Bloß keine Illusionen

Instrumentenkasten "Quo Vadis, Amerika" - ein Sammelband über die USA dämpft allzu große Hoffnungen auf einen Politikwechsel nach den Präsidentschaftswahlen

Zu den Erinnerungen deutscher Kriegskinder, auch in Teilen der späteren DDR, gehört der Einmarsch amerikanischer Truppen in Städte des besiegten Nazireiches. Im thüringischen Altenburg geschah das im Stil eines Wanderzirkus: Schokolade und Kaugummi flogen umher, auf einem Militärfahrzeug hatten GIs eine lebensgroße Pappfigur befestigt: eine nackte Frau!

Selbst wenn solche Erinnerungen einiges verklären, verdeutlichen sie schlaglichtartig, dass Amerika lange ein anderes Bild symbolisierte, als man sich heute nach sieben Jahren "Krieg gegen den Terror" und systematischer Rechtsverletzungen durch die Regierung Bush vorstellen kann.

Der "New Deal" der dreißiger Jahre zum Beispiel gilt als die fortschrittlichste Epoche der US-Geschichte. Und als Franklin D. Roosevelt sein Land damals auf den Kriegseintritt vorbereitete, geschah das zwar gegen seine Wahlversprechen und gegen eine zunächst starke isolationistische Strömung in Kongress und Bevölkerung, fand zuletzt aber breite Unterstützung. Nun aber sind laut Umfragen sogar 80 Prozent der Amerikaner der Meinung, dass sich ihr Land auf einem Irrweg befindet. Gibt es also berechtigte Hoffnung, dass die US-Präsidentschaftswahlen am 4. November einen echten Kurswechsel einleiten, hin zu jenem anderen, besseren Amerika?

Dieser Frage widmet sich jetzt der Essayband Quo vadis, Amerika?. 25 Autoren unterschiedlichster Weltsicht analysieren in teils brillanten, teils streitbaren Beiträgen den "Instrumentenkasten", aus dem sich der nächste US-Präsident vermutlich bedienen wird. Um es gleich vorweg zu nehmen: Hoffnungen auf ein völlig neues, gewandeltes Amerika nach George W. Bush nährt dieses Buch nicht. Illusionen sind fehl am Platze.

Dennoch ist nicht jeder negativen Einschätzung zuzustimmen. Zumal wenn suggeriert werden soll, der Wahlausgang sei letztlich bedeutungslos, weil weder der Republikaner John McCain noch der Demokrat Barack Obama die amerikanische Außenpolitik ändern können. Das versucht der neokonservative McCain-Berater Robert Kagan, indem er historisch korrekt an das tief verwurzelte "Schwarz-Weiß-Denken" amerikanischer Politiker erinnert, wonach die USA alleine die endgültige Wahrheit über die richtige Konstruktion einer Gesellschaft besitzt. Tatsächlich macht ja sogar der als liberal geltende Obama immer wieder deutlich, dass für ihn "die USA im Großen und Ganzen für das Gute in der Welt stehen." Aber Vorsicht! Die kleinen, aber feinen Unterschiede zwischen den Präsidentschaftsbewerbern McCain und Obama dürfen auch nicht ignoriert werden! Entscheiden solche Unterschiede im Ernstfall doch über Krieg oder Frieden, über Marschbefehl oder diplomatische Lösung.

Hätte John F. Kennedy noch dem starren strategischen Denken Eisenhowers angehangen und nicht auf mehr politische Beweglichkeit gesetzt, wer weiß, wie die Kuba-Krise geendet hätte. Wäre George W. Bush wenigstens so klug gewesen wie sein Vater im ersten Golfkrieg, das Irak-Desaster wäre der Welt erspart geblieben. Mehr noch: Matthew Yglesias weist darauf hin, dass es John McCain war und nicht Barack Obama, der bereits 1999 in einer Rede an der Kansas State University von "Schurkenstaaten" und Präventiv-Kriegen schwadronierte. Yglesias: "Was McCain da vortrug, war kurz gesagt die Quintessenz der Bush-Doktrin - und das mehrere Jahre vor Bush". Der Autor bezeichnet McCain gar als "herausragendsten Verfechter einer imperialen Auffassung der amerikanischen Weltrolle seit Teddy Roosevelt". Wohl zu Recht, denn Theodore Roosevelt (Präsident von 1901 bis 1909) lockerte die isolationistische "Monroe-Doktrin" so weit, dass Militärinterventionen in Lateinamerika fortan als legitimes Mittel der amerikanischen Außenpolitik galten. Heute, so ist anzufügen, liefert McCains Idee eines weltweiten "Bundes der Demokratien" die institutionelle Grundlage für eine solche Politik, weil sie die UN als Korrektiv in die Bedeutungslosigkeit drängen soll. McCain, so ist zu vermuten, hat ähnlich wie der jetzige Präsident nicht einmal im Ansatz begriffen, das die historisch kurze Phase der "unipolaren Weltlage", in der Amerika nach dem Ende des Ostblocks die einzige übrig gebliebene Führungsmacht war, irgendwann endet. Im Vergleich zu solch gewohnheitsmäßigem Säbelrasseln sind die politischen Ambitionen des Hoffnungsträgers der Demokraten, Barack Obama, deutlich rationaler.

Doch hat der Mann, den der Spiegel zum Superstar der Deutschen kürte, das Zeug zum "schwarzen Kennedy", wie manche hoffen? Hier gibt der Sammelband leider wenig konkrete Antworten, zumal gerade der schon einmal bemühte Vergleich mit Kennedy das schwer Fassbare an diesem Politikertyp deutlich macht. Schließlich hat es "JFK" wohl nur seinem frühen Tod zu "verdanken", dass nicht er, sondern sein Nachfolger Lyndon B. Johnson zur Inkarnation des Vietnam-Krieges wurde. Trotzdem muss der arg pauschalen Negativcharakterisierung von Obamas außenpolitischen Plänen in dem Beitrag von Hauke Ritz wiedersprochen werden. Ritz stellt die gewagte These auf, Obama plane einen neuen "Kalten Krieg" gegen Russland. Zur Begründung führt Ritz alleine an, dass Obamas Berater Zbigniew Brzezinski, ehemaliger Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter (1977-1981) diese Idee vertritt. Auf solch schmaler Basis erscheint diese Schlussfolgerung jedoch höchst unseriös, zumal bisher eher McCain als "Russland-Fresser" auffällt. Unvergessen seine provokative Äußerung, er sehe bei einem Blick in Putins Augen nichts als drei Buchstaben: "K, G und B". Von anderem Kaliber ist da der Essay von William R. Polk. Aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Aufstandsbewegungen von der amerikanischen Revolution bis zum Irak bilanziert Polk nüchtern, "dass selbst massiver Gewalteinsatz" von Besatzungstruppen "nichts bringt. Und zwar nie." Barack Obama hat zumindest das schon verstanden, wenn auch nur im Falle Irak.

Quo vadis, Amerika? Die Welt nach Bush. Mit Beiträgen von Coral Bell, Norman Birnbaum, Al Gore, William Kristol, Barack Obama, Immanuel Wallerstein, Naomi Wolf u.a. Edition Blätter, Berlin 2008, 288 S., 12 EUR

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