Blockaden im Mandelkern

Traumaforschung Wenn ein Trauma zu Sucht führt, hat der Patient ein doppeltes Problem. Neue Therapieansätze weisen Auswege

Ein gängiges Vorurteil gegenüber Suchtkranken lautete lange Zeit: Was ihren Konsum angeht, belügen sie sich und andere. Im Grunde wollten sie nichts verändern, sondern weiter machen wie bisher und in einer Therapie suchten sie bloß eine Auszeit. Wurde der Betreffende rückfällig, sah man darin nicht ein Symptom der Erkrankung, sondern den Beweis für die Richtigkeit des Vorurteils. Was man heute besser weiß: Die Verdrängung ist Teil Ihrer Krankheit - Suchtkranke haben häufig Traumata zu verarbeiten.

Seelische Wunden haben Menschen, seitdem es sie gibt. So handelt ihre Geschichte vor allem davon, wie sie immer wieder aufs neue versuchen, verletzende Erfahrungen zu bewältigen. Ist der Mensch demnach ein "Traumaüberwinder" (Hilarion Petzold), ausgestattet mit der Fähigkeit, Schlimmes innerlich hinter sich zu lassen und Gutes in den Vordergrund zu stellen?

Traumata heilen nicht von allein

Dass es so einfach nicht ist, belegen zahlreiche Veröffentlichungen, die sich mit so genannten Traumafolgestörungen (zum Beispiel die Posttraumatische Belastungsstörung) befassen. Ein Psychotrauma ist eine seelische Wunde. Gottfried Fischer und Peter Riedesser beschreiben es in ihrem Lehrbuch der Psychotraumatologie (1999) als "vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einher geht und so eine dauerhafte Erschütterung von Welt- und Selbstverständnis bewirkt". Dabei führen sexualisierte Gewalt innerhalb der Familie, fortgesetzte körperliche Misshandlung, schwere Vernachlässigung sowie wiederholte Trennungs- und Verlusterfahrungen am häufigsten zu einer Traumafolgestörung. Solche Wunden heilen nicht von allein. Wesentlichen Anteil daran hat das Gedächtnis.

Informationen und Reize werden im Gehirn von zwei Systemen verarbeitet und gespeichert. Welches der beiden Systeme "zuständig" ist, richtet sich nach der Intensität des Reizes. Eindrücke des normalen Alltagslebens bearbeitet der Hippocampus, aufgrund seiner Form "Seepferdchen" genannt. Er ist eng verbunden mit dem bewussten, logischen Denken und dem Sprachzentrum. Die hier gespeicherten Erinnerungen sind uns zugänglich, und wir können von ihnen erzählen. Das Erinnerte ist eindeutig der Vergangenheit zugeordnet.

Jede bedrohliche Situation ist nun mit massivem Stress verbunden. Dem begegnen wir entweder mit Flucht oder Angriff/Verteidigung. Ist beides nicht möglich, gelangt jeder früher oder später an einen "Kollaps­punkt", seine je eigene Traumatisierungsschwelle. Hier wird der Hippocampus durch das zweite Gedächtnissystem blockiert: den Mandelkern (Amygdala). Unter Umgehung des Großhirns speichert dieser die Angst auslösenden Eindrücke zersplittert und bruchstückhaft. Ist der Hippocampus als Erinnerungsspeicher einem Archiv vergleichbar, übernimmt der Mandelkern die Rolle der Feuerwehr. Janet Metcalfe und W. Jake Jacobs sprechen vom "kühlen" (Hippocampus) und "heißen" (Mandelkern) Gedächtnis.

Überflutung durch Erinnerungssplitter

Werden nun die im Mandelkern gespeicherten, zersplitterten Inhalte erinnert, geschieht das mit dem Gefühl unmittelbaren Wiedererlebens. Solche Erinnerungen können nicht korrigiert werden. Das Erlebte hat keine Worte. So ist eine zusammenhängende Erzählung des Schrecklichen nicht möglich. Stattdessen überfluten Erinnerungssplitter sowie große Angst und Anspannung die Betroffenen, und sie erleben das Gefühl ohnmächtigen Ausgeliefertseins immer wieder neu. Häufig versuchen sie, solche wiederkehrenden Überflutungen zu kontrollieren, indem sie alle auslösenden Reize meiden, etwa bestimmte Tätigkeiten, Orte, Gegenstände, Personen.

Von einer Traumafolgestörung Betroffene sind oft schreckhaft, übererregbar und leiden unter Schlafstörungen. Dem steht eine "emotionale Taubheit" gegenüber. Sie gewährt zwar einen gewissen Schutz gegen quälendes Wiedererleben der traumatisierenden Situation. Doch der Preis dafür ist hoch: Die Betroffenen haben zwar physisch überlebt, sind jedoch weit davon entfernt, sich lebendig zu fühlen.

Was ist nun zuerst da - das Psychotrauma oder die Substanzabhängigkeit? "Beide hängen eng miteinander zusammen", sagt Michael Hase, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie am Reha-Zentrum Berliner Tor in Hamburg. Beinahe jeder zweite Patient in einem Fachkrankenhaus für Suchterkrankungen weise eine Traumafolgestörung auf. Das überrascht nicht, denn Suchtmittel wie Alkohol und Opiate können Alpträume und das filmartige Wiedererleben des Traumas (flashback) unterdrücken.

Zudem lindern sie quälende Anspannung und Angst. Die Gefahr dieser Art von "Selbstbehandlung": Da die Bruchstücke der Erinnerung an das traumatisierende Ereignis unverändert bestehen bleiben, entwickelt sich rasch eine Abhängigkeit. Umgekehrt erhöht eine Suchterkrankung die Wahrscheinlichkeit seelischer Traumatisierung erheblich, etwa wenn jemand durch seine Drogenabhängigkeit in die Prostitution gedrängt wird.

Hase ist pragmatisch: "Wenn man beides hat, hat man beides." Das heißt: Man muss auch beides behandeln. Dabei gilt: Eine Heilung des Traumas ist nur möglich, wenn zuvor eine Abhängigkeit erfolgreich behandelt wurde. Zu groß ist sonst die Gefahr, dass unangenehme Gefühle erneut mit Suchtmitteln betäubt werden. Dabei stellt bereits der körperliche Entzug seelisch Traumatisierter eine Herausforderung dar. Denn neben Entzugssymptomen leiden diese Patienten unter den wiederkehrenden Symptomen ihrer seelischen Wunde. Diese können häufig nur durch eine vorübergehend höhere Medikamentendosis gelindert werden. Im besten Fall sind die Betroffenen also vor der Arbeit am Trauma "clean". Zuweilen halten sie eine Auseinandersetzung mit dem traumatisierenden Ereignis jedoch nur mithilfe beruhigender und Angst lösender Arznei aus.

Blicke heilen

Was heißt nun Heilung in der Behandlung traumatisierter Menschen? Den Zustand vor dem verletzenden Ereignis wiederherzustellen, ist nicht möglich. Als geheilt gilt jemand, wenn die Narben nicht mehr schmerzen". Dabei ist das Ziel, die traumatisierende Situation vollständig und authentisch wieder zu beleben, in den Hintergrund getreten. Welches Verfahren der Traumabearbeitung man auch anwendet - die Patienten müssen vorher ausreichend stabil sein, und ihr gegenwärtiges Leben sollte nicht sehr belastend sein. Bei der Verarbeitung helfen vor allem zwei Methoden: eine Form der Verhaltenstherapie und das so genannte EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing).

Dieses Verfahren geht auf Francine Shapiro zurück. Mitte der achtziger Jahre entdeckte die amerikanische Psychologin während eines Spazierganges zufällig, dass sie mit bestimmten Augenbewegungen bedrückende Gefühle im Rahmen einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung vermindern konnte. Beim EMDR regt ein Therapeut auf verschiedene Weise beim Patienten beidseitige Augenbewegungen an, etwa indem er im Abstand von 50 Zentimeter vor dessen Gesicht zwei Finger hin und her führt.

Sicher ist: EMDR wirkt bei traumatisierten Patienten. Wie es wirkt, ist hingegen nicht genau bekannt. Die Augenbewegungen scheinen eine Art beschleunigter Verarbeitung von Informationen zu fördern, die der im REM (=Traum)-Schlaf ähnelt. Eine erhöhte und umfassendere Aktivierung des Gehirns soll helfen, Blockaden zu überwinden.

So werden die mit dem Trauma verbundenen quälenden Empfindungen vermindert und in das übrige Gefühlsleben eingefügt. Das wirkt sich wiederum günstig auf eine gleichzeitig bestehende Suchterkrankung aus - vermutlich weil einige Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung den Entzugserscheinungen von Suchtkranken sehr ähnlich sind. So kommt es zu einer Verminderung von "Suchtdruck" (craving) und Rückfallhäufigkeit. EMDR-Therapeut Hase zufolge geben neuere Studien überdies Anlass zur Hoffnung, dass diese Methode dazu beitragen kann, das "Suchtgedächtnis" zu reprozessieren.

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00:00 16.01.2009

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