Bluff nach Punkten

Geschleudert 30 Jahre "Uni-Angst und Uni-Bluff"

"Erzählt euch in eurem Studienkollektiv, wie ihr euch durch alle Anpassungsscheiße bis an die Uni durchgeschlagen habt," rät der Sozialwissenschaftler Wolf Wagner, denn das Studium muss Probleme lösen, "die deine eigenen sind". Dazu müssen sich die Studenten "zu Aktionen zusammenschließen und gegen die Verschulung des Studiums und die ganze obrigkeitsstaatliche Entwicklung kämpfen". Uni-Angst und Uni-Bluff war mehr als ein Uni-Ratgeber - es war eine Kampfschrift gegen die Einschüchterungsrituale, auf denen der akademische Habitus beruht.

Nein, so, wie er das vor 30 Jahren, 1977, geschrieben hat, möchte Wolf Wagner das heute nicht stehen lassen, und das kann man ihm nicht verdenken. Deshalb hat er seinen Bestseller Uni-Angst und Uni-Bluff - Untertitel: Wie studieren und sich nicht verlieren für die Neuauflage vollständig neu bearbeitet. Damals war er Assistent bei den Politologen in Berlin, heute ist er Professor an der Fachhochschule Erfurt, deren Rektor er zwischendurch einmal war.

Während Wagner seine Leser früher kumpelhaft mit dem Du umarmte, hat er sich heute aufs distanziertere Sie zurückgezogen. Die Erfahrungen von Studenten allerdings haben sich kaum verändert: Die scheinbar lockere Runde in der Mensa oder im Seminar besteht in Wirklichkeit aus angespannten Individuen, die Angst haben und diese Angst hinter distanziert-arrogantem Habitus verbergen. Noch immer hockt der Studierende nachts am Schreibtisch über seinem Referat - heute am Laptop, damals vor Karteikarten und Büchern, ist nicht wahnsinnig fleißig, sondern leidet an Arbeitsstörungen. In Seminaren und Vorlesungen wird nichts vermittelt, sondern nur die Beherrschung der akademischen Sprechweise eingeübt. Das kann er fast wörtlich aus der alten Auflage übernehmen.

1977 stand noch die Uni-Angst im Vordergrund: Der Student, die Studentin, die nichts versteht und sich nicht traut, dies einzugestehen. Heute steht für Wagner der Uni-Bluff im Vordergrund. Er hat ihn besser kennen gelernt und kann ihn subtil beschreiben - kein plumpes Täuschungsmanöver, sondern ein trickreiches Pokern um ein mittelmäßiges Blatt, sprich: mageres Halbwissen, das im Kreis der Mitspieler aufwertet, notwendig, um sich im akademischen Feld zu verkaufen.

Der Assistent von 1977 wollte die Studierenden dazu ermutigen, sich im Studium selbst zu finden, der Fachhochschulprofessor von heute stellt ihnen ganz wertfrei zwei Studien-Alternativen zur Auswahl: das Inhaltsstudium und das Aufstiegsstudium. Lohnt sich ein Studium auch finanziell? Auch dann, wenn Gebühren bezahlt werden? Auf jeden Fall, weiß Wagner, und: Man solle sich nicht durch die verlogenen Kampagnen gegen Gebühren einschüchtern lassen.

Kämpfte der Engagierte von 1977 noch gegen die Verschulung des damals geradezu anarchischen Studiums, findet er heute die Einführung des Bachelor-Kurzstudiums begrüßenswert, zumindest für die wie er wörtlich schreibt, "geringeren Begabungen". 1977 hatte Wagner versucht, die Kommunikationsstrukturen an der Uni als tauschwertfixierte Warenproduktion zu erklären. Da musste er schon heftig bluffend auf die Begriffsakrobatik der Wertformanalyse - Marx-Engels-Werke Band 23, erstes Kapitel - zurückgreifen. Heute wäre das einfacher - werden doch Studienleistungen in frei konvertierbaren Kreditpunkten ausgedrückt.

Wagner hat das Werkzeug der Kritik in der Klamottenkiste der Achtundsechziger abgelegt und begeistert sich für die Zerlegung des Studiums in Module und Credit Points: Endlich stünde nicht mehr das Lehrinteresse der Professoren im Vordergrund, sondern der Lernprozess der Studierenden. Gelingen könne das nur mit neuen Leitungsstrukturen, der unternehmensförmigen Stärkung der Position des Rektors, der die bornierten, nur an ihrem auf Bluff beruhenden Renommee interessierten Professoren eindämmt.

Das ist der Uni-Bluff aus den Papieren der Modernisierer im Centrum für Hochschulentwicklung und der Hochschulrektorenkonferenz. Dass der Bluff mit den unternehmerischen Leitungsstrukturen, dem bürokratischen Punktesystem und dem verschulten Bachelorstudium bei einem ehemals linken Aufklärer über den Uni-Bluff verfängt, kann einem schon Angst machen.

Sagen wir zum Schluss noch etwas Positives: Uni-Angst und Uni-Bluff ist immer noch ein gut und verständlich geschriebener Ratgeber für Studienanfänger.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare