte Reitz seine Serie nach Ozons Vorbild chronologisch umdrehen sollen, er hätte viel Vorhersehbarkeit vermeiden können. So wurde sie an anderer Stelle durchbrochen: Heimat 3 war als einer der Festivalereignisse angekündigt, aber am Ende doch schon wieder wie vergessen.


00:00 17.09.2004

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