Blumiges

A–Z All diese Gefühle! Die da in uns ausgelöst werden. Und dieser Duft! Man möchte sich in ihnen, den Blumen, verlieren. Unser Wochenlexikon zum Valentinstag

A

Anna Blume Die Tatsache, dass man den Namen Anna „von hinten wie von vorne“ lesen kann, ist eine der Erkenntnisse, welche man aus dem dadaistischen Gedicht An Anna Blume von Kurt Schwitters gewinnen kann. Der deutsche Dichter und Künstler veröffentlichte die Liebeserklärung vor genau 100 Jahren und war damit nicht nur namensgebend für eine Vielzahl an Cafés und Blumenläden, sondern inspirierte auch die süddeutsche Rap-Szene der 90er Jahre rund um Max Herre (Nick Cave) und seinen Freundeskreis.

1996, als Artikel und Präpositionen genauso zum Rap gehörten wie Flows und Delivery, veröffentlichten sie den Song A-N-N-A, in dem in aller Oldschool-Manier eine etwas kitschige, im Regen stattfindende Liebesgeschichte gerappt wird. Anna, welche für den Erzähler so ist wie Pinsel für Picasso oder die Dialektik für Hegel, lässt kein Happy End zu und beendet die Geschichte, indem sie in den Bus einsteigt und den Protagonisten alleine zurücklässt.Gabor Farkasch

B

Benjamin Blümchen Blumig sind meine Erinnerungen an das graue Rüsseltier, Star meiner Kindheit. Stundenlang hörte ich die Folgen über den sprechenden Elefanten im Neustädter Zoo, seinem Freund Otto (der später von einer Frau eingesprochen wurde), Wärter Karl, Zoodirektor Tierlieb und der rasenden Reporterin Karla Kolumna. In den Geschichten siegte immer die Gerechtigkeit, wurde noch ein blöder Krankenhausaufenthalt optimistisch verarztet. Haben diese Hörspiele meine politische Bildung beeinflusst?

2005 veröffentlichte der Politikwissenschaftler Gerd Strohmeier eine Arbeit über den Einfluss von Kinderhörspielen ( Anna Blume) auf die politische Sozialisation. Sein Resümee, die äußerst erfolgreichen Hörspiele von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg verdienten keineswegs das Prädikat „wertvoll“. Das Ergebnis ärgerte mich, denn meine menschlichen Koordinaten, die habe ich mir eben auch erhört. Jan C. Behmann

Blümeln „Die Bienen blümeln, wenn sie aus den Blumen eintragen“, kann man in Adelungs Grammatisch-kritischem Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart lesen. Eine übertragene Bedeutung nennt das Lexikon, das zwischen 1793 und 1801 entstand, eigentümlicherweise nicht. Kurze Zeit später wird Friedrich Schleiermacher, ein Übervater der Auslegekunst, das „Blümeln“ ganz selbstverständlich auf die Lektüre übertragen.

Wer blümelt, bewegt sich von Text zu Text, so wie Bienen von Blüte zu Blüte fliegen, und misst nur denjenigen Stellen Bedeutung zu, die er für besonders gelungen hält. Und schon Johann Gottfried Herders Blumenlese aus morgenländischen Dichtern konnte sich in eine reiche Tradition einreihen. „Florilegien“ heißen Kompendien mit Auszügen aus Texten antiker und zeitgenössischer Autoren seit dem Mittelalter. Verwendet wurden sie im Schulunterricht, sie dienten Schriftstellern und Redenschreibern aber auch häufig als Zitatenschatz. Dass einer das Werk, aus dem er zitiert, gar nicht wirklich kennt, er vielmehr unverblümt mit der Belesenheit anderer prahlt, ist ein Verdacht, der seither jene besonders plagen muss, die sich selbst für sapiosexuell halten. Obacht also, wenn das Date allzu virtuos mit schlauen Zitaten jongliert. Mladen Gladić

D

Dandy Für den irischen Dichter Oscar Wilde war die Boutonnière, die Blume, die er stets im Reversknopfloch trug, die einzige Verbindung zwischen Natur und Kunst, die er gelten ließ. „Ich habe nie Appetit, wenn ich nicht zuerst eine Blume fürs Knopfloch habe“,lautet das entsprechende Bekenntnis zum Ästhetizismus. Der englische Sänger Morrissey betrat selten ohne ganze Blumensträuße in der Hand die Bühne. Nirgendwo ist das Dandytum in seiner ambivalenten Liebe zum Floralen allerdings so vollendet zu sich gekommen wie in der Figur des Des Esseintes in Huysmans’ programmatischem Urtext der Dekadenzdichtung À rebours von 1884: Sammelte der Herzog zunächst künstliche Blumen, die die wirklichen nachäfften, wollte er schließlich nur noch natürliche, die falsche nachahmten. Tilman Ezra Mühlenberg

Deflorieren Deflorieren bedeutet, „der Blüte berauben“. Eigentlich wird das der Sache nicht gerecht, weil diese – von der Machart her – eher mit „Die Blüte bewässern“ beschrieben wäre. Schon immer wurde alles, was mit Jungfernschaft zu tun hat, sehr verschleiert ausgedrückt. Höchst verwirrend, denn es waren die Männer, die einerseits raubten, sich andererseits beraubt fühlten: der Gewissheit nämlich, der Erste und Unvergleichliche zu sein. Ach, das ist lange her? Im Netz gibt’s Anzeigen, die anbieten, einen aktuellen Bedarf an erneuter Flechtung des Jungfernkranzes zu befriedigen, damit der Familienfrieden wiederhergestellt ist. Es fragt sich, ob da nicht von florierender „Refloration“ gesprochen werden könnte, das klingt so schön verblümt (unverblümt). Magda Geisler

Rosenbett Seit Jon Bon Jovi seiner Angebeteten im Song Bed of Roses versprach, ihren Körper auf stacheligen Rosengewächsen zu betten, zweifle ich stark an den romantischen Fähigkeiten des Beaus. Wie man sich bettet, so liegt man, pflegt Oma zu sagen. Soll heißen: Wer sich auf eine Beziehung einlässt mit einem, der den Schlaf auf Rosen für ein verzückendes Versprechen hält, sollte sich auf einiges gefasst machen. Wozu Rosen? Komfortabler klingt ein Bett aus Amaryllisblüten. Herrgott, im Zweifelsfall wähle man große Orchideen!

Wie überhaupt konnte die Rose die Blume der Liebe werden, steht sie in der christlichen Ikonografie nicht für das Leid Christi? „Ich will dir viel Leid bereiten“, singt Jon seiner Liebsten also vor. Danke, Jon. Aber nein danke! Marlen Hobrack

R

Nick Cave Where the Wild Roses Grow war sein erster wirklicher Hit und womöglich lag das an Kylie Minogue. Das Stück aus dem 1996er-Album Murder Ballads ist herrlich entrückter, morbider Märchen-Pop (Rosenbett). Eine Mörderballade, schließlich geht es um einen Mann, der mit einem Stein seine Geliebte umbringt, der man nach ihrem Tod den letzten Namen „The wild rose“ gibt. „They call me the wild rose, but my name was Elisa Day.“ Um die Rose als Symbol der Schönheit und Leidenschaft geht es in diesem Stück, um das Vergehen von Unschuld – und darum, dass alle Schönheit einmal sterben muss: „All beauty must die.“ Where the Wild Roses Grow chartete prächtig. Platz 2 in Australien. Platz 3 in Schweden, Norwegen und Belgien. Marc Peschke

N

Mehrdeutigkeiten In der Botanik ist eine Blume klar definiert als jener Teil von Blütenpflanzen, der die Bestäuber anlockt. Im Alltag nennt man Blütenpflanzen oder nur Einzelblüten schlicht Blumen. Aber es gibt so viele Mehrdeutigkeiten! So wachsen auf der Biertulpe und dem Humpen Blumen als Schaumkronen. Das Pummelschwänzchen des Hasen heißt Blume und als Nachnamen (Anna Blume) gibt es sie auch. Das französische „fleur“ kann die Außenseite des Fells, einen Schimmelpilzüberzug bezeichnen, als Vorname fungieren. Im Italienischen bedeutet „fiore“ über die Blütenpflanze hinaus Kreuz und Eichel.

Auf die Blume spielt James Joyce’ Held in Ulysses an: Leopold Bloom. An diesen wiederum lehnt das Autorenkollektiv Tiqqun seine kapitalismuskritische Theorie vom Bloom an. Wie dieser gedankenlos durch Dublin streift, läuft heute auch der moderne „sonderbare Mensch“ durch eine „Welt autoritärer Warenwirtschaft“. Da kann einem ganz schön blümerant werden.Tobias Prüwer

M

Kräuterviagra In Indien gibt es krasse Kräuter. Zum Beispiel Safed Musli. Es wird angeblich schon seit der Antike als Medizin eingesetzt, heutzutage auch als Powerkraut für Bodybuilder, zur Steigerung der Vitalität und zur Verbesserung der sexuellen Leistungsfähigkeit verwendet. Männer schwören drauf, obwohl es keine verlässlichen Forschungsergebnisse gibt.

„Wer heilt, hat recht“, sagte meine Oma immer. Die Nachfrage ist erstaunlicherweise auch in Deutschland recht hoch. Als mir das bewusst wurde, habe ich das weiße (Hindi = safed) Pulver in durchsichtigen Tütchen regelmäßig aus Indien mitgebracht. Ich wurde zum Glück nie am Zoll aufgehalten. Ich habe Kleinanzeigen (Mehrdeutigkeiten) in der Zeit gebucht und hatte im Handumdrehen eine erkleckliche Anzahl an Stammkunden. Irgendwann bin ich nicht mehr nach Indien gefahren. Ich hatte später mit Weihrauch oder Rosenwasser aus dem Iran nie wieder so einen Erfolg. Elke Allenstein

K

S

Saville, Peter Power, Corruption and Lies von New Order ist eines der ikonischsten Cover der Pop-Geschichte. Es zeigt das Werk Ein Korb mit Rosen des französischen Malers Henri Fantin-Latour, keinen Text, dafür einen farbigen Code, der sich auch auf Blue Monday wiederfindet. Der britische Grafikdesigner Peter Saville verwendete dafür eine Postkarte der National Gallery, wo er für den machiavellistischen Titel zunächst ein düsteres Renaissance-Porträt suchte. Dank eines Anstoßes seiner damaligen Freundin entschied er sich doch für eine finster-florale Repräsentation. Saville prägte mit zahlreichen Covern (wie Unknown Pleasures von Joy Division) die Visualität von Factory Records. Susann Massute

U

Unverblümt Sagt man etwas verblümt, dann mosert man freundlich. Wer etwas durch die Blume sagt, nimmt ein Blatt vor den Mund, verpackt seine Kritik oft bildhaft: „Rosen haben Dornen.“ Oder: „Der Blumenkohl schmeckt so toll, da brauche ich gar keine Soße.“ Seit der Frühen Neuzeit ist der Ausdruck belegt. Mutmaßlich geht die Redensart darauf zurück, dass Blumenarten bestimmte Bedeutungen zugeordnet wurden. Noch heute kann man mit Blumen klare Aussagen treffen: Verschenkt man rote Rosen oder Vergissmeinnicht, ist die Botschaft eindeutig. Bei Disteln oder Kakteen ist diese ambivalenter. Calla oder Tulpe drücken als Trauerblumen Anteilnahme aus.

In der antiken Redekunst nannte man verklausuliertes Sprechen übrigens „Blümchen“, flosculus. Unser Wort Floskel erinnert daran. Spricht man die Dinge hingegen unverblümt aus, erscheinen sie als harsche Kritik. Wird man auf solche Art angesprochen, bleibt als Ausweg nur, zu sagen: „Habe verstanden.“ Oder :„Danke für die Blumen!“Tobias Prüwer

Z

Zwiebel Das Mitbringsel aus Amsterdam war schnell gefunden. Eine Kollektion von Tulpenzwiebeln sollte den Garten der besten Ex-Liebschaft aufhübschen. Kleine Fotografien über den Körben veranschaulichten die zu erwartende Pracht. Tiefrot, Kanariengelb und vor allem in Schwärze tendierendes Violett. Gereicht wurden die Zwiebeln im dekorativen Jutebeutelchen. Madame war entzückt und zeigte mir voller Vorfreude die Stellen in ihrem Garten, wo diese Farben am schönsten zur Geltung kommen würden. Nun begab es sich aber, dass der damals 13-jährige Sprössling den Höhepunkt seiner Kochphase zu erklimmen im Begriffe war. Die französische Zwiebelsuppe sollte dabei eine wichtige Wegmarke bilden. Als wir zu Tische gerufen wurden, standen tatsächlich fünf Schalen mit der charakteristischen Käseschicht auf dem Tisch. Der Jutebeutel aber war leer.Marc Ottiker

06:00 14.02.2019
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