Blut-Blick

Endspiel in München Martin Kusej inszeniert Büchners "Woyzeck" mit apokalyptischer Verve und prominenter Besetzung

Sie atmen noch, laut und vernehmlich. Neun Menschenkinder, verstreut in einer apokalyptischen Landschaft liegend: Blaue, gefüllte Müllsäcke formen Hügel und Täler, bedecken die gesamte große Bühne des Münchner Residenztheaters bis an die weiß getünchten Brandmauern. Ein Seziersaal ist dieser Raum, kalt erhellt von drei Leuchtstoffröhrenreihen, die bis in den Zuschauerraum reichen.

"Warum bläst Gott nicht die Sonn aus, dass Alles in Unzucht sich übernander wälzt." Stille. Wieder Woyzeck: "Immer zu! Immer zu! Still Musik." Da richten sich alle auf, stehen wie Stelen in einer toten Landschaft. Nur Woyzeck an der Rampe fragt: "Wer spricht dort unten?", beugt sich hinunter zur ersten Zuschauerreihe: "Was sagt ihr? Lauter, lauter!", lauscht. Stille.

Diese Szene ist der Höhepunkt von Martin Kusejs alptraumhaft wacher Woyzeck-Collage und macht die Arbeitsweise des Regisseurs deutlich, der 2011 das Bayerische Staatsschauspiel von Intendant Dieter Dorn übernehmen wird. Grundlage sind alle vier Textvarianten von Georg Büchners Dramenfragment, kühn geschnitten und zu zwei Stunden neu zusammengefügt, ergänzt durch Zitate aus anderen Büchner-Werken und -Briefen, Heiner Müller-Texten und Cormac McCarthys Roman Die Straße. Dort wandert ein Vater mit seinem Sohn durch ein zerstörtes Land und versucht, in einer entmenschlichten Welt Mensch zu bleiben.

Diese apokalyptische Stimmung überträgt Kusej auf Woyzeck. Er rhythmisiert seine Collage mit grellem Licht, das zwischen den Szenen abrupt verlischt und den Eindruck totaler Finsternis entstehen lässt. Zu Bert Wredes treibenden Elektrobeats ordnen sich die Szenen symmetrisch an. Barbara Melzl stolpert als Frau verschwitzt über die Säcke und bricht leblos zusammen. Sofort nähert sich der Hauptmann, schnüffelt an ihr und will sie davonschleifen. Der Tambourmajor entreißt ihm die Beute und erweckt die Frau als sein Lustobjekt wieder zum Leben. Am Ende wiederholt sich die Szene mit Marie. Nur lebendig wird sie nicht mehr.

Kannibalisch wird´s auch bei der Großmutter. Cornelia Froboess spielt sie als todtraurige alte Dame, Zeugin einer untergegangenen Welt. In einer der ersten Szenen erzählt sie das Büchnersche Märchen vom armen Kind. Gegen Ende berichtet sie von einem Kind, das vor den Augen seiner Eltern gegessen wird.

So formt Kusej Büchners Dramenfragment zu einem Endspiel, in dem Woyzeck der Prophet ist, den niemand versteht. Jens Harzers Spiel zitiert Attribute der Figur, entzieht sich ihnen aber sogleich. Er hat das "Verhetzte", ist oft gekrümmt wie das "offene Rasiermesser", das der Hauptmann als Vergleich heranzieht. Zugleich ist er muskulös, sehnig, kann aufrecht gehen, wenn man ihn lässt. Oft spricht er mit heller Stimme, als horche er in sich hinein. Doch da scheint nichts zu sein als Ungewissheit und Verzweiflung.

Juliane Köhlers Marie hingegen bleibt blass wie ihre Haut, eine Lust-Puppe im roten Kleid, am ganzen Leib zitternd vor Verlangen oder Angst. Am Ende ist´s sich gleich: Da klingen ihre Todesschreie wie die der Ekstase. Ihre Wut wie ihre Leidenschaft haben etwas Aseptisches. Ruckzuck ist sie nackt, schon liegt sie unter dem Tambourmajor - ein Geschäft, dessen es sich schnell zu entledigen gilt zwischen den Plastiksäcken.

Dieses Bühnenbild, von Martin Zehetgruber erdacht, erweist sich als Glücksfall: Die Müllsäcke bilden einen Hindernisparcours, über den die Schauspieler staksen, hechten, schlurfen. Eine blaugraue Mondlandschaft, die in ihren Falten unheimliche Auf- und Abtrittsmöglichkeiten bietet. Manchmal schimmert sie geheimnisvoll wie Wasser. Oft scheint sie lebensfeindlich und tot.

Frei bleibt nur ein schmaler Streifen an der Rampe, an die die Schauspieler immer wieder treten, um Textpassagen scharf konturiert Richtung Publikum zu sprechen. Jeder Satz steht für sich, verlangt nach Reflexion - eine Verbeugung vor Büchner, eine Reverenz an Brecht. Zuweilen wirkt die Inszenierung gerade in dieser Appellhaftigkeit bemüht. Doch der leeren, brutalen Welt, diesem graublauen Bilderbogen der verlorenen Illusionen kann man sich kaum entziehen. Es ist, als schnitte Kusej nicht nur im Text herum, sondern uns auch die Augenlider weg, damit wir besser sehen können: Ein blutiger Blick, der das Unfassbare fassen will.


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00:00 29.06.2007

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