Blühende Bauernhöfe

Im Gespräch Die Schriftstellerin Luo Lingyuan über deutsches Erzählen, chinesischen Nationalgeist und europäischen Reichtum

FREITAG: Frau Luo, welchen Unterschied macht es, wenn Sie auf deutsch schreiben?
LUO LINGYUAN: Auf Chinesisch geht es natürlich schneller. Wenn ich auf deutsch schreibe, kommt manchmal stundenlang kein Wort, ich denke langsamer. Gerade wenn ich über China schreibe wie in meinem Erzählungsband Du fliegst für meinen Sohn aus dem fünften Stock! fallen mir zuerst chinesische Bilder ein. Die muss ich dann für mich übersetzen. Meine Denkweise ist immer noch mehr chinesisch als deutsch.

Was wäre denn eine deutsche Denkweise?
Das Wort "Termin" kann man zum Beispiel nicht übersetzen. Wenn wir das auf chinesisch sagen, klingt es immer nach Rendezvous. Da zeigt sich eine unterschiedliche Art, miteinander zu kommunizieren. Chinesen sind neugieriger, sie stellen Fragen ohne Ende, über Eltern, Großeltern, Freunde, Geliebte, alles. Wenn ein Deutscher jemanden kennen lernt, sind ihm solche Fragen peinlich. Oder er glaubt, dass die dem anderen peinlich sind. Deutsche versuchen vorsichtig zu sein. Deswegen dauert es so lange, bis sie wirklich mit einem warm werden.

Was war dann der Impuls, in dieser Sprache zu schreiben?
Konkret war es ein Wettbewerb, an dem ich teilnehmen wollte. Zuvor hatte ich deutsche und europäische Bücher über China gelesen und das Gefühl, dass da etwas fehlt. China war nicht unbedingt falsch dargestellt, die Texte waren auch reflektiert, aber ich habe gemerkt, dass ich viel mehr erlebt habe. Es gibt Dinge, die man als Tourist nicht erleben kann. Solche Geschichten erfährt man nicht an einem Tag oder in einem Monat, sondern in Jahren. Man hat gesehen, wie ein Kind in der Nachbarschaft jahrelang verprügelt wurde und am Ende stirbt. Das sind Dinge, die ich nicht vergessen kann und die auch zum Leben in China gehören. Deshalb glaube ich, darüber schreiben zu müssen.

Welche Bücher von deutschen oder europäischen Autoren lesen sie denn?
Die Klassiker, Victor Hugo, Charles Dickens, die viel zu erzählen haben. Ich stehe in einer anderen Tradition. Wir Chinesen mögen es, in einer unheimlichen Dichte von reichen Charakteren zu erzählen. Hier wird in der Literatur reflektiert, analysiert und so weiter. In China sagt man, die Deutschen sind ganz tolle Philosophen und deshalb denken sie manchmal ein wenig zu tief. Für das Erzählen kann Philosophie hinderlich sein. Ich will ja nicht beleidigend sein, aber Thomas Mann, das ist mir zu trocken.

Deutsche Autoren können nicht erzählen.
Ja, aber wenn man die Kinderliteratur sieht, dann denkt man: das Potenzial ist doch da. Durch meine Tochter habe ich ganz wunderbare Sachen entdeckt, Paul Maar, Otfried Preussler, Der Räuber Grapsch von Gudrun Pausewang. Also eigentlich können die Autoren gut erzählen. Nur wenn sie glauben, dass sie für Erwachsene etwas Tolles machen sollen, dass nicht gelacht werden darf und alles immer ein bisschen schwermütig sein muss, dann wird es mit der Literatur nichts.

In ihrem Roman "Die chinesische Delegation" lebt die Reiseleiterin Sanya ein halbes Leben in Deutschland. Einmal sagt sie, dass Europa ihr eine Form der Freiheit ermöglicht hat, die es in China noch immer nicht gibt. Was verbinden Sie mit Europa darüber hinaus?
Durch die Ost-West-Wiedervereinigung macht sich Europa zum Vorbild. Die Trümmer des Kalten Kriegs sind weggeräumt, die Spuren der Trennung werden weniger. Dieser Frieden in 50 Jahren, dass man miteinander immer besser auskommt, das beeindruckt mich. Und natürlich die Stärke, der Reichtum, immer ganz vorn zu sein. Der Reichtum wird für Chinesen besonders auffällig in Westeuropa: an den Bauernhöfen, die so schön mit Blumen geschmückt sind, obwohl da kaum jemand wohnt. Hier ist der Bauer reich, in China rangiert er an der untersten Stufe der Hierarchie.

Gerade bei den Bauern ist der Wohlstand ja eine Folge sehr deutlicher Interessenpolitik. Und Reichtum sieht man als Deutscher zumeist eher kritisch.
Chinesen machen gerne Geschäfte und jetzt ist endlich die Zeit da, wo sie das können. Sie dürfen endlich, und deshalb ist es für viele erst mal erstrebenswert, reich zu sein. Das gilt auch für das Land als solches, es will wieder eine Nummer sein in der Welt. China hat erstaunlich viel geschluckt, ohne einen Krieg zu führen. Das Land wurde von Japanern und Europäern besetzt, das Volk von der eigenen Regierung unterdrückt, und dennoch gab es keinen Aufruhr. Daher kommt eine gewisse Vorsicht: Die Chinesen möchten nicht schon wieder reingelegt werden. Bei Geschäften verlangen sie, dass technisch zusammengearbeitet wird. Das Land soll nicht einfach nur eine Produktionsstätte für westliche Firmen sein.

Hierzulande macht gerade diese Seite an Chinas Aufstieg manchem Beobachter Angst.
Chinesen sind sehr empfindlich, wenn sie merken, dass die andere Seite sich überlegen fühlt. Dann versuchen sie, den anderen zu schikanieren, das Geschäft nicht zustande kommen zu lassen. Das ist vielleicht etwas Neues. Dass die Chinesen durch den Nationalgeist, der von der Regierung unterstützt wird, arroganter geworden sind. Früher waren sie nur bescheiden, bescheiden, bescheiden. Je stärker China sich fühlt, desto weniger Angst wird es vor der Außenwelt haben.

So ein Nationalgeist ist aber nicht dazu geeignet, die Sorgen besagter Beobachter zu zerstreuen.
Das chinesische Nationalgefühl unterscheidet sich sehr von dem des Dritten Reichs. Deutschland war angriffslustig, wollte immer mehr Raum erobern. China ist friedlich. Ich denke nicht, dass die Regierung vorhat, andere Länder anzugreifen. Das Land ist groß genug und hat schon so genügend Probleme. Der Nationalgeist ist ein Versuch, das Zusammenleben zu organisieren, in dem man ein gemeinsames Ziel ausgibt: die wirtschaftliche, technische und wissenschaftliche Stärke.

In Ihrer pragmatischen Auffassung wäre Nationalgefühl dann eine Art Placebo, das verabreicht wird, bis die wirtschaftliche oder politische Kraft fürs nötige Selbstbewusstsein sorgt.
Ich denke schon. In der erfolgreichen EU kann jedes Land verschieden sein in punkto Sprache und Lebensstil. Das kann man von den chinesischen Minderheiten nicht behaupten, was die Regierung gemerkt hat. Sie versucht, denen jetzt mehr Rechte zu geben. Sie dürfen ein Kind mehr bekommen und ihre Kultur stärker aufleben lassen, Tänze tanzen, Trachten tragen. Da ist aber noch vieles oberflächlich, Folklore. Wenn man eine gewisse Stärke erreicht hat, wenn ein Land reich und demokratisch ist, hat man Nationalismus nicht mehr nötig. Jeder weiß, dass das Gesetz funktioniert, und wenn etwas falsch gelaufen ist, wendet er sich ans Gesetz. Das ist in China noch nicht so. Deshalb braucht es den Nationalgeist, der alle ein wenig zusammenhält.

In Deutschland ist das Nationalgefühl nicht unproblematisch. Wie nehmen Sie dieses gebrochene Verhältnis wahr?
Es gibt ja die Neu-Nazis. Vor deren "Nationalgeist" hat man in China manchmal Angst, das hängt aber auch davon ab, wie darüber berichtet wird. Mein Eindruck ist, dass die nicht wirklich stark sind. Was mir auffällt: Die Chinesen sprechen mit viel mehr Liebe und Hoffnung über ihr Land. Deutschland dagegen ist reich, aber man jammert immer ein bisschen. Es gibt einen chinesischen Spruch, von einem, der ständig fürchtet, dass der Himmel runterfällt und deswegen den ganzen Tag schlecht gelaunt ist. So kommen mir die Deutschen vor. Was merkwürdig ist.

Inwiefern?
Die Menschen hier sind viel engagierter. Obwohl sie nicht zeigen, dass sie ihr Land lieben, setzen sie sich für es ein. Es gibt verschiedene Demonstrationen, da gehen Leute hin wie du und ich, die haben eine Meinung und an die glauben sie auch. Wenn sie meinen, sie müssten was für die Umwelt tun, dann achten sie auf ihr alltägliches Verhalten und erziehen ihre Kinder auch so. In China kümmert man sich nur um die Familie, Hauptsache, der Familie geht es gut.

Den Kommunismus hatte man sich aber anders vorgestellt.
Das ist ja auch eine falsche Idee: Das Land, dass allen gehört, gehört in Wirklichkeit keinem. Da versucht jeder herauszuholen, was er herausholen kann. Ich war nie wirklich vom Sozialismus begeistert. Die Idee ist gut, aber nicht sehr menschlich. Menschen haben einen gewissen Egoismus. Wenn etwas mit mir zu tun hat, wenn etwas mein Interesse betrifft, dann lege ich Wert drauf. Deshalb ist der Schutz des Privateigentums wichtig: Man hat eine direkte Liebe zu dem Stück Land. In China haben wir immer gesagt, dass hier in Deutschland ein sozialistisch-kapitalistisches Modell entstanden ist. Es gibt eine starke Mittelschicht, man achtet darauf das Geld ein bisschen zu verteilen. Es gibt keine wirklichen Bettler; in China gibt es Menschen, die nicht wissen, wo sie einen Cent für den Tag herbekommen, denen gibt das Land nichts.

Gerade diese Mittelschicht ist aber dabei sich aufzulösen, die Spanne zwischen arm und reich wird größer.
Das ist die Aufgabe der Politik, das zu regulieren.

Sie haben viele europäische Länder gesehen. Könnten Sie sich vorstellen, in einem anderen als Deutschland zu leben?
Es gibt ja überall ähnliche Werte, insofern sind die Unterschiede gering. Frankreich mag ich wegen der Literatur, die für Chinesen vielfältiger ist als die deutsche. In Italien strahlen die Menschen mehr Wärme aus. Die Deutschen sind vielleicht warmherzig, aber sie zeigen das nicht. Dafür machen sie ihre Arbeit sehr gut. Ich habe hier viel gelernt, weil ich häufiger Kritik bekommen habe, dass ich zu schlampig arbeite. Manchmal wurde ich dreimal auf einen Fehler hingewiesen. Und hab ihn doch wieder gemacht.

Das Gespräch führte Matthias Dell


Die Autorin Luo Lingyuan wurde 1963 im Südwesten Chinas geboren. Sie studierte Journalistik und Computerwissenschaft in Shanghai und lebt seit 1990 in Berlin. Seit 1992 veröffentlicht sie in chinesischen Zeitschriften. Nach einem auf deutsch verfassten Erzählungsband vor zwei Jahren, hat sie kürzlich ihren ersten Roman vorgelegt, in dem die Titel gebende "Chinesische Delegation" auf Europafahrt geht.


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00:00 06.04.2007

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