Blinde Maurer

DER MACHBARE KRIEG Beim Dafürsein zahlen die Afghanen den Preis, für das Dagegensein müsste Deutschland selbst einstehen

Hans Mayer nennt die DDR, aber auch die Weimarer Republik, babylonische Turmbauten. Letzte Woche hat das Kabinett der BRD die Entsendung von Soldaten der Bundeswehr beschlossen. Der dritte Turmbau der Deutschen, jetzt aber integriert in die gewaltige Architektur des Westens. So eine Stabilität war noch nie da. Ein Zusammenbruch ist schlechthin undenkbar. Wie dieses Ende der Nachkriegszeit. Außer Hitler, man lese die von Bormann aufgezeichneten letzten Gespräche, hätte 1945 niemand für möglich gehalten, dass in nicht ganz sechs Jahrzehnten die deutschen Soldaten den Hindukusch erreichen.

Der Sturm, der uns dahin treibt, wirft jeden um, der sich entgegenstemmt. Alle Politiker kommen ins Laufen, in Windrichtung. Die Nischen für Intellektuelle sind denkbar klein. Nur dem, der nichts vom Sturm und seinem Sog weiß, erscheint der Zwang zum Dabeisein als idiotisches Vorpreschen. Wenn zum Beispiel Schröder in Pakistan sagt: "Es gibt keine Unterbrechung des Luftkriegs", welcher Teufel reitet ihn da? Das entscheiden doch die USA, warum muss er den Mund aufmachen? Alle sind vom Teufel geritten. Im alten, roten Italien stimmten ganze 35 Abgeordnete gegen die Entsendung von Truppen. Die Übereinstimmung in den europäischen Parlamenten ist bei keiner anderen Entscheidung nach dem Zweiten Weltkrieg so einmütig und eindeutig gewesen. Die Moral ist leicht zu belügen, aber Illusionen über die Effizienz der amerikanischen Angriffe macht sich niemand. "In Zukunft gehört der Terrorismus zu unserem Alltag." Sagen Fischer, Schily, Schröder, alle. Trotz oder wegen der Bomben, das ist egal. Gesetze zur Inneren Sicherheit werden geschaffen, der Abbau von Freiheitsrechten entlastet die Demokraten, hat etwas Befreiendes. Ordnung und Energie. Petroleum klingt zu primitiv. Und der Haushalt stimmt. Finanzminister Eichel antwortet der schönen Maischberger auf die Frage, warum die Beteiligung am Krieg weniger koste als die Nichtbeteiligung beim Irak: "Freikaufen ist teurer. Die Bundeswehr ist ohnehin da." Außerdem zahlen beim Dafürsein die Afghanen den Preis, für das Dagegensein muss man selber einstehen.

Für die BRD erinnert die Entscheidung in ihrer Tragweite und in der Art, wie sie an der Bevölkerung vorbei zustande kommt, an den Beschluss der Wiederbewaffnung. Die Kraft und die Macht und der Preis der Westbindung. Die einzig mögliche Erklärung ist die Westbindung. Ausscheren würde sie in Frage stellen. Mit unabsehbaren Konsequenzen, während man meint, Afghanistan sei unter Sichtkontrolle. Man könnte sagen, es gäbe viele Arten der Westbindung. Aber ausschlaggebend ist nur eine. Was Allianz ist, definiert der Stärkere und die USA sind ein eifersüchtiger Gott. Linke Politik der letzten 50 Jahre bestand rückblickend lediglich darin, retardierende Momente in die militärische Hochrüstung einzubauen und zu versuchen, das Verhältnis zu den USA intelligenter zu artikulieren, als die Amerikaner das selbst können und wollen. Wie eng der Spielraum ist, zeigt sich darin, dass während der ganzen Dauer des Vietnamkriegs einem Mann wie Willy Brandt kein einziges kritisches Wort zu entreißen war. Und an Gorbatschow, dessen Abrüstung vom Westen nie honoriert wurde.

Der Sturm baut und die Maurer sind blind. Im Krieg werden die Fenster und Fernseher verdunkelt. Wer im Westen hineinschaut, sieht nur noch sich selbst. Im Osten flüchtet das Wort ins Grüne und wird verboten. Saif, der Taliban-Botschafter in Islamabad, hat jeden Nachmittag ein dankbares Publikum, "weil nirgendwo soviel über den Krieg in Afghanistan zu erfahren ist wie im Garten seiner Botschaft" (FAZ vom 8.11.). Die Regierung hat das gestoppt. "Einheimische und ausländische Medien werden inzwischen von der amerikanischen Botschaft besser informiert." Außerdem sind die pakistanischen Kabelbetreiber angewiesen, den arabischen Sender Al Dschazira nicht mehr zu übertragen. Was erzählen sich die Kameltreiber abends am Bombenfeuer? Sie hören den Weltbevölkerungsbericht, die Lektion von oben: "Jeder Mensch hinterlässt auf der Erde tiefe Spuren." Und sie fragen, fast schon Staub: "Jeder"?

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00:00 16.11.2001

Ausgabe 43/2021

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