Bloß kein Krieg der Sterne!

Raumfahrt Die Regierungen überlassen das Weltall der privaten Hand. Deshalb braucht auch die kosmische Weite: Gesetze!

Es wird vielleicht nicht mehr lange dauern. Schon in zwanzig Jahren könnte der Mensch ein steter Gast auf dem roten Planeten sein, eine Forschungsstation errichten, in der kleine Reaktoren Sauerstoff und Wasser produzieren. Je intensiver der Planet erforscht wird, je mehr Experimente Wissenschaftler unternehmen, desto eher könnte man dem Mars seine lebensfeindlichen Züge nehmen. Womöglich gelingt es, einen Treibhauseffekt auszulösen. Die Marsatmosphäre wird wärmer, das im Marsboden gefrorene CO2 verdampft, die Temperatur steigt, noch mehr CO2 verdampft – Algen können angesiedelt werden und produzieren jetzt auf natürliche Weise Sauerstoff. Bald treffen die ersten Touristen von der Erde ein. Sie wohnen in Marshotels und unternehmen Ausflüge über den roten Planeten. Ein friedliches Resultat menschlichen Forscherdranges!

Ob es so friedlich kommt , wenn die extraterrestrische Expansion der Menschheit in wenigen Jahrzehnten wahr wird, ist allerdings mehr als fraglich. Zwar gilt der Weltraum gerade in der Öffentlichkeit noch immer als Ort und als Objekt der Wissenschaft. Aber so wenig wie die Erde sind auch Planeten und Monde vor politischen Umtrieben sicher. In der Zeitschrift Space Policy schilderten Wissenschaftler um den amerikanischen Wade L. Huntley von der US Naval Postgraduate School im kalifornischen Monterey jüngst drei mögliche, deutlich anders geartete Zukunftsszenarien für die kommenden Jahrzehnte. Die drei Szenarien gehen von einem wachsendem Mangel an Energie und Nahrung oder von massivem technologischen Fortschritt als Triebfeder für die Exploration des Weltraums aus. Und sie führen geradewegs hinein in die globale Krise oder gar zu einem neuen Kalten Krieg im All – sofern nicht zeitig genug ein rechtlicher Rahmen geschaffen wird, der für alle beteiligten Staaten verbindlich ist.

Diese Notwendigkeit, das stellen auch die Forscher in ihren Szenarios fest, wird umso mehr ins Gewicht fallen, wenn das überirdische Schicksal der Menschheit künftig stärker in privater Hand liegt. Einen erstes Signal gab im April US-Präsident Barack Obama, als er den zuvor undenkbaren Rückzug der Nasa aus der bemannten Raumfahrt ankündigte. Obamas Ziel bleibt, dass sein Land innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte Menschen auf einen Marsspaziergang schickt. Nur sieht er nicht mehr allein die Politik in der Verantwortung, dies zu ermöglichen. Eine Haltung, die von alten Haudegen wie Neil Armstrong rigoros abgelehnt wird: Wenn die USA ihre durch die eigenen Investitionen errungene Führungsrolle aufgebe, warnte Armstrong, dann würden andere Nationen „dort einsteigen, wo wir gezögert haben“.

Private Investoren im Weltall

Doch die Zeiten haben sich längst geändert: War die Zahl der Akteure im Weltraum zum Zeitpunkt der ersten Mondlandung noch überschaubar, ein Wettlauf zwischen zwei Supermächten, also den USA und der Sowjetunion, so sind heute bereits viele weitere Länder, darunter China, Israel, Iran, Indien oder Japan, im Weltraum aktiv. Hinzu gesellt sich eine wachsende Zahl kommerzieller Aktivitäten. Für Unternehmer ist Obamas Weltraumprogramm die Chance, insbesondere mit Weltraumtourismus Geschäfte zu machen.

Der Mond ist ohnehin schon keine Arena der Staaten mehr: Die X-Prize Foundation und Google haben bereits vor drei Jahren einen Preis, den „Google Lunar X Prize“, für den ersten privaten Rover ausgeschrieben, der über den Mond fährt. Die US-amerikanische Lunar Republic Society verkauft mittlweile seit mehr als zehn Jahren Grundstücke auf dem Mond. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis weitere private Investoren ihren Aktionsradius im All ausweiten und auch ihre Claims auf dem Mars abstecken.

Insofern sind Konflikte zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik tatsächlich vorprogrammiert – sofern nicht rechtzeitig Gesetze fürs All beschlossen werden. Eine mögliche Vorlage existiert tatsächlich auch schon, und zwar seit mehreren Jahrzehnten. Der Mondvertrag von 1979 soll die beschriebenen Konflikte verhindern. Doch obwohl der United Nations Office for Outer Space Affairs (UNOOSA) seit über 30 Jahren für seine Ratifizierung wirbt, haben das erst 13 Länder geschafft, von denen keine zu den führenden Raumfahrtnationen zählt.

Die Vereinbarung von 1979 ist eine Ergänzung des Weltraumvertrages, der seit 1967 die Okkupation von Himmelskörpern und die Nutzung von Massenvernichtungswaffen im Weltraum verbietet. Der Mondvertrag geht weit darüber hinaus: Er schreibt beispielsweise vor, dass die Vertragsländer das ökologische Gleichgewicht im Weltraum erhalten. Steigt ein Astronaut aus einem Raumschiff, muss er sicherstellen, dass er keine irdischen Bakterien oder Viren im All verbreitet. Die Unterzeichner stimmen außerdem zu, eine internationale Instanz zu schaffen, welche die Gewinnung von Rohstoffen auf Himmelskörpern regelt. Der Mond und andere Himmelskörper gelten als gemeinsames Erbe der Menschheit, dessen Bodenschätze allen zugute kommen sollen.

Der letzte Punkt war lange Zeit einer der Hauptkritikpunkte von Seiten der Industriestaaten. „Sie hatten die Diskussion um die Seerechtskonvention vor Augen“, sagt der Direktor des European Space Policy Institute (ESPI), Kai-Uwe Schrogl, in Wien. „Die Industriestaaten fürchteten, dass ihre Unternehmen trotz hoher Investitionen am Ende keinen Profit einfahren“. Die Mond-Vereinbarung schließt eine privatwirtschaftliche Ausbeutung von Ressourcen wie Bodenschätzen allerdings nicht aus. Sie schreibt auch nicht vor, wie die Instanz aussehen soll, die solche Ausbeutungen reguliert. „Die Mondvereinbarung ist flexibel”, sagt Niklas Hedman, Leiter der Abteilung Committee Services and Research im UNOOSA. „Man berücksichtigte, dass sich Interessen mit Entdeckungen und Technologien ändern“.

Inzwischen sind die Ängste der Industriestaaten daher weitgehend ausgeräumt. Was zugleich die Frage aufwirft, warum der Mondvertrag keine weiteren Unterzeichner findet. „Keiner weiß so recht, weshalb ein Land wie Deutschland die Vereinbarung nicht ratifiziert“, sagt Kai-Uwe Schrogl. „Vermutlich sehen die Staaten keine Dringlichkeit; sie denken, wenn es nicht unbedingt nötig ist, lassen wir die Finger von mühsamen Ratifizierungsprozessen“.

Dabei bleibt der Wille ins Weltall aufzubrechen ganz offensichtlich ungebrochen. So werden Anfang Juni ein Franzose, ein Italiener, drei Russen und ein Chinese einen Bunker in der Nähe von Moskau beziehen, um die recht langwierige Reise zum Mars zu simulieren. Insgesamt werden die sechs Pseudokosmonauten ihren Bunker für einen Zeitraum von 520 Tagen nicht verlassen – also für knapp eineinhalb Jahre. So lange dauern Hin- und Rückreise inklusive vier Wochen theoretischer Aufenthalt auf dem Mars. Davor und danach sollen die Versuchspersonen das Durchhalten lernen, kritische Situationen und medizinische Notfälle inbegriffen. Nicht gerade die Eckdaten eines Erholungsurlaubs, aber der Aufwand des Experiemnts unterstreicht die Zielsetzung. Der Mars ist nicht aus den Augen.

Energie ohne Strahlung

Niklas Hedman versteht daher, dass viele andere Staaten den Ratifizierungsprozess doch gern beschleunigt sähen. „Die Entwicklungsländer sehen sehr wohl eine Dringlichkeit.“ Sie befürchten, den Weltraumaktivitäten der reichen Länder nicht folgen zu können, wenn sie – wie Experten es durchaus für plausibel halten – eines Tages eigene Raumfahrtprogramme entwickelt. Auf dem Mond gibt es beispielsweise vergleichsweise große Mengen von leichtem Helium, genannt Helium-3, einem begehrten Stoff für die Entwicklung und mutmaßlich auch für den späteren Betrieb von Kernfusionsreaktoren, die ohne Radioaktivität ­saubere Energie liefern. Russische Wissenschaftler hatten bereits 2006 angekündigt, bis 2020 Helium-3 abbauen zu wollen. Frank Schätzing beschreibt in seinem Roman Limit sogar einen Energiekrieg zwischen USA und China um das Mondhelium. Auf dem Mond gibt es aber auch Eisen und Nickel sowie seltene Stoffe wie Iridium.

Es ist nicht verwunderlich, dass ärmere Länder, die sich Raumfahrtprogramme bisher nicht, oder vielleicht auch nie leisten können, nervös werden. Weil eben so viele Nationen keine Ratifizierungsprozess des Mondvertrages anstrengen, beschlossen vor zwei Jahren UN-Delegierte aus sechs Ländern, darunter Mexiko und Pakistan, eine gemeinsame Erklärung über die Vorteile der Mondvereinbarung abzugeben. Der Vertrag verbietet zum Beispiel die Entwicklung und Nutzung jeglicher Waffensysteme auf allen Himmelskörpern. Er regelt die Errichtung von Mond- oder Marsstationen, aber auch die Sicherheit von Astronauten und ihren Gerätschaften. Wenn ein Astronaut auf dem Mars unterwegs ist und sein Vehikel den Geist aufgibt, darf er die Gerätschaften anderer Nationen nutzen, um sich in Sicherheit zu bringen. In der Vereinbarung steht auch, dass Staaten keine Ansprüche auf Eigentum im Weltraum haben – auch nicht Privatpersonen.

Wilder Westen auf dem Mond

Aber eben das sehen vor allem die Unternehmer anders. Vertreter der Lunar Republic Society behaupten, Weltraumverträge seien für Länder vorgesehen, nicht für Privatgesellschaften. „Der Mond ist die künftige Wildnis“, meint David J. Brenner von der Society. „Dort gilt das gleiche wie für die Besiedlung Nordamerikas: Wer ein Land beansprucht, dem gehört es mitsamt Bodenschätzen“. Das Unternehmen hat inzwischen 300.000 Hektar Mondland verkauft – an Kunden wie den inzwischen verstorbenen Michael Jackson und Yoko Ono. „Für die meisten ist es ein symbolischer Akt, aber sie glauben auch, dass der Mond für die Besiedlung des Weltraumes eine große Rolle spielen wird“, sagt Brenner.

Experten sind sich aber einig, dass die Lunar Republic Society keine rechtliche Grundlage für ihre Besitzansprüche hat. „Das Völkerrecht wird zwischen Ländern abgeschlossen und gilt damit natürlich auch für Unternehmen“, sagt Niklas Hedman. „Die Länder selbst stehen in der Verantwortung, das Völkerrecht umzusetzen.“ Die heutigen Mondbürger haben keinen Anspruch auf die Schätze, die auf „ihren“ Grundstücken lagern – sie gehören laut Mondvertrag der Menschheit.

Was aber bedeutet das genau? So wichtig der Mondvertrag als erste Hürde zu einer rechtlichen Ordnung im Kosmos erscheint, so wird er vermutlich nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Je näher die Menschheit dem Zeitpunkt rückt, an dem Reisen ins All nicht allein den Pionieren vorbehalten sind, desto konkreter müssen die Pläne für eine Gesetzgebung werden „Es gibt für verschiedene staatsfreie Räume wie die hohe See oder die Antarktis spezielle Nutzungsordnungen“, sagt Stephan Hobe, Direktor des Instituts für Luft- und Weltraumrecht an der Universität Köln. „Wir haben nicht ansatzweise eine solche Ordnung für den Weltraum“. Der Mond beispielsweise könne wie ein Naturpark gehandhabt werden: Wer nach Rohstoffen bohren wolle, benötige eine Lizenz. Interessierte Unternehmen müssten ihre eigene Technik entwickeln, um sich die Erträge anzueignen. Das würde den Staaten eine Menge Geld sparen und sie von Risiken entbinden – die Lizenzgebühren könnten auch an Entwicklungsländer verteilt werden. Was alles nicht mehr so erhebend klingt, wie ein Urlaub auf dem Mars. Aber doch immerhin recht vernünftig.

17:10 26.05.2010

Kommentare