Boah, wie böse

Was läuft Unsere Autorin genießt eine ungerührte, unmoralische Renée Zellweger in „What/If “
Boah, wie böse
Zellwegers Anne ist eine erfrischende Frauenrolle: weder Mutter noch auf Partnersuche, weder Hausfrau noch lustig-vertüdelte Freundin. Und ihre berufliche Expertise ist unangefochten

Foto: Erik Voake/Netflix

Der Teufel trägt bekanntlich Prada. Doch auch anderen Designer*innen gegenüber ist er nicht abgeneigt, Hauptsache, sie sehen teuer aus. Der Teufel ist in diesem Fall eine Frau namens Anne Montgomery (Renée Zellweger), die wichtigste Risikokapitalanlegerin in und um San Francisco. Teuflisch, so scheint es, sind auch die Motive, die sie in das Leben von Lisa Ruiz-Donovan (Jane Levy) und deren Ehemann Sean (Blake Jenner) führen: Lisa braucht dringend eine große Menge Geld, um ihrem Biotech-Start-up, mit dem sie individuelle Krebsmedikation für Kinder herstellen will, auf die Sprünge zu helfen. Anne hat dieses Geld. Sie hat aber auch Lust auf den ehemaligen Baseball-Pitcher Sean, dessen Muskeln noch immer von einer Profikarriere erzählen. Das Angebot, das Anne Lisa vorlegt, ist demzufolge ein „unmoralisches“: Die reiche, reife Lady bietet der jungen ambitionierten Unternehmerin beeindruckende 80 Millionen Dollar – für eine einzige Nacht mit ihrem Liebsten.

In Adrian Lynes Thriller aus dem Jahr 1993, dessen Prämisse für What/If Pate stand, führte die Annahme dieses Angebots, das David (Woody Harrelson) von einem schwerreichen Geschäftsmann (Robert Redford) für eine Nacht mit Davids Frau (Demi Moore) gemacht wurde, zu einer 112-minütigen Krise. Einem Drama, das die zutiefst rückschrittliche Haltung der US-Gesellschaft gegenüber „Ehebruch“ widerspiegelte: Es brauchte viele Gespräche, Handlungstwists und Verzeihungsversuche, bis das Paar den Schock von sich abschütteln konnte, den die trotz Redfords Zusicherung der Konsensualität („sie macht nur, was sie möchte“) als „Hurerei“ verurteilte Nacht mit dem damals 56 Jahre alten Belami ausgelöst hatte. Abgesehen davon, dass viele Menschen selbst heute noch eher eine Million Dollar bieten würden, um eine Nacht mit Redford zu verbringen, kann man angesichts der grotesk konservativen Moralvorstellungen nur schnell in den nächstgelegenen Swingerclub abdampfen.

What/If bleibt aber nicht bei der Moralfrage, und das ist gut so. Die Sache mit dem Geld und der Nacht wird vielmehr in der ersten Folge abgehandelt – um dann ganz anderen Verschlingungen den Weg zu bereiten. Anne, der Zellweger ihr passend wächsernes Gesicht leiht und deren charakteristisch hohe, gekünstelte Stimme den Eindruck des abgrundtief Bösen noch verstärkt, verfolgt eine versteckte, allmählich ans Licht sickernde Agenda: Annes Mentor Liam (Julian Sands) steckt hinter einem mit Seans und Annes Vergangenheit und dort angesiedelten Traumata zusammenhängenden, komplizierten und von langer Hand geplanten Racheplot.

Revenge hieß auch eine frühere Serie des What/If-Showrunners Mike Kelley. Und hier wie dort legt Kelley sein Augenmerk antizyklisch nicht auf Realismus, die Nachvollziehbarkeit innerer Konflikte oder glaubhafte Spannungsbögen. Sondern erschafft in seiner neuen Anthology-Reihe, deren Fortbestand nach der Häme, die über diese erste Staffel ausgeschüttet wurde, schätzungsweise fragwürdig ist, eine artifizielle, glänzende Soap mit Megabösen, Megareichen, megaunglaubwürdigen Handlungssprüngen und vor Werbeästhetik starrenden Szenen. Auf diese Kunstwelt, in der das gebügelte Gesicht Zellwegers genauso richtig am Platz wirkt wie das kussmundige Modelantlitz Lisas oder der aufgepumpte Oberkörper Seans, muss man Lust haben – Soaps sind eben mehr „guilty pleasure“ denn Reflexion gesellschaftlicher Zustände, mehr vom Himmel fallende Zufälle denn sich aus einem soliden Narrativ entwickelnde Logik. Leider lässt das Eingangstempo bei What/If zu schnell nach – die eigentlich interessante Nebenhandlung um Lisas schwulen Bruder und dessen Probleme mit einer ganz unqueeren Bravheit zieht sich wie geschmackloses Kaugummi, und die Aussage wird redundant.

Dennoch: In Sachen Rollenangebot für erwachsene Frauen und Komplexität dieser Figuren ist Zellwegers Anne eine wohltuende, selbstentlarvende Parodie auf das, was fiktionale Weiblichkeit jenseits der 50 üblicherweise oft leisten muss: Sie ist weder Mutter (obwohl ...) noch auf Partnersuche; weder Hausfrau noch lustig-vertüdelte Freundin; und ihre berufliche Expertise ist unangefochten. Hoch im Napa Valley thront sie in einer Villa, schaut sinnierend auf die eigenen Weinberge und spannt die sehnigen Arme beim Bogenschießen. Und wer das nicht glaubt, der hat wohl noch nie einen Lore-Roman gelesen.

06:00 07.07.2019

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