Blutvergiftung

Kehrseite I Felix liegt drinnen auf dem Sofa. Er liest ein Buch, die Terrassentür zu unserem Hotelzimmer steht offen. Ich sitze draußen auf der Veranda, trinke ...

Felix liegt drinnen auf dem Sofa. Er liest ein Buch, die Terrassentür zu unserem Hotelzimmer steht offen. Ich sitze draußen auf der Veranda, trinke Eistee, schaue zum Meer und höre Musik aus meinem Walkman, immer wieder dasselbe Lied. Felix setzt sich auf, legt für den Moment sein Buch beiseite. Er wendet sich zu mir, bittet mich höflich, das doch zu lassen. Er erklärt, ich solle verstehen, ihn stört das Geräusch, wenn ich die Wiederholungstaste drücke, die jedesmal klick macht, um an den Anfang des Liedes zurückzukommen. Felix sagt, er wird dabei aus der Ruhe gebracht und kann dann nicht konzentriert lesen. Ich antworte nichts, nehme nur meine Jacke und gehe alleine zum Strand. Er ruft hinterher: "Morgen Abend komme ich mit, ich versprech´s dir."

Wir sind im Weihnachtsurlaub auf Gran Canaria. Jeden Tag strahlender Sonnenschein und blaue Wellen, am Abend gutes Essen und Bier an gesetzten Tischen, neben anderen deutschen, englischen und holländischen Touristen. Felix ist zufrieden, er findet die Atmosphäre trotz Pauschalreise gemütlich und sagt: "Endlich haben wir mal ein bisschen mehr Zeit für uns."

Wenn wir unterwegs sind, kommt er mit jedem Fremden ins Gespräch, unterhält sich über das Wetter oder die Landschaft. Inzwischen kennen ihn alle und grüßen uns, wenn wir zu den Mahlzeiten zu unserem Tisch gehen.

Als an einem Abend in der Nähe unseres Tisches ein Bayer herumpöbelt, greift er ein. Felix will um Himmels willen nicht unangenehm auffallen. Dabei wird er nicht aggressiv, beruhigt den Mann, bittet ihn an unseren Tisch. Felix moderiert jedes Thema und lenkt den Bayern zum Gespräch über das Wasser, das Meer, das so schön angenehm warm ist und salzig. Der Mann beruhigt sich. Er setzt sich zu uns und trinkt mit uns ein Bier.

Zurück in unserem Zimmer werfe ich Felix vor, das er brav allen alles immer recht machen will, um von jedem geliebt zu werden. Er sieht mich nur verständnislos an und fragt mich in ruhigem Ton: "Warum nicht?"

Am nächsten Tag geht er vor dem Frühstück schwimmen. Er sagt: "Das hält fit, du solltest mitkommen." Ich bin müde und bleibe lieber im Bett.

Als er zurückkommt, hat er sich geschnitten. An seinem Fuß ist eine kleine verletzte Stelle in der Haut zu sehen, die rot ist. Vor dem Beckenrand des Schwimmbads ist Felix in eine Scherbe getreten. Er hat seine Badelatschen nicht angezogen, war barfuß den Weg vom Hotel über die Terrasse zum Becken gelaufen. Ich denke, wie kann er ohne Badelatschen zum Pool eines drittklassigen Touristenhotels laufen? Verrostete Kronkorken, alte Kaugummis, Splitter von demolierten Plastikflaschen und einzelne kleine Glasscherben liegen hier überall herum. Da ohne was an den Füßen langzulaufen, ist unvorsichtig, ziemlich unbekümmert, das ist sehr leichtsinnig für seine Verhältnisse. Felix überlegt immer sehr lange, bis er sich am Abend beim Essen ein Gericht auswählt.

Er sagt, er hat Schmerzen. Die Wunde an seinem Fuß ist feuerrot. Das Bein schon ganz geschwollen. Jetzt können wir keine Ausflüge mehr machen, weil er den Fuß hochlegen muss.

"So eine Entzündung muss man doch merken." Er versichert mir: "Es tat nicht sofort weh." Ich sehe den zartroten Streifen an seinem Bein und sage: "Du musst zum Arzt." Er nickt.

Felix ist ganz benommen, so schwach, dass er nur noch im Schatten sitzen will. Am Abend hat er Fieber und ihm ist schlecht. Die Lymphknoten sind geschwollen. Ich befühle sie an seinem Hals, drücke auf die Oberfläche der Haut. Er zuckt zusammen. In der Nacht liegen wir nebeneinander im Bett. Er liegt unter seiner Decke, auf seiner Seite, ich auf der anderen. Er fängt an, mit den Zähnen zu klappern. Dann klappert er am ganzen Leib. Er klappert mich an. Erst denke ich, das ist ein Scherz. Manchmal macht Felix solche Scherze mit mir, aber dieses Mal ist es ernst. Er hat Schüttelfrost. Deswegen drückt er seinen zitternden heißen Körper an mich. Ich denke, jetzt will er bemuttert werden. Mir ist diese Rolle fremd, ich kann schlecht damit umgehen. Er zittert weiter. Ich lege eine zweite Decke über ihn. Felix hört endlich auf zu zittern.

Am nächsten Morgen fahren wir ins Krankenhaus. Blutvergiftung. Der Arzt spricht von Sepsis. Es sei immer das Gleiche. Jetzt beginne ein Wettlauf mit der Zeit. Innerhalb von Stunden könne es zu einem lebensgefährlichen Zustand kommen. Wenn der streuende Infektionsherd nicht gefunden würde, bestünde Gefahr, dass die Bakterien über die Blutbahn, durch den ganzen Körper, weiter in Richtung zum Herzen wandern.

Felix hat Glück, es ist noch nicht so schlimm. Er bekommt Medikamente und darf zurück ins Hotel. Er soll sich in den nächsten Tagen ausruhen, sich auf keinen Fall anstrengen.

Zurück im Hotel gehen wir wieder auf unser Zimmer. Felix setzt sich aufs Sofa, legt seinen Fuß hoch und beginnt, die Wunde mit Alkohol zu reinigen. Er träufelt ein paar Tropfen einer entzündungshemmenden Tinktur auf die verwundete Stelle. Dann klebt er das braune Pflaster auf die Verletzung. Nicht zu weit nach rechts, nicht zu weit nach links. Das macht er jetzt alle zwei Stunden. Bei jedem Wechsel zielt er auf die exakt gleiche Fläche. Ich sehe ihm dabei zu. Er trifft peinlich genau dieselbe Stelle, jedes Mal, wie die Male zuvor.

Schon am nächsten Tag ist der dunkelrote Streifen nur noch leicht zu sehen.

Zwei Tage später, die Wunde ist fast verheilt, sitzt Felix wieder draußen in der Sonne, auf der großen Hotelterrasse, liest wieder sein Buch. Er darf noch nicht herumlaufen. Ich sitze daneben, schaue zum Meer und höre Musik aus meinem Walkman. Eine Frau setzt sich zu uns. Er und sie kommen sofort ins Gespräch. Ich höre zu, wie sie sich unterhalten. Felix sagt, er langweilt sich. Dann reden sie über das schöne Wetter, das Wasser im Meer, das so angenehm warm ist und salzig. Felix bemerkt, dass ich sie beobachte. Er lächelt die Frau an, sie schaut zurück. Ich sehe ihnen dabei zu.

Felix beugt sich irgendwann zu mir, nimmt meinen Kopfhörer ab und flüstert: "Wir reden nur belangloses Zeug. Du musst dir keine Sorgen machen, mein Schatz." Ich nicke, nehme meinen Walkman und gehe wieder alleine zum Strand.

Antonia Isabelle Weisz lebt als Autorin in Berlin.


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00:00 09.12.2005

Ausgabe 38/2020

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