Bloggen, twittern, punkten?

Die Grünen Die Grünen zwitschern bei Twitter, launchen Website nach Website und laden Blogger ein. Beobachtungen aus dem Web und von der Bundesdelegiertenkonferenz in Erfurt

Die grüne Partei betritt die Arena des Wahlkampfes 2009 gewappnet mit der höchsten Onlinekompetenz innerhalb der politischen Konkurrenz. Selbst die SPD, die mit Twitter-Primus Sascha Lobo im Online-Beirat den selbsternannten Kronprinzen der digitalen Bohème im Boot ihrer Berater hat, wird daran kaum rütteln können. Zwar war SPD-Generalsekretär Hubertus Heil der erste deutsche Politiker, der - vermutlich nicht ohne Lobos Zutun - für seine ersten Gehversuche beim Microblogging Service Twitter mediale Aufmerksamkeit und gleichsam Kritik erhielt, doch hat weder er noch der nahezu übereifrig twitternde Thorsten Schäfer-Gümbel seine Partei in den letzten Monaten so mobilisieren können, dass diese im Netz einen sicheren und frechen Eindruck macht. Ähnlich dem Erwerb politischer Erfahrung ist das Erlernen und Verstehen von Kommunikation im Web und dem Nutzen des Internets für Bürger und Politiker ein Prozess, der an den Graswurzeln beginnen muss. Ein Crashkurs, das Überstülpen einer teuren Kommunikationsstrategie aus den Federn einer preisgekröhnten Werbeagentur ist nicht der Weg, der eine Partei im Wahlkampf 2009 zu einer Expertengruppe in der Gefilden der Netzwelt macht.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Ökopartei für den Online-Wahlkampf besonders gut gerüstet ist, da der Altersdurchschnitt ihrer Mitglieder weit niedriger liegt als der bei Sozial- und Christdemokraten. Die jungen Leute, die kennen das Netz. Was die Netzstrategie der Grünen aber nun von einer eher klassischen Herangehensweise an den Wahlkampf unterscheidet, ist, dass sie einen bedeutsamen Schritt weitergehen, als aus ihren jungen, versierten Mitgliedern eine „Taskforce Online“ einzuberufen, die für die grüne Kampagne das Feuer im Netz entfachen soll. Vielmehr haben die Grünen so früh damit begonnen, sich untereinander mit der Begeisterung für die Möglichkeiten der politischen Kommunikation im Netz anzustecken, dass die Funken des Lagerfeuers im Netz bereits die Basis entflammt haben. Das Online-Team der Grünen erstreckt sich über alle Ebenen der Partei und hat selbst die älteren Parteimitglieder einfangen können.

Der Parlamentarische Geschäftsführer Volker Beck (48) machte bei der Bundesdelegiertenkonferenz im November 2008 aus seiner Leidenschaft für die Instrumente des Web 2.0 keinen Hehl. Sein Kommentar am Rednerpult verriet sogar, dass er die derzeit wichtige Faustregel für den Umgang mit dem Netz verstanden hatte: Es nutzen, aber nicht überschätzen. „Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Follower“, begrüße Beck hunderte Delegierte in der Messe Erfurt. Zwar verstanden nicht alle Parteimitglieder an diesem Samstag, was Volker Beck soeben von sich gegeben hatte, aber auch keiner der anwesenden Journalisten nahm diese Bemerkung in seiner Berichterstattung zur Kenntnis, obgleich die Bedeutung von Twitter in der politischen Kommunikation zu diesem Zeitpunkt bereits durchaus ein Thema war. Beobachtete man hingegen die Abläufe in Erfurt an diesen drei Tagen aufmerksam, kann eines festgehalten werden: Bis zu diesem Zeitpunkt war keine andere politische Großveranstaltung einer Partei in Deutschland so intensiv und von so vielen Menschen auf Twitter begleitet und kommentiert worden. Das Twittern war allerdings nicht das Netz-Experiment, das die Grünen sich für ihren Parteitag ausgedacht hatten, denn das grüne Gezwitscher hatte zu diesem Zeitpunkt seine Probephase bereits beendet. Das Erfurter Experiment war die Einladung von fünf Bloggern, die die Möglichkeit erhielten von Erfurt aus zu berichten.

Kurz zuvor hatten die Grünen auf der Website der Bundespartei dazu aufgefordert, sich für ein Blogstipendium auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Erfurt zu bewerben. Die interessantesten Schreiber wollten sie auswählen, unabhängig von politischer Gesinnung und thematischer Ausrichtung des Blogs. Dass die Grünen die Kosten für Anfahrt und Übernachtung von fünf Blogbetreibern aufkommen wollten, sorgte in der Netzwelt für geteilte Meinungen. David Schraven, bloggender Journalist bei den Ruhrbaronen, warf den Grünen vor sich durch eingekaufte Blogger mit hippen Beiträgen schmücken zu wollen, und klagte die Blogger an, käuflich zu sein und dementsprechend unabhängig zu berichten. Die Argumente, dass eine Einladung in die Blogosphäre nach Erfurt zu kommen ohne Fahrt und Logis zu übernehmen wohl zu keiner Resonanz geführt hätte (Blogger können sich bei Veranstaltungen der Grünen als Presse akkreditieren und teilnehmen. In Erfurt waren keine anderen Blogger als die Eingeladenen zugegen.) und die Zeit, Arbeit und ermüdende Langeweile einer Delegiertenkonferenz nicht monetär entschädigt wurde (im Gegensatz zu dort regulär arbeitenden Journalisten), ließ Schraven in seiner Kritik nicht gelten.

Was geschah nun in Erfurt und im Netz? Aus knapp 50 eingegangenen Bewerbungen hatten die Grünen Lukas Heinser aus Bochum, Jens Matheuszik, Schreiber des Pottblog und Mitglied im Vorstand der SPD-Olfen, den Kölner Ekrem Senol vom Jurblog, Regine Heidorn aus Berlin (http://) und mich, Popkultur- und Modebloggerin aus Kreuzberg, ausgewählt, die der Einladung aus Neugier und Interesse an Politik im Netz folgten.

An den Tischen des Pressebereichs in der Erfurter Messehalle angekommen, illustrierte die erste Feststellung prompt das Verhältnis von Bloggern und Journalisten: Die Schilder, die fünf Plätze für die Blogger reserviert hatten, waren von den Journalistenkollegen entfernt worden und diese Plätze eingenommen. Die erste, und vorerst einzige Frage eines Journalisten an uns lautete kurze Zeit später: „Ihr seid also diese Blogger?“ Dann brach die Öde einer Bundesdelegiertenkonferenz über uns herein. Für Parteiexterne sind die Prozedere einer solchen Zusammenkunft nur schwer zu durchschauen, die endlosen Abstimmungsprozesse über Anträge und Änderungsanträge wenig interessant und wenig berichtenswert. Den Journalisten schien es ähnlich zu gehen. Diese lieferten sich nach der Wahl von Cem Özdemir zum Bundesvorsitzenden der Partei einem Kreativwettbwerb um die schönste Überschrift zum Özdemir-Obama-Vergleich. „Ein bisschen Obama“, „Ein Hauch von Obama“, „Der Bonsai-Obama“ oder das unvermeidbare „Yes, we Cem“ – die journalistische Berichterstattung über einen Parteitag ist unverzichtbar für Artikel und Analysen zu den Hauptereignissen der Konferenz, für Kreativität und Unterhaltung steht sie nicht.

Aus dieser Sicht durfte man die anwesenden Blogger sicherlich als Bereicherung des Mediengeschehens betrachten. Die Berichte erleuchteten Winkel des Geschehens, in die keine Fernsehkamera vordrang. Live-Blogging, von Emotionen geleitetes Twittern, augenzwinkernde Randbemerkungen und Erlebnisberichte über einen Zusammenstoß mit Claudia Roth, zahlreiche Video und Fotos beschrieben in der Summe die Bundesdelegiertenkonferenz vor allem atmosphärisch und humoristisch. Die gefühlsbetonte Seite des Parteitages im Netz wurde aber auch von den Grünen selbst mitgetragen. Wer bei Twitter den Kurztexten von Delegierten folgte, bekam einen umfassenden Einblick ins grüne Geschehen. Man äußert sich unverblümt und ehrlich. Während aus einem Kanal die Rede von Claudia Roth begeistert kommeniert wurde, drückte ein anderer Enttäuschung darüber aus, äußerte sich gelangweilt oder sogar zynisch. Es wurde beglückwünscht, gefragt und scharf geschossen. Die Grünen nutzen das Netz nicht nur, um über ihre Wähler zu lernen, sie lernen sich hier auch einander besser kennen. Doch das durchaus spannende Twittergeschehen drang an diesen Tagen nur bis zu den Bloggern vor. Nachdem sich als einziger Journalist Rainer Hartmann vom SWR-Rundfunk persönlich den Bloggern genähert und diese für einen Radiobeitrag befragt hatte, traute sich kurz vor Ende des Parteitages am Sonntag auch ein Onlineredakteur einer großen Tageszeitung zu der konspirativen Gruppe herüber. Auf Nachfrage, womit wir die letzten Tage verbracht hatten, zauberte das Wort Twitter zunächst ein Fragezeichen auf die Stirn des Redakteurs. Weder hatte er von dem Microblogging-Serice gehört, noch ihn ausprobiert. Dies mag verwundern, hatte sein Blatt doch über die ersten Tweets von Hubertus Heil berichtet und sie als peinlich tituliert. Darüber, dass die weibliche Fraktion der Blogger ihm nun Twitter erklärte, berichtete der Journalist nicht.

Zwei Stunden später verließen Delegierte, Journalisten und Blogger die Messehallen in Erfurt. David Schraven hatte zu seiner Befürchtung einer erkauften Bericherstattung und deren positive Wirkung für die Grüne Partei waren zu diesem Zeitpunkt nichts mehr zu sagen. Zu den geäußerten Bedenken vor der Konferenz folgte nach dieser kein Fazit. Lediglich die Netzzeitung, der SWR-Rundfunk und die in Deutschland immer noch relativ lautlos operierende Blogosphäre berichteten über die Aktion der Grünen. Der größte Anteil an der Leserschaft der berichtetenden Blogger waren an diesen Tagen die Grünen selbst. Partei und Blogger hatten sich ein wenig näher kennengelernt. Nicht mehr, nicht weniger.

Jetzt glauben, dass die Grünen sich von ein paar Blogbeiträgen einen positiven Effekt auf Wahlergebnisse versprachen, kann nur, wer die politische Kommunikation im Netz falsch einschätzt. Mit Obama, dem Netz und den deutschen Bloggern gewinnt man in der Bundesrepublik keine Wahlen. Dass nun eine Partei die Initiative ergriffen hat, den Kontakt mit der Blogosphäre zu suchen, damit irgendwann neben Politikern und Medien die Meinungen der Bürger im Netz Gewicht entfalten können, ist zukunftsweisend und lobenswert. Die Grünen kennen das Potenzial der Kommunikation im Netz zu gut, als dem Trugschluss aufzusitzen, durch Anwesenheit von Bloggern auf Parteitagen einen signifikanten Stimmgewinn einzufahren. Sie gestehen ihren Wählern im Netz zu, anhand von Inhalten zu entscheiden. Die Webcommunity ist nur wenig durch teure und innovative Webauftritte oder den Dialog mit Bloggern zu beeindrucken. Inhalte zählen. Das erste wichtige inhaltliche Argument hat Malte Spitz vom Bundesvorstand der Grünen bereits in Erfurt formuliert: „Ich persönlich glaube, dass man einen erfolgreichen Online-Wahlkampf mit netzpolitischen Themen verknüpfen muss. Man muss auch für die Freiheit des Netzes kämpfen und darf es nicht nur einmalig für den Wahlkampf für seine Zwecke nutzen.“ "Keine Kompromisse beim Datenschutz", lautet die Prämisse der Grünen für ihre Kampagne. Aber auch das wird im Netzgeschehen nur eines von vielen Themen während des Wahlkampfes sein.
 

00:00 05.02.2009

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