Blutiger Kampf der Kartelle

Drogenkrieg Die mexikanische Regierung will den Drogenkrieg in ihrem Land bekämpfen. Ein Sammelband schlüsselt den gewaltsamen Konflikt um die organisierte Kriminalität in Mexiko auf

Fast 50.000 Menschen wurden seit 2006 in Mexiko während des Drogenkrieges ermordet, mehr als 10.000 gelten als vermisst und an die 120.000 Binnenflüchtlinge haben aus Angst vor den Kartellen und der Eskalation im Zuge der staatlichen Militärintervention ihre Wohnorte verlassen. Ein Ende der Gewalt ist nicht abzusehen – im Gegenteil: 2011 war das bisher blutigste Jahr mit 17.000 Toten. Die Regierung von Staatschef Calderon verweist auf Ermittlungserfolge, sind doch einige Kartellchefs gefasst worden. Aber spektakuläre Festnahmen bewirken nichts, sagen Experten. Im Juni wird ein neuer Präsident gewählt, der konservative Calderon kann nicht weiterregieren, jeder Staatschef hat nur eine Amtsperiode. Der Krieg gegen die Drogen, den Calderon ausgerufen hat, wird nach seiner Regierung weitergehen. Einen Überblick über diesen Konflikt bietet der Band Narcozones – Entgrenzte Märkte und Gewalt in Lateinamerika. In 17 Texten wird der Konflikt aufgeschlüsselt: von der Zusammensetzung und Entwicklung der Kartelle über die globalisierten kriminellen Netzwerke, die mexikanische Kulturproduktion zum Thema „narcos“ (Drogenhändler), dem zivilgesellschaftlichen Engagement gegen die Mafia, die oft kritisierte Politik der mexikanischen Regierung bis hin zu einem Ausblick auf Guatemala und Kolumbien.

Drogenkartelle wie die Zetas, La Familia oder das Sinaloa-Kartell, die heute in Mexiko und in anderen mittelamerikanischen Ländern operieren, sind globale Unternehmen, keine einfachen kriminellen Banden. Edgardo Buscaglia, Experte für Transnationale Organisierte Kriminalität und Berater der UNO, unterscheidet 23 Deliktfelder der Kartelle. Der Drogenhandel macht nur circa 45 Prozent des Umsatzes aus. Prostitution, Waffen- und Organhandel, Raubkopien, Menschenschmuggel, aber auch eine Entführungsindustrie sind weitere Betätigungsfelder der Kartelle, die auf Korruption und Ämterwirtschaft ebenso setzen wie auf blanke Gewalt – gegen staatliche Akteure, Konkurrenten und die Zivilbevölkerung. Die Kartelle engagieren sich aber auch sozial und investieren etwa in den mexikanischen Bundesstaaten Michoacan, Sinaloa oder Durango in die Infrastruktur der Armenviertel. Die organisierte Kriminalität und die mexikanische Gesellschaft leben laut Buscaglia längst in einer politischen und sozialen Komplizenschaft. Calderons Kriegserklärung an die Drogenkartelle komme somit einer Kampfansage an die eigene Gesellschaft gleich.

Lastwagen voller Leichen

Mexiko war lange vor allem ein Transitland für Drogen aus Kolumbien. Das änderte sich mit dem Zurückdrängen der Kartelle. In Mexiko verschoben sich mit dem Ende der diktatorischen Herrschaft der Partei PRI im Jahr 2000 auf lokaler und nationaler Ebene politische Machtstrukturen. Experten sehen eine Ähnlichkeit mit der Konsolidierung der Mafia in Russland nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus. Buscaglia vergleicht die Schwäche des mexikanischen Staates in einigen Regionen sogar mit der Situation in Afghanistan. Neben dem schwachen Staat sind die Kartelle zur Ausübung illegaler Geschäftspraktiken auch auf rechtsstaatliche Sicherheit in den Ländern angewiesen, in denen sie ihre Profite „waschen“ und investieren – sei es das Einkaufszentrum in Westeuropa oder die Wohnanlage in den USA. Die Verknüpfung der Mafia mit der Politik soll in Mexiko bis in die höchsten Kreise reichen. 2011 erregte die Journalistin Anabel Hernandez Aufsehen mit ihrer These, die Regierung begünstige das Sinaloa-Kartell. Dessen Kopf konnte aus einem Hochsicherheitsgefängnis fliehen, außerdem soll das Kartell für 45 Prozent der Drogenexporte in die USA verantwortlich sein, aber nur 1,8 Prozent der verhafteten und 0,9 Prozent der verurteilten Drogenhändler sind Mitglieder dieser Gruppierung. Unterstellt wird, dass es im Interesse der Politik sei, Frieden mit einem der Kartelle zu schließen, um Verhandlungsspielraum zu gewinnen. Diese Strategie einer „Pax Mafiosa“ wird von einigen Politikern offen unterstützt.

Nur berücksichtigt das nicht die Konkurrenzsituation der Kartelle. Neben dem Sinaloa-Kartell sind es vor allem die Zetas, die seit einigen Jahren den Drogenhandel in Mexiko mitbestimmen. Ende der neunziger Jahre fungierten die Zetas als bewaffneter Arm des Golf-Kartells, ehe sie sich 2010 unabhängig machten. Der Gründer Oberleutnant Guzma Dezena verließ 1997 die mexikanischen Streitkräfte, wo er in einer Eliteeinheit für Aufstandsbekämpfung und gegen Drogenhandel gedient hatte. Für die Ausbildung der Eliteeinheit in Spionage- und Aufklärungstechniken waren US-amerikanische und französische Spezialisten zuständig. Mehr als 30 Elitesoldaten (andere sprechen von einer 600 Mann starken Kompanie von Deserteuren) bildeten den Grundstock der Zetas, die als eigene Gruppe in bestehende kriminelle Strukturen intervenieren und bisherige Akteure verdrängen oder wie Franchise-Unternehmer für sich arbeiten lassen.

Dabei wird der Name „Zetas“ wie Jesus Cantú und Mariana Franco in ihrem Text schreiben, als eigenes „Label“ im Sinne einer mafiösen Corporate Identity verwendet. Die Zetas sind nach Expertenmeinung als Kartell eine kriminelle Organisation transnationalen Charakters, die auf vielen unterschiedlichen Deliktfeldern operiert und mittlerweile in Guatemala eigene Basen unterhält, wo neue Mitglieder eine dreimonatige Grundausbildung erhalten. Viele Zetas werden auch auf den mittelamerikanischen Migrationsrouten entführt und zwangsrekrutiert. Reportageartige Eindrücke dazu gibt ein Text in Narcozones. Wie offen die Zetas mitunter agieren, zeigt eine Episode aus dem Juni 2010, als die Zetas 28 Straßenblockaden errichteten, um gegen die Festnahme eines Kartellchefs zu protestieren.

Bekannt sind die Zetas für ihre bildmächtig in Szene gesetzte Gewalt. Kurz vor Eröffnung der Buchmesse in Guadalajara im November 2011 luden sie einen Lastwagen voller Leichen ab, versehen mit einer Kriegserklärung gegen das „Sinaloa-Kartell“. Drastisch sind auch die Enthauptungen von Kartellgegnern. 2011 wurden in Mexiko mehr als 600 geköpfte Leichen gefunden. Mit diesem Aspekt einer Bildpolitik beschäftigt sich Anne Huffschmied, wobei sie betont, dass Gewalt keine kulturanthropologische Konstante in Mexiko ist, wie manchmal unterstellt wird. Vielmehr werden mit dieser inszenierten Gewalt gezielt Gegner und Bevölkerung eingeschüchtert, wobei das Terrorregime im Grunde unternehmerischen Zielen dient.

Karawane gegen Gewalt

Auch die Literatur reflektiert den Konflikt. Am bekanntesten sind Don Winslows Bestseller Tage der Toten und Arturo Perez-Revertes Königin des Südens. In Mexiko werden neben Reportagen vor allem Krimis dazu verlegt. Darin kommt aber immer ein Held vor, der eine gesellschaftliche Normalität verkörpert als Antipode zur Drogenmafia. Anders funktionieren die Romane von Guillermo Fadanelli und Juan Pablo Villalobos. Fadanelli erzählt in Das andere Gesicht des Ruck Hudson die Geschichte eines Jugendlichen, der im subproletarischen Milieu zum Drogenhändler wird. Villalobos Groteske Fiesta in der Räuberhöhle ist aus der Sicht des Sohnes eines Kartellchefs geschrieben. In diesen Büchern gibt es, ebenso wie in Luis Estradas ironischem Film El Infierno, in dem ein Mexikaner nach 20 Jahren in den USA in sein Dorf kommt und zwangsläufig zum „narco“ mutiert, kein Außen mehr. Die ganze Gesellschaft, alle Personen sind Drogenhändler, das ganze Land ist eine „narcozone“, wie Anne Huffschmied schreibt.

Dabei gibt es zivilgesellschaftliche Akteure, die sich gegen die Kartelle und die staatlichen Militarisierung organisieren. Über 100.000 Menschen marschierten in einer Karawane gegen Gewalt am 8. Mai 2011 von Cuernavaca nach Mexiko-City. Ein Organisator dieses Marsches ist der Lyriker Javier Sicilia. 2011 wurde sein Sohn ermordet aufgefunden – gefesselt und gefoltert. Für die Regierung sind die meisten Toten in diesem Krieg Kriminelle. Dagegen wehren sich die zivilgesellschaftlichen Akteure. Die starre Unterscheidung zwischen Täter und Opfer verkennt ihrer Meinung nach die Realität. „Wir Mexikaner sind zu Vogelfreien geworden. So wie es der Philosoph Giorgio Agamben für die Figur des ‚Homo sacer‘ beschreibt, können sie Menschen umbringen, entführen und foltern. Und der Tod, der Schmerz, das gewaltsame Verschwindenlassen, das alles bleibt ohne Strafe“, sagte Sicilia vor Kurzem in einem Interview mit der Jungle World. Dabei wird Sicilia, der mit anderen im vergangenen Jahr in den Haag eine Anzeige gegen Präsident Calderon wegen Völkermordes einreichte, von mexikanischen Linken scharf kritisiert, unter anderem weil er sich mit Calderon getroffen hat. „Con besos y abrazos no se paran los madrazos.“ („Mit Küssen und Umarmungen stoppt man nicht die Gewalt.“) Damit kritisieren radikale Regierungsgegner Sicilias bürgerlichen Diskurs, der sich um Frieden, Güte und Verzeihung dreht. Die radikale Linke dagegen sieht im Krieg gegen die Drogen eine Politik der Militarisierung, die die Gesellschaft einer rigiden Kontrolle unterwirft und sich zwangsläufig gegen politische Gegner richtet. Das spielt in Mexiko, wo es in Oaxaca, aber auch in Chiapas radikal widerständige Bewegungen gibt, eine wichtige Rolle.

Experten sprechen mittlerweile von der Kolumbianisierung Mexikos. Damit sind nicht nur die Kartelle und die Gewalt gemeint, die es ähnlich wie heute in Mexiko in den Achtzigern in Kolumbien gab, sondern auch der sukzessive Abbau rechtsstaatlicher Normen. Laut Buscaglia steht Mexiko bevor, was Kolumbien schon hinter sich hat. Nur bietet der militarisierte, starke Staat keine demokratische Perspektive. Bei den sozialen Rahmenbedingungen und der Bildungssituation ist es für Jugendliche attraktiv, sich auf kriminelle Angebote einzulassen. Mexiko mit seinen 2,7 Millionen Kokainabhängigen und vier Millionen Marihuanakonsumenten ist nicht nur Transit- und Anbauland. Die politische und soziale Krise hat ebenso mit strukturellen Defiziten hinsichtlich Korruption, Armut und Jugendarbeitslosigkeit zu tun, wie sie auch Ausdruck eines Phänomens globaler, entgrenzter Märkte ist.

Narcozones Entgrenzte Märkte und Gewalt in LateinamerikaAnne Huffschmied, Wolf-Dieter Vogel u. a. (Hg.) Assoziation A, 240 S., 18

Florian Schmid hat Hispanistik und Geschichte studiert

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16:00 09.05.2012

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