Bloß keine komischen Gefühle

Nach der Shoa Der Holocaust wurde noch nie so sehr banalisiert wie heute. Claude Lanzmanns Film "Der letzte der Ungerechten" ist da umso wichtiger. Doch er hat keinen Verleih
Andrea Hanna Hünniger | Ausgabe 48/2013 13

#Cheapmonday #Holocaust #Feelgood #Zyklonb #Auschwitz #Interrailing #Fun. Das ist eine willkürliche Hashtag-Folge, also eine Kategorisierung der Fotoplattform Instagram, in der man unter anderen das Foto eines Mädchens sehen kann, das sich grinsend vor den Gaskammern in Auschwitz fotografiert hat. Über 50.000 solcher Selfies gibt es allein unter #Holocaust. Lachende Teenies fotografieren sich selbst. Im Hintergrund Treblinka, Buchenwald, Genickschussanlagen, Denkmäler. Wahrscheinlich ist der Holocaust noch nie so banalisiert worden und im Abenteuertourismus verschwunden wie heute. „Fun ist ein Stahlbad“, hieß es doch in der Dialektik der Aufklärung.

Während also diese Holocaust-Selfies zu Tausenden im Internet zu finden sind, hat der neue Film Der letzte der Ungerechten von Claude Lanzmann in Deutschland nicht einmal einen Verleih. Am vergangenen Sonntag hat der nun schon 87-jährige Regisseur dieses Werk in Berlin vorgestellt. Der letzte der Ungerechten ist ein Porträt von Benjamin Murmelstein, dem einzigen Überlebenden und letzten Judenältesten aus dem Ghetto von Theresienstadt. Die Rolle dieser Judenräte war es, die Befehle der Nationalsozialisten umzusetzen, gleichzeitig waren sie ihnen aber auch als Vertreter der Gefangenen ausgesetzt. Nach dem Krieg wurde ihnen gar eine Mitschuld gegeben, und der jüdische Religionshistoriker Gershom Sholem beispielsweise forderte für Murmelstein, der mit einiger Strenge Theresienstadt vor der Vernichtung zu bewahren versuchte, die Todesstrafe. So eine Forderung spricht vor allem für das Trauma und die tiefe Erschütterung menschlicher Ordnung.

Lanzmanns Film, der Benjamin Murmelstein erzählen lässt, wird über die bekannten Vertriebswege hier nicht in die Kinos kommen, weil kein Verleih glaubt, die nötigen 40.000 Zuschauer zu erreichen, die es bräuchte, um die rund 200.ooo Euro Vertriebskosten zu decken. #expensive. Der Film hatte Anfang des Jahres in Cannes Premiere.

Was das bedeutet? Nichts, was übersichtlich wäre. Der Umgang mit dem Holocaust ist dann easier, wenn man sich mit zehn Fotofiltern vor eine Gaskammer stellt und #interrailing #KZ drunterschreibt, statt wie Lanzmann das ungelöste Rätsel des 20. Jahrhunderts zu zeigen. Dass nämlich hatte er uns in seinen mehrstündigen Epen über die Shoa getan. „Sich zu erinnnern ist gefährlich“, sagt Murmelmann an einer Stelle in dem vierstündigen Film, der einen Sog entwickelt und ein großer Kinomoment ist.

Das ist ein Skandal, nicht nur ein deutscher, und er erzählt von einem Markt, der ohne den Knall in den ersten 15 Minuten an keinem Film mehr interessiert ist. Er entlarvt ein Empfinden und einen Vertrieb, der nach der Masse von (zu erwartenden) Likes entscheidet, statt nach Dinglichkeit und Anstand. Insofern ähnelt der Filmmarkt manchmal genau dem Hipster auf Instagram, der sich und im Hintergrund die Gaskammer in goldene Retrofarben taucht, um bloß keine komischen Gefühle aufkommen zu lassen.

Vielleicht ist es ratsam, genau von diesem Betrieb Abstand zu nehmen und wie Jean-Luc Godard seine Filme eigenständig über das Internet zu vertreiben und endlich uns zu überlassen, was wir sehen dürfen und was nicht. „Die Vernichtung der Juden weltweit. Das verändert die Welt grundsätzlich“, das hat Benjamin Murmelstein auch gesagt. Die Leute sollten sich das anschauen dürfen.

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