Blut oder Tinte

Tauschgeschäft Im Umgang mit der Metapher des Blutes unterscheiden sich Judentum und Christentum grundsätzlich. Von hier aus betrachtet, ist der katholisch-evangelische Streit ums Abendmahl eine Marginalie

Der Papst hat kürzlich eine Enzyklika herausgegeben, die Katholiken untersagt, mit Nicht-Katholiken das Heilige Abendmahl zu nehmen - und dies angesichts des Ökumenischen Kirchentags in Berlin, des ersten, den es je gegeben hat. Den Hintergrund für die päpstliche Entscheidung bildet die Tatsache, dass das Heilige Abendmahl für Protestanten und Katholiken einen unterschiedlichen Stellenwert hat: Für Katholiken konstituiert sich die Glaubensgemeinschaft über das gemeinsame Abendmahl, für Protestanten stellt es eine "Vergegenwärtigung" des Passionsopfers dar. Es ist ein "Gastmahl", das auch mit Andersgläubigen geteilt werden kann. Allerdings: So unterschiedlich diese Positionen kirchendogmatisch auch sein mögen, bei einer genaueren Betrachtung der Geschichte der Metaphorik des Blutes verschwimmen die Grenzen.

In dem Film Interview mit einem Vampir führt ein routinierter Vampir einen Neuling in die Kunst des Blutgenusses ein. Dieser hat sich bisher nicht überwinden können, von Menschenblut zu trinken, und ernährt sich deshalb kläglich vom Blut der Kaninchen, Eichhörnchen oder gar der Mäuse. Der routinierte Vampir will ihm den, wie er meint, raffinierteren Geschmack des Menschenblutes näher bringen und bietet ihm - nachdem er zwei junge Frauen durch einen kurzen Biss dem Leben entrissen hat - einen Kristallbecher mit rotem Saft an: "Trink", sagt er zum Novizen, "und stell Dir vor, es sei Wein".

Diese kleine Szene erzählt auf ironisch verkehrte Weise von der großen Bedeutung des Blutes im christlichen Abendland. Sie erzählt vom Wandel des Weins in Blut und von den Einbildungskräften, die dafür nötig sind. Sie bringt den Streit um die Transsubstantiationslehre in Erinnerung und öffnet die Augen für die magischen Kräfte des Glaubens. Aber sie erzählt dabei auch von den magischen Kräften der modernen Simulationstechniken, durch die Wahrheit und Einbildung oft ununterscheidbar werden. Der Zuschauer weiß natürlich, dass im Kelch kein Wein, sondern Blut ist - aber dieses Wissen verdankt er wiederum den Zauberkünsten des Films, die von der Macht der eingebildeten Wirklichkeit zeugen. Es ist fast, als habe der Film erfunden werden müssen, damit die Wunder, die am Altar geschehen, auch in der säkularen Welt Glaubwürdigkeit erhalten. Und das gilt nicht nur für das Blut. Wie das Geschehen beim Heiligen Abendmahl vergegenwärtigt auch das Kino ein Geschehen, das in der Vergangenheit liegt. Dank einer ausgeklügelten Bild- und Tontechnik befindet sich der Zuschauer in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit und erfährt am eigenen Leibe etwas, das eigentlich dem Bereich des Imaginären angehört. Im Interview mit einem Vampir wird dieser Topos einer "real-imaginären Wirklichkeit" mehrfach aufgegriffen und kinematographisch verkehrt: So befindet sich der Held, inzwischen Routinier im Geschäft des Bluttrinkens, gegen Ende des Films, nach dem Überstehen vieler Abenteuer, in einem Kinosaal - wie auch der Zuschauer selbst. Dort kann er genussvoll einen Sonnenuntergang erleben (natürlich auf Sunset Boulevard in Hollywood) - ein Vergnügen, das ihm im "normalen" Leben des Vampirs, der Licht und Sonne scheut, verwehrt bleibt. Im Kino darf auch der Vampir genießen, was die normalen Sterblichen in echt erleben - eben weil diese Wirklichkeit nicht ganz echt ist.

In dieser changierenden Welt zwischen Imagination und Wirklichkeit bildet das Blut eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Schaltstelle: So wie Christus Mediator zwischen dem Transzendenten und dem Irdischen ist, ist auch das Blut Mittler zwischen der Welt der Zeichen und der materiellen Welt; es ist damit auch Garant dafür, dass Einbildung und Simulation Macht über die Wirklichkeit haben. Das Blut eignet sich deshalb für diese Mittlerrolle, weil es immer schon metaphorische Dienste zu leisten hatte und zugleich eine ambivalente Bedeutung hat: Einerseits signalisiert es Leben, andererseits verweist es auf Wunde und Sterblichkeit. Davon erzählt gerade der Mythos des Vampirs, hinter dem sich die Gestalt des Anti-Christ verbirgt, der jeden Pakt mit Blut unterschreiben lässt und der als Blut-Dieb galt - im Gegensatz zum Heiland, der sein Blut für die anderen opfert. So kommt es, dass es "gutes" und "böses" Blut gibt: ein Blut, mit dem in Berührung zu kommen, Infektion und Krankheit bedeutet, und ein Blut, das zu genießen Heil bringt. Wie aber sollen die armen Sterblichen zwischen den beiden unterscheiden lernen? Indem sie lernen, die Simulation für die Wirklichkeit zu halten. Je enger das Verhältnis von Blut und Wunder, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um "gutes" Blut handelt. Je mehr es von der normalen Leiblichkeit des Menschen erzählt, desto wahrscheinlicher, dass es sich um eine minderwertige Sorte handelt.

Die Vorstellungen vom "heiligen Blut" der Könige und von der Nation als "Blutsgemeinschaft" - diese Bilder haben eine ungeheure historische Wirkungsmacht entfaltet. Aber sie haben nichts mit biologischer Wirklichkeit zu tun. Es handelt sich um metaphorische Bilder, die ihren Ursprung in archaischen Gesellschaften haben. Diese Bilder wurden von den Religionen des Buches aufgegriffen und mit einer neuen Bedeutung versehen. Gerade weil sich alle drei Religionsgemeinschaften - Judentum, Christentum und Islam - über eine Heilige Schrift definieren, wuchs das Bedürfnis nach einer Form der Selbstdarstellung, die auf Wirklichkeit und Leiblichkeit verweist. Und dieser Verweis geschieht unter anderem über die Bilder des Blutes. Aus dem Blut wurde allmählich der Signifikant für die Wirklichkeit selbst - während die Zeichen der Schrift eine leibliche Wirklichkeit, nur noch vermittelt - medialisiert oder simuliert - zu denken erlaubten. Um dieses Tauschgeschäft geht es bei der Eucharistie und ging es im Bilderstreit des frühen Mittelalters: Ikonen haben zu bluten, so wie auch heute kein Film auf den roten Saft verzichten kann, will er den imaginären Raum des Kinogeschehens als reale Gegenwart erscheinen lassen.

Tinte und Blut, das ist das Tauschsystem der Gesellschaften, in denen die Zeichensysteme historische Wirkungsmacht entfaltet haben. Diese Zeichen können die Form von Schriftzeichen, von Bildern oder auch von Geld haben. Letzteres ist das Zeichensystem mit materialisierender Macht schlechthin. Das Blut verleiht dem Text, dem Bild, der Münze einen Leib und Leiblichkeit. Allerdings geschieht das auf sehr unterschiedliche Weise in den einzelnen Religionen und Kulturen. Das hebräische Wort "dam" bedeutet Blut. Adam, der Mensch, bedeutet also auch "rot sein". Seine Name verweist einerseits auf Leben und andererseits auf die Sterblichkeit des Menschen. In der jüdischen Religion ist der Genuss von Blut streng verboten. Denn das Blut, Symbol für Leben und Tod, bleibt dem Schöpfer vorbehalten. Wird Blut versehentlich vergossen, so muss es mit Erde überdeckt, begraben werden, um dem rechtmäßigen Eigentümer, Gott, wieder übergeben zu werden. Ein solches Verbot von Blutgenuss gab es bis dahin in keiner anderen antiken Religion oder Kultur des Vorderen Orients. In der jüdischen Religion handelte es sich beim Verbot, Blut zu genießen, also nicht um eine archaische Tradition; vielmehr ging es um die Macht eines neuen Gottes, der anders als alle anderen Götter unsichtbar blieb und sich einzig in den Zeichen der Schrift offenbarte. Das alte Israel war die erste Glaubensgemeinschaft, deren Zusammenhalt nicht auf einer Dynastie oder einem Territorium, sondern auf einem Text beruhte, und der Herausbildung dieser Glaubensgemeinschaft war die Entstehung des Alphabets vorausgegangen: ein Schriftsystem, das, weil es die gesprochenen Laute in visuelle Zeichen überführte, dem lebendigen Körper die Sprache entriss. Damit das Leben nicht versiegt, musste der Gott, der aus den Zeichen hervorgegangen war und sich nur in diesen offenbarte, auch Herr über das Blut - den Saft des Lebens - sein.

Ganz anders im Christentum. Auch hier wird das Blut zu einem konstitutiven Element der Gemeinschaft. Doch das geschieht nicht durch das Verbot, sondern durch das Gebot des Blutverzehrs. Wenn der Christ beim Heiligen Abendmahl das Fleisch und Blut seines Herrn verzehrt, vollzieht sich eine Vereinigung des Gläubigen mit Gott. Er erringt Anteil an Gottes Unsterblichkeit. Zugleich findet im vergossenen und geopferten Blut des Heilands auch die Menschwerdung Gottes ihren Ausdruck. Durch den gemeinsamen Verzehr des heiligen Blutes konstituiert sich auch die Gemeinschaft. Beides - Gottes Menschwerdung wie die Vorstellung der Gemeinschaft als Leib Christi - schlägt sich nieder in wirkungsmächtigen Bildern des Blutes, die sich durch die gesamte Geschichte des Christentums ziehen und dabei - wie die Symbolik des Kreuzes - viele Bedeutungswandel erfahren haben. Zu ihnen gehören neben den Heil bringenden Kreuzigungsdarstellungen auch die "Blutwunder", blutende Gnadenbilder, Hostien und viele "Blutsbeschuldigungen" gegen Juden. Die christlichen Bilder des Blutes sind der jüdischen Religion ebenso fremd wie die Vorstellung eines Gottes, der sich geopfert hat - und der Gegensatz zwischen der Symbolik des Blutes in den beiden Religionen liegt am Ursprung vieler antijüdischer, christlicher Stereotypen von einer "Blutschuld" des Juden.

Will man das unterschiedliche Verhältnis von Zeichen und Blut in den beiden Religionen in wenigen Worten umreißen, so könnte man sagen: In den jüdischen Religion ist Gott das Zeichen und er ist zugleich Herr über das Blut (die Schöpfung); in der christlichen Religion hingegen ist er Zeichen und Fleisch zugleich - und die Heilsbotschaft des Christentums besteht in eben jenem Verschwinden der Differenz zwischen Tinte und Blut. Christus ist die Leib gewordene Schrift - und die christlichen Bilder des Blutes besagen: Wir simulieren nicht die Wirklichkeit, sondern wir sind die Wirklichkeit. Und je mehr Simulationstechniken die Zeichen schufen, desto wichtiger wurde der Verweis auf das Blut.

Das bedeutet aber, dass es nicht so wichtig ist, ob sich für die Katholiken mit den Blut gewordenen Zeichen die Gemeinschaft der Gläubigen konstituiert oder Protestanten im Heiligen Abendmahl eine Vergegenwärtigung des Passionsopfers sehen. In beiden Fällen haben die Zeichen ihre eigene Wirklichkeit geschaffen: eine Wirklichkeit, die als Wein oder als Blut daher kommen mag, deren tiefste "Wahrheit" aber darin besteht, dass sich Imagination und Realität überlagert haben.

00:00 30.05.2003

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